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Prof. Dr. Christoph Stiegemann

Prof. Dr. Christoph Stiegemann

Als Einrichtung der Erzdiözese ist das Paderborner Diözesanmuseum vorrangig dem künstlerisch-kulturellen Erbe des Erzbistums verpflichtet. In den Anfängen um die Mitte des 19. Jahrhunderts verstand sich das kirchliche Museum  in erster Linie als Rettungsstation bedrohten christlichen Kunstguts. Das hat sich bis heute nicht geändert, ja dieser Aspekt gewinnt sogar wieder zunehmend an Bedeutung. Während Nachrichten über Aufgabe, Verkauf oder gar Abbruch von leer stehenden Kirchen wiederholt in den Medien standen, Schlagzeilen wie: „Deutschland schleift seine Gotteshäuser“ oder „Vom Heiligtum zur Immobilie“ die Öffentlichkeit alarmierten, wurde vom Schicksal der mehr oder weniger kunstwerten Ausstattung dieser Kirchen bisher kaum Notiz genommen. Gerade in Anbetracht der Leerstände und der drohenden Schließung von Kirchen wird der Verbleib ihrer mehr oder weniger kunstwerten Ausstattung dieser Kirchen zu einem Problem, das in seinen Dimensionen noch gar nicht richtig in den Blick genommen ist. Zur angemessenen Beurteilung ist es daher zwingend notwendig, im Vorfeld zu wissen, was man hat. Das wurde in Paderborn sehr früh erkannt und seit 1987 die Inventarisierung des Kunstgutes in den Kirchengemeinden  unter der Leitung des Diözesanmuseums kontinuierlich ohne Unterbrechungen flächendeckend und systematisch betrieben. Ende 2014 wird der gesamte Bestand in den ehemals 800 Pfarreien des Erzbistums zentral erfasst sein. Darüber hinaus ist man dazu übergegangen, dezentral über das Erzbistum verteilt profanierte Kirchen als Depots zu übernehmen, sie sicherungstechnisch aufzurüsten und dort Kunstgut einzulagern. So gelingt es, der häufig unter dem Druck der Schließung vorschnell veranlassten Entsorgung von wertvollen Ausstattungsstücken vorzubeugen, die Vorgänge zu entschleunigen und Zeit zu gewinnen, um gute Lösungen für den Erhalt und die weitere Verwendung der Ausstattungsstücke zu finden.

Bildungsauftrag

Nun ist es beileibe nicht damit getan, das Museum als Hort kirchlicher Kunst gewissermaßen auf seine Funktion des Sammelns und Bewahrens zu beschränken. Als wesentlicher Schwerpunkt der Museumsarbeit tritt der Bildungsauftrag hinzu, der die klassische Trias des Sammelns, Bewahrens und Erforschens ergänzt. Mit seiner vielgestaltigen Sammlung, einem breit angelegten museumspädagogischen Angebot für alle Altersgruppen und Wechselausstellungen zu wichtigen Themen aus Kirche, Kunst und Kultur in Gegenwart und Vergangenheit präsentiert sich das Museum  zugleich zukunftsorientiert und traditionsbewusst.

Von zentraler Bedeutung ist das Museum als Ort der Vermittlung von Wissen über die Geschichte des christlichen Abendlandes und die christlichen Wurzeln der Region. Es möchte ein außerschulischer Lern-Ort sein, wo durch die direkte Begegnung mit originalen Sachzeugnissen aus einer 2000-jährigen Geschichte nicht nur die Vergangenheit erlebbar wird, sondern auch der eigene Standpunkt mit in die Betrachtung eingebracht werden kann. Hier arbeiten wir im Verbund mit Schulen und Bildungseinrichtungen aber auch kommunalen und staatlichen Museen, die ja gleichfalls umfangreiche Kirchenschätze bewahren. Für uns sind  die Zeugen sakraler Kunst kein totes Erbe, das es nur aus kulturhistorisch begründeter Rücksichtnahme zu bewahren gilt. Vielmehr sehen wir in ihnen lebendige Zeugnisse des Glaubens unserer Vorfahren. Auch wenn sie aus dem Gebrauch genommen sind, so vermitteln sie doch Kenntnisse über die Zusammenhänge bis zurück zu den Anfängen.

Selbstverständlich werden die Dinge durch die museale Präsentation aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und dann als bislang nicht in Beziehung stehende Objekte neu kombiniert. Das erfordert in jedem Fall neue, dabei stets auch wandlungsfähige Ordnungs- und Deutungsleistungen. Wie kaum eine Institution hat das Museum die Möglichkeit zur ‚Dingkombinatorik’, der ungewohnten, kühnen und inspirierten Anordnung von Gegenständen. Selbstverständlich werden Informationen zum ursprünglichen Kontext, dem Sitz im Leben, einbezogen. Nie wird jedoch geleugnet, dass es sich um Fragmente handelt, die ihr geschichtliches Gewordensein mit allen späteren Veränderungen zeigen.

Wechselausstellungen – Von Karl dem Grossen bis CARITAS

Gegenüber den Kunstwerken in gottesdienstlichen Räumen besteht im kirchlichen Museum die zusätzliche und spezifische Möglichkeit, sich durch die Präsentation und Hinführung in gesteigerter Weise auf die Bildschöpfungen und ihre Aussagen einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das ist in besonderem Maße bei den seit 1999 realisierten großen kunst- und kulturhistorischen Mittelalterausstellungen des Paderborner Museums mit ihrem hohen Anteil an atmosphärisch dichter Inszenierung und Erlebnisqualität der Fall. Ausgehend vom regionalen Focus, wobei stets der aktuelle Bezug und „Sitz im Leben“ wichtig ist, wird ein umfassendes Panorama der jeweiligen Epoche entworfen. Dafür eignet sich der wie ein theatrum sacrum konzipierte Museumsbau besonders gut. Man kann im Eingangsraum eine medial aufbereitete Auftaktinszenierung gestalten, die den Besucher einstimmt, ihn in das Thema ein- und in die Zeit entführt, um dann auf den sich spiralförmig in die Höhe schraubenden Ebenen die Themeneinheiten der Ausstellung zu entwickeln. Der Besucher ist dabei nie gezwungen, den Illusionsraum der Ausstellung zu verlassen. So lässt sich der Spannungsbogen der Geschichte vom Anfang bis zum Ende durchhalten. Dabei sind  die Ausstellungen zu übergreifenden Themen und Epochen der christlichen Kunst und Kultur des Mittelalters und der Neuzeit immer mit direkten historischen bzw. kunsthistorischen Bezügen in der Bistumsgeschichte verankert. Die überaus erfolgreichen Ausstellungen

  • „799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit“ (1999),
  • „Byzanz – das Licht aus dem Osten“ (2001/2002),
  • „Canossa – Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik“ (2006)
  • „Franziskus – Licht aus Assisi“ 2011/2012 sowie zuletzt die große
  • CREDO–Ausstellung zur „Christianisierung Europas im Mittelalter“ (2013)
  • CARITAS – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart (2015)

haben das Diözesanmuseum weit über die Grenzen der Stadt und des Erzbistums hinaus bekannt gemacht und einen großen Interessentenkreis neu erschlossen. Hier wird nicht nur der Verstand angesprochen, vielmehr erlebt der Besucher sich beim Museumsbesuch mit allen Sinnen und Geistesvermögen ganzheitlich, unmittelbar berührt und bewegt. So vermögen die Ausstellungen Sinnhaftigkeit zu vermitteln. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Eintrag im Gästebuch der Karolinger-Ausstellung vom 29.10.1999. Da heißt es: “Vor dem inneren Auge entsteht eine ganze Epoche so unmittelbar, als sei sie gegenwärtig; ein Erlebnis von “Gleichzeitigkeit”. Wie viel Christen dieser Zeit verdanken, wurde mir hier unnachahmlich deutlich.”