+49 5251 125-1400   ·   museum@erzbistum-paderborn.de   ·   Di.–So. 10.00–18.00 Uhr

einatmen : ausatmen

Breathing is a business like everything else

Installation von Claudia Brieske – ein Beitrag des Diözesanmuseums Paderborn im Rahmen des Kunstprojekts
TATORT PADERBORN – Phänomen Fußgängerzone (29. Mai bis 7. September 2014)

Mit einer Installation der Berliner Künstlerin Claudia Brieske beteiligte sich das Diözesanmuseum 2014 am Skulpturenprojekt Tatort Paderborn – Phänomen Fußgängerzone, kuratiert vom Münchener Kunstwissenschaftler Florian Matzner.

Der Beitrag von Claudia Brieske beschäftigte sich an zwei Standorten – der Senke östlich des Paderborner Doms sowie dem öffentlichen Parkhaus St. Vincenz im in der Innenstadt, die sich die Künstlerin durch eine imaginäre „underground-line“ verbunden vorstellt – mit dem Thema Atem und Luft als elementarem Vorgang. Eine rhythmisch getaktete 3-Kanal-Videoprojektion im Parkhaus war mit einer plastischen Klangtextur verbunden, die in der Domsenke zu hören war. Der Klang dort war ebenfalls an die Videoprojektionen getaktet und mit einer großen skulpturalen Geste in der Senke verbunden. Leider wurde die Installation während der Laufzeit durch Gerüste für die Fassaden-Sanierung an der Ostseite des Domes beeinträchtigt.

Parallel zur Installation wurden im Diözesanmuseum in einer eigenen Ausstellung Video-Installationen von Claudia Brieske aus der jüngeren Vergangenheit vorgestellt.

Tatort Live 06
Tatort-live-06
Tatort-live-05
Tatort-live-04
Tatort-live-08
Tatort-live-03
Tatort-live-02
Tatort-live-01

Konzept · Work in Progress

Die Idee

»Dem Konzept liegt die Idee der körperlichen Geste von Atmungsvorgängen zugrunde:

In meiner Vorstellung ist das Element Luft die immaterielle Verbindung zwischen den zwei Raumkoordinaten Parkhaus und Dom. Die Kanalsysteme, Ein-und Ausfahrten und die unsichtbaren Räume unter dem Marktplatz sind metaphorische „Atemröhren“, die Luft in horizontalen und vertikalen Bewegungs- und Strömungsachsen durch die Stadt transportieren.

Diese unsichtbare Leitung wird plastisch durch die Intervention an beiden Orten.

In allen Parkhäusern prägt das Element Luft umgehend die körperliche Wahrnehmung – besonders seine schlechte Qualität. Schilder warnen vor zu langem Aufenthalt wegen der Vergiftungsgefahr durch laufende Motoren und trotz Deckenlüftungen staut sich die Luft in den niedrigen Ebenen. Die Besucher/innen nutzen diesen Ort nicht länger als nötig.

Meine Installation wird dem Motiv Atmung – bzw. den Atmungsvorgängen durch metaphorische „Luftröhren“ im Untergrund des urbanen Raums – eine Form geben. Die Bildmetapher, die ich benutze ist eine große „Pferdelunge“, die den Lufttransport unter der Stadt plastisch macht. In einem closed circuit wird die Geste EINATMEN – AUSATMEN – EINATMEN – AUSATMEN – EINATMEN…im Parkhaus seinen Anfang nehmen und zur Domsenke transportiert. Dort wird sie in einer großen 2-teiligen audiovisuellen Klangskulptur aus Kunststoff aufgefangen, einer imaginären Veränderung ihres „Aggregatszustands“ unterworfen und wieder ins Parkhaus zurückgeführt.

Die Intervention im Parkhaus und am Dom werden über den gesamten Verlauf des Projektes „Tatort Paderborn“ Tag und Nacht durchlaufen und zu sehen sein – die „Atmung“ wird also nicht unterbrochen.

KONTRAPUNKTIONEN: Was verbindet und was trennt die Orte?

Das Parkhaus unter dem St. Vincenz-Krankenhaus ist eine typische 80ger Jahre- Architektur aus Beton, wie man sie in vielen Städten findet: die Ästhetik dieses Ortes liegt allein in seiner puren Funktionalität. Die einzelnen Parkplätze liegen in einer klaren geometrischen Anordnung zwischen den Aufgängen und den Ein- und Ausfahrten.

Ich habe für die Videoprojektionen das bauälteste der insgesamt vier Parkdecks gewählt. Es hat an der gegenüberliegenden Seite zur Ein- und Ausfahrt lange Wandflächen, die jeweils eine Gruppe von Parkplätzen mit Seitenwänden voneinander trennt. So entstehen Parkbuchten für jeweils 2 –3 Autos und die Frontwände in den boxenähnlichen Räume eignen sich sehr gut als Projektionsflächen.

Das Parkhaus wird sowohl von BesucherInnen des Krankenhauses, sowie auch von BesucherInnen der am hinteren Aufgang anfangenden Fußgängerzone zur Libori-Galerie und des zentralen Marktes genutzt. Im Gegensatz zu anderen Parkhäusern der Stadt ist dieses Parkhaus mit allen Ein- und Aufgängen 24 Stunden in Betrieb.

Die Senke an der Ostseite des Doms hat im Gegensatz zum Parkhaus keinen funktionalen, sondern einen eindeutig historischen und religiösen Charakter. Im Innern der Senke, die zwischen der Ostfassade des Doms und einer ca. 3m hohen Mauer zum hinteren Teil des zentralen Marktplatzes liegt, prägt das Gefühl „unten“ zu sein die Wahrnehmung. Der Blick richtet sich automatisch immer nach oben, hoch zur Ostfassade. Die Mauer, die gleichzeitig auch an den historischen Friedhof erinnert, der unter der Marktplatzfläche liegt, verstärkt diese vertikale Bewegung. An ihrem oberen Rand beginnt die hintere Marktplatzfläche, die hauptsächlich heute als Parkplatz genutzt wird. Die Mauer umschließt die Senke in zum Ende hin in einem Bogen wie eine Umarmung oder – körperlich übersetzt – wie einen Brustkorb/Thorax.

Hinter der Ostfassade liegt die Krypta des Doms. Im übertragenden Sinn gibt es auch hier einmal im Jahr vertikale und horizontale Bewegungen: während des Liborius-Festes im Sommer wird die Reliquie des Heiligen Liborius während einer Prozession aus der unten gelegenen Krypta hoch-, einmal quer über den Marktplatz und wieder herunter in die Krypta getragen.

Im hinteren Teil der Krypta befinden sich auch die in zwei Reihen übereinander liegenden Bischofsgräber. Diese funktionale „parkhausähnliche“ Anordnung der Grabmäler gleicht dem Ordnungsystem der Autos auf den Parkdecks.

Die Gesamtinstallation zielt darauf ab, den Raum der Domsenke durch den medizinisch-technischen Charakter der „Pferdelunge“ (= Lungenmaschine) zu ent-mystifizieren. Dagegen soll die strenge funktionale Raumatmosphäre des Parkhauses unter dem Krankenhaus poetischer und emotional „aufgeladen“ werden. Die inhaltliche Verbindung der unterschiedlichen Raumkoordinaten wird auch deutlich durch die Klang- und Zeittaktungen, die zwar direkt am einzelnen Ort nicht wahrnehmbar sind, jedoch deutlich werden, wenn der/die Besucher/in beide Orte aufsucht. So sind die Bildsequenzen in den Parkdecks getaktet an der Rhythmik des Glockengeläuts des Doms und die Klangtextur an der Domsenke an den Videosequenzen im Parkhaus.«

Die Installation

I. Videosequenzen im Parkdeck des Parkhauses:

»Ich plane 3 rhythmisch getaktete Videosequenzen (3-Kanal-Projektion) an der Frontseite des Parkdecks in 3 „Parkboxen“. Fast alle, die ihr Auto hier und auf den darüber liegenden Parkdecks parken, müssen an dieser Frontwand vorbeifahren. Für die Dauer der Ausstellung werden die Parkplätze für die Projektionen in den Boxen frei bleiben. Die Videosequenzen sollen nach Möglichkeit direkt und pur an die Wände projiziert werden. Um den Versprung in der Projektion zu mindern, soll die Wärmedämmung der durchlaufenden Rohre in zwei der Buchten entfernt werden.

Zu sehen ist ein Pferdekörper, der sich am Boden wälzt, liegt, aufsteht und wieder liegt. Dieses Wälzen wird als unendliche Auf- und Ab-Bewegung(vertikale Bewegungsachsen) gefilmt und bearbeitet. Auf 3 Projektionen – nebeneinander in einer horizontalen Linie – wird diese Bewegung als close up in verschiedenen Perspektiven und Geschwindigkeiten gezeigt. In den Sequenzen gibt es rhythmische Unterbrechungen von stop-and-go -Signalen, ähnlich einem „plastischen Timecode“. Ich möchte den Schnitt ebenfalls an das Glockengeläut am Dom takten.

Die kurzen geloopten Sequenzen sollen beim Vorbeifahren und nur kurzem Aufenthalt im Parkhaus wirken. Die Bilder werden im neutralen Raum (Hintergrund = Betonwand) aufgenommen. Der Charakter der Videosequenzen ist minimalistisch und pulsatorisch. Sie sollen nicht übermäßig dramatisch sein, jedoch eine Emotionalität in der Bildwirkung zeigen.

Diese Pferdemetapher zitiert eine sehr kurze Szene aus dem Film „Andrej Rubljow“ von Andrei Tarkowski aus dem Jahr 1966. Vor dem Hintergrund des russischen Mittelalters entwirft Tarkowski eine bildmächtige Komposition, die auf der Lebensgeschichte des russischen Ikonenmalers Andrei Rubljow basiert. Der Film beginnt mit Szenen, die eine Ballonfahrt zeigen. Ein Mann schwebt mit dem Ballon davon und erfreut sich an dem Anblick der weiten Landschaft, die sich ihm bietet. Die Fahrt endet in einer Bruchlandung und direkt darauf folgt eine Szene, die ein Pferd in der Halbtotalen zeigt, das sich wälzt und versucht wieder aufzustehen. Diese Szene dauert etwa 20 Sekunden, ist sehr poetisch und symbolisch und hat vordergründig keinen Einfluss auf die weitere Filmhandlung.

Ich möchte diese Bewegung mit einem Pferd als Nahaufnahme nachfilmen und die Bewegung in einem neuen (oben beschriebenen) Rhythmus verlangsamen und takten. Das Pferd und seine Bewegung nimmt inhaltlich und formal Bezug zu den vielen parkenden und „leblosen“ Autos auf und wird so zu einem emotionalen Kontrapunkt in der funktionalen Raumatmosphäre auf den Parkdecks.

Die Videosequenzen haben keinen eigenen Klang. Sie sind jedoch gekoppelt mit 2 live-Mikrophonen, die den Umgebungston im Parkhaus aufnehmenund leicht verstärkt mit einer Zeitverzögerung von etwa 2-3- Sekunden wiedergegeben. Dadurch verstärkt sich an der Frontseite der Parkdecks das räumliche Bildfenster, die Projektionen werden in ihrer Wirkung dichter und präsenter.

 II. Die Klangskulptur in der Domsenke:

Die große skulpturale Spur wird kein singuläres Objekt, sondern die Installation eines plastischen Körpers, der mit der Architektur der Senke verbunden ist. Sie hat die Form von zwei Flügeln einer überdimensionalen „Pferdelunge“ mit einem medizinisch-technischen Charakter. Das Material wird ein robuster, möglichst transparenter Kunststoff sein (spezielle Silikonmischung), da die Untergrundstruktur des Bodens der Senkel soweit wie möglich sichtbar bleiben soll. Zudem unterstützt das Material den medizinisch-technischen Charakter.

Eine Gebläsepumpe bewirkt eine sehr langsame Aufblas- und Abluftbewegung, einer Atmung gleich, die jedoch in einem 15min Rhythmus zeitlich am Glockengeläut getaktet ist:

15 min = Einatmung + 15 min = Ausatmung
Die beiden künstlichen Lungenflügel haben ein ständiges Grundvolumen von Luft, die sie auf etwa 70-80cm Höhe hält. Sie bedecken eine Bodengrundfläche von etwa 60m2 und füllen die Senke fast vollständig aus. Bei der „Einatmung“ strömt durch die zeitlich gesteuerte und mit einem Ventil ausgestattete Gebläsepumpe Luft in beide Formen und bewirkt innerhalb von 15min eine asynchrone Ausdehnbewegung auf eine Höhe von ca. 110-120cm Höhe. Bei der darauf folgenden „Ausatmung“ von ebenfalls 15min sinkt die Höhe der Formen wieder auf das Grundvolumen und die Grundhöhe von 70-80cm zurück. Diese „Atembewegung“ ist durchlaufend geplant.

Die Architektur der Domsenke – insbesondere die Krümmung der Mauer – unterstützt das „embodyment“ der Plastik, die wie ein künstliches Organ in einer Art Thorax eingebettet ist. Der ganze Raum erhält dadurch die Anmutung eines Organismus.

Klang:

Am Ort installierte Lautsprecher machen eine an- und abschwellende weiche und eher tief-frequente Klangtextur hörbar. Sie begleitet und ergänzt die Ausdehnungsbewegung des plastischen Körpers suchen. Sie baut sich aus mehreren eher technisch anmutenden Klangspuren langsam auf, verdichtet sich und löst sich dann wieder auf. Verdichtung und Auflösung sind ebenfalls an der „slow motion – Atmung“ der Lungenflügel getaktet.

Als Kontrapunkt in dieser linearen Klangtextur wird die Atmung des Pferdes (schnauben, schnaufen), dass sich im Parkhaus wälzt, eingesetzt. Sie ist die auditive Verbindung zu den Videosequenzen im Parkhaus und verdeutlicht das Bild des „Stadt-Organismus“, bzw. der metaphorische „Atemröhren“ im Untergrund des urbanen Raums.

Zur Technik:

In der Mitte der Senke gibt es eine quadratische Öffnung (Abflussöffnung) in den Maßen 65cm x 65cm, darunter öffnet sich ein Raum von ca.1,30m Tiefe. In diesen Raum soll die Technik, bzw. die Gebläsepumpe, die Klangtechnik (Abspieltechnik + Lautsprecher) eingesetzt werden. Außerdem werden dort die Endstücke der beiden Lungenflügel mit der Gebläsepumpe verbunden. Zudem

ragen aus der Bodenöffnung auch Schläuche zum Luft ansaugen für die Gebläsepumpe hervor. Sie sollen sichtbar sein, unterstützen sowohl den organischen, als auch den medizinischen Charakter der Formen (= „Luftröhren“, „Atemwege“)

Damit die Technik durch Wasser geschützt ist, muss eine Umleitung um die Öffnung gebaut werden. Daran befestigte Rohre, leiten das Wasser an der Technik vorbei.

Das Material aus dem die Lungenflügel gegossen werden ist eine spezielle Mischung des Kunststoffs Silikon in ca. 2,5mm Stärke. Es ist sehr robust, brandsicher (Faktor B1) und zum Teil dehnbar, d.h. nicht zu unflexibel für eine weiche Ausdehnungsbewegung.

Jeder Flügel wird an mindestens 3 Punkten am Boden verankert und die Kanten der Pfeiler geschützt, um den Kunststoff gegen die Abnutzung bei durchlaufender „Atembewegung“ zu sichern.

Beispiele / Impressionen aus der Konzeptionsphase / vom Aufbau

Video Sequenz

Klangskulptur

Ortsbezug

Für das Museum ergeben sich einige spannende Anknüpfungspunkte an die Standorte der Video-Klang-Skulptur und ihre imaginäre Verbindungslinie. Die Installation verweist auf das Verborgene und damit auch auf tausende von toten Paderbornern, die seit der Zeit Karls des Großen auf dem Alten Domfriedhof zwischen Dombereich und Gaukirche ruhen. Eine Vision des Propheten Ezechiel beschreibt eindrücklich wie der Hauch Gottes im Tal der Knochen über eine Ebene mit Gebeinen geht und die dort Ruhenden wieder lebendig werden lässt – für die Christen ein Zeichen für die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben. Der Atem als Motiv und elementarer Vorgang des Lebens erhält in diesem Kontext einen komplexen metaphorischen Bedeutungshorizont.«

Abbildungen

  • „Vision des Ezechiel“ als Detail am Grabdenkmal für Fürstbischof Dietrich (Theodor) von Fürstenberg († 4. Dezember 1618) im Dom zu Paderborn.
  • Die Senke an der Südost- und Ostseite des Domes veranschaulicht das frühe Bodenniveau des heutigen Domplatzes und früheren Domfriedhofs.
  • Einfahrt in das Parkhaus unter dem Komplex des St. Vincenz-Krankenhaus an der Kasseler Straße.
Ea Karte Pb

»einatmen : ausatmen« im Kontext der Kunstaktion „Tatort Paderborn“

Kunstprojekt TATORT PADERBORN – Phänomen Fußgängerzone 

Ist die Einkaufsmeile, die im Herzen fast aller deutschen Städte zu finden ist, ein lästiger Un-Ort oder eine Goldgrube? Rund 100 Tage lang hinterfragt das temporäre Kunstprojekt TATORT PADERBORN – Phänomen Fußgängerzone (29.05. -07.09.2014) städtebauliche, gesellschaftliche und psychologische Aspekte dieses öffentlichen Raums. So steht jetzt, mitten auf der Haupteinkaufsmeile Paderborns, White Elephant, eine Skulptur des Düsseldorfer Künstlers Markus Ambach. Ein Ungetüm, gebaut aus gebrauchter Stadtmöblierung aller Art. Im Englischen steht der Begriff für belastenden Besitz, für ein Projekt, das mehr Ärger und Kosten verursacht, als es wert ist. Nur wenige Meter vom Weißen Elefanten entfernt, bedecken die Münchner Künstlerinnen Clea Stracke und Verena Seibt den Boden in liebevoller Kleinarbeit mit Blattgold. Kontraste eines Kunstprojekts.

_YUP508412 Künstler/innen und Künstlergruppen hat Kurator Florian Matzner nach Paderborn eingeladen. Es sind überwiegend Vertreter/innen einer jungen, international agierenden Künstlergeneration. „Die Installationen, Performances, Skulp-turen und Interventionen, die hier entstanden sind, kommentieren diese sehr deutscheProblemzone mit einer gehörigen Portion Witz und Provokation“, sagt Kurator Florian Matzner. „Es gibt Arbeiten, die sich stellvertretend mit einzelnen Aspekten des Themas auseinandersetzen, andere suchen einen direkten lokalen Bezug.“

Lebensraum Innenstadt 

„Dieses Projekt ist zugleich eine Chance und eine Aufforderung für alle Paderbornerinnen und Paderborner, den Raum im Mittelpunkt ihrer Stadt neu wahrzunehmen“, erklärt Bürgermeister Heinz Paus. „Die bildenden Künstlerinnen und Künstler machen mit ihren Arbeiten auf vieles aufmerksam, was wir normalerweise übersehen. Sie regen zu einer Diskussion darüber an, wie wir den Lebensraum Fußgängerzone sehen, wie wir ihn nutzen und gestalten wollen.“

Architektur wird hier kaum wahrgenommen. Muße-Orte gibt es selten, stattdessen Café to go und Essen im Stehen. Und wer will hier am Abend sein? Die meisten Städte kämpfen seit vielen Jahren darum, ihre Innenstädte attraktiv zu machen. Geht es dabei nur um Kommerz? Welche Rolle spielen Kommunikation und Kultur?

Weil sich mit den Themen der Fußgängerzone in der Regel nur Marketingexperten und Wirtschaftsförderer beschäftigen, luden Stadt und Ausstellungsgesellschaft Paderborn bereits im Jahr 2010 Experten aus anderen Bereichen zum Think Tank ein. Die Fragestellung: Sollte man Künstler/innen bittet, sich speziell mit der Fußgängerzone auseinanderzusetzen? Welche Themen können sie aufgreifen, welche Fragen werden sie stellen? Die Veranstaltung wurde zum Startsignal für das Kunstprojekt „Tatort Paderborn 2014“.

Die Künstler/Innen und ihre Arbeiten

Der überwiegende Teil der Arbeiten von TATORT PADERBORN ist entlang der zentralen Westernstraße zu sehen – konzentriert auf einen Radius von etwa 500 Metern.

Hier trägt Markus Ambach (Düsseldorf) Werbeschilder und Stadtmöblierung zu seiner Skulptur White Elephant zusammen, die, wie ein mächtiger Stolperstein, mitten in der Haupteinkaufszone thront. Benjamin Bergmann(München) hinterfragt augenzwinkernd das Private und das Öffentliche, in dem er einen vorhandenen Brunnen mit seiner Wäschespinne krönt. Absurd, denn eine Fontäne hält die Wäschestücke ständig feucht. Das Lebenszeichen an sich, die Atmung, ist das tragende Element einer zweiteiligen Video- und Klanginstallation vonClaudia Brieske (Berlin), die eine Senke am Dom mit einer Tiefgarage verbindet. einatmen : ausatmen – Breathing is a business like everything else ist ein Beitrag des Erzbistums Paderborn/Diözesanmuseum. dilettantin produktionsbüro (Bremen) taucht subversiv und an unterschiedlichen Orten mit einem ungewöhnlichen Verkaufswagen auf. Titel und Motto: SLOe Tu dir Gutes. Im Angebot: Kulinarisches und Kommunikation. Dorothee Golz (Wien) lässt uniforme Sitzbänke in der Fußgängerzone gegen ihr farbiges Kommunikationsmöbel Chair to Share austauschen. Man kann sich als Betrachter oder als Agieren-der auf sie einlassen. Sie laden ein zu Kontakt, Kommunikation und zum Nachdenken über Gestaltung im öffentlichen Raum. Die Arbeit von Christian Hasucha (Berlin), später sein wird, wurde bereits Mitte 2013 realisiert. Ein zarter, junger Apfelbaum wird hier umrahmt, scheinbar beschützt von einer stählernen Schablone, die wie eine Silhouette den Umriss eines ausgewachsenen Baumes nachzeichnet. Die Stiftung der Sparda-Bank West hat dieses Werk ihres Kunst-preisträgers NRW 2012/13 der Stadt Paderborn geschenkt. Huang Yong Ping (Paris) zitiert christliche und zugleich fernöstliche Symbolik, wenn er Cage, seinen riesigen Schlangenkäfig, unweit der Shoppingmeile ins Grüne stellt. Um radikale Abkehr vom Reichtum geht es in der zweiteiligen Videoarbeit von M+M, Martin De Mattia und Marc Weis (München). Sie nimmt eine zentrale Szene aus der Geschichte des Hl. Franziskus auf und versetzt sie in die Gegenwart. Ooze Architects (Rotterdam) legen ihren Heilkräutergarten Hortus Oblitus in rund 100 Hochbeeten an. Urban Gardening auf dem Kirchplatz und eine Erinnerung an ehemalige Klostergärten. Der mitten in der Innenstadt gelegeneRaum für Kunst, ein Paderborner Künstlerkollektiv, ist mit wechselnden Ausstellungen im eigenen Domizil und Aktionen im Außenraum vertreten. Clea Stracke und Verena Seibt (München) überziehen bei ihrerStadtvergoldung mitten in der Haupteinkaufsstraße Pflastersteine, Betonplatten und Gulli-Deckel mit Blattgold. Der liebevolle Umgang mit dem Profanen lenkt die Aufmerksamkeit auf das Phänomen Fußgängerzone selbst.Silke Wagners (Frankfurt a. M.) große Neon-Arbeit Sometimes, in Form eines Pfaus, leuchtet erst nach Münzeinwurf und entzieht sich der Vereinnahmung als Stadtdekoration auf subtile Weise.

Kooperation mit dem Erzbistum Paderborn / Diözesanmuseum Paderborn

Mit der Arbeit von Claudia Brieske beteiligt sich das Erzbistum Paderborn/Diözesanmuseum erstmals mit einem eigenen, zeitgenössischen Beitrag an einem Kunstprojekt im öffentlichen Raum von Paderborn. Die Zusammenarbeit begann bereits 2011 im Rahmen der Ausstellung Franziskus – Licht von Assisi des Diözesanmuseums. Unter der kuratorischen Leitung von Florian Matzner entstand dazu die Arbeit Donnerstag von M+M, Martin De Mattia und Marc Weis. Sie wurde an zwei Orten in der Fußgängerzone gezeigt.

Die Stadt Paderborn engagiert sich seit 2003 mit temporären Kunstprojekten im öffentlichen Raum ihrer Innenstadt.

Die Künstlerin Claudia Brieske

Claudia Brieske

Claudia Brieske

Durch die Zusammenarbeit mit dem Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn bei der Ausstellung „Franziskus – Licht aus Assisi“ (Filmische Installation „Donnerstag“ von M+M), konnte das Erzbistum gewonnen werden, einen eigenständigen Beitrag zur Ausstellung Tatort Paderborn 2014 beizutragen. Die Berliner Künstlerin Claudia Brieske wird ihn realisieren.

Die Beziehung zwischen Klang, Bild und Bewegung hat in ihrer Arbeit eine besondere Bedeutung. Sie entwickelt ortsspezifische Video- und Klanginstallationen, die sie durch Teilnahmen an Festivals für Neue Musik und bei der Arbeit an Theaterproduktionen in verschiedenen Richtungen entwickeln konnte.

CLAUDIA BRIESKE · FOTO: © MARIE KLEIN
WWW.CLAUDIA-BRIESKE.NETClaudia Brieske (*1966) studierte Malerei an der Accademia di Belle Arti di Firenze und Freie Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Später arbeitete sie dort als Lehrbeauftragte und als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Media Art & Design. 2013 bekam Claudia Brieske den Medienkunstpreis des Saarländischen Rundfunks für ihr Werk „Körperschleusen (Liquid Souls)“.

Katalog

Im Kerber Verlag Bielefeld ist ein deutsch/englischer Katalog im Umfang von 176 Seiten zum Preis von 30 Euro erschienen.