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Er ist eines der bedeutendsten Objekte des Paderborner Domschatzes und seit 1975 Teil der Sammlung des Diözesanmuseum: Der Tragaltar aus den 20er Jahren des 12. Jahrhunderts. Kuratorin Dr. Christiane Ruhmann stellt dieses besondere Werk, die ihn schmückenden Darstellungen und seine bewegte Geschichte vor und wagt sogar einen Blick in sein Inneres.

Abb. 1 · Aktuelles Bild vom Brunnen auf dem Marktplatz mit Autor

Museum geschlossen? Wir sind nicht verreist!

In diesem Blogbeitrag berichtet unser Kollege Hans Hillermann über sein Forschungsprojekt zu einem bedeutenden Paderborner: Josef Rikus! Viel Spaß beim Lesen.

Hinter den Museumstüren werden neue Projekte vorbereitet, doch liefern wollen wir schon jetzt! Denn der Lockdown soll die treuen Freunde unseres Museums nicht davon abhalten, auf den (schon zu lang!) ersehnten Kunstgenuss zu verzichten. Machen wir also aus der Corona-bedingten Not die sprichwörtliche Tugend und verlegen die Kunstbetrachtungen einstweilen vor die Tür. Da trifft es sich gut, dass sich eins unserer Forschungsprojekte einem Bildhauer widmet, dessen Objekte nicht nur im Museum stehen, sondern auch davor. Josef Rikus (1923-1989) prägte mit seinen Kunstwerken im öffentlichen Raum das heutige Stadtbild Paderborns wie kein Zweiter.

Steht der Besucher vor der noch verschlossenen Museumstür, genügt eine 180-Grad-Wende und schon hat er das erste Objekt vor Augen.

Abb. 2 · Josef Rikus im Atelier beim „letzten Feinschliff“ am Gipsmodell

Der Neptunbrunnen auf dem Marktplatz verdankt seine Existenz der Stiftung einer 1976 gegründeten Bürgerinitiative. Schon lange hatte in Paderborn der Wunsch bestanden, den im letzten Kriegsjahr 1945 durch einen Bombentreffer zerstörten alten „Neptun-Kump“ durch einen neuen Brunnen zu ersetzen. Der vorgesehene Standort war bereits einige Zeit zuvor durch eine ausgesparte Fläche in der Pflasterung des Platzes festgelegt worden. Wie und von wem die klaffende Lücke auf dem Marktplatz zu schließen sei, das sollte ein Künstlerwettbewerb entscheiden. Den aus Spenden finanzierten Brunnen wollte die Bürgergemeinschaft der Stadt 1977 zum Geschenk machen, passend zum anstehenden 1200jährigen Jubiläum (Karl der Große hielt 777 in Paderborn den ersten Reichstag auf sächsischem Boden ab).

Soviel sei an dieser Stelle schon verraten: Der optimistisch gesetzte Wunschtermin konnte nicht eingehalten werden. Der feierliche Akt der Brunneneinweihung wurde erst 1979 vollzogen. So steht es auf der Bronzetafel an der äußeren Brunnenwandung.

Nach lang und kontrovers geführten Diskussionen über das Aussehen des Brunnens – es standen Felsformationen mit Wasserläufen, Früchte tragende surreale Gestalten und andere Themen zur Auswahl – erhielt letztendlich Josef Rikus den Zuschlag. Vielleicht auch weil sein Motiv das einzige mit historischem Bezug war?

Die abstrakte und expressive Darstellungsweise war indes für viele Paderborner zunächst gewöhnungsbedürftig und machte den Meeresgott – gemessen am Grad seiner Akzeptanz in der Bürgerschaft – zunächst zum Schicksalsgenossen des benachbarten Museumsneubaus (1975), welcher mit seiner prägnanten Bleifassade so manchen Skeptiker mobilisierte. Gewiss, man kann über die Form und Wahl der Ausdrucksmittel bei beiden Objekten streiten, aber kann man etwas Besseres über Kunst sagen?

Abb. 3 · Erste „Anprobe“ mit einer 1:1-Atrappe vor Ort

Die Einfassung des Neptunbrunnens bestand in einem frühen Entwurfsmodell – analog zur Skulptur – aus kantig-kubischen Formen und war polygonal. Ihre unregelmäßig gesetzten, abknickenden Eckquader sollten höher aus der Marktfläche hervorragen. In der endgültigen Version erhielt der Brunnen eine Umrandung aus sanft ansteigenden, versetzten Kreisformen, die heute von den Marktbesuchern gern als Sitzgelegenheiten genutzt werden. Auch bilden die gerundeten Bänke einen milden Übergang zum schräg abfallenden Plateau. Betrachten wir sie als versöhnliche Geste des Künstlers.

Ohne Frage beherrscht die mächtige Bronzeskulptur den gesamten Platz. Ist der Brunnen in Betrieb, dann umtosen den Meeresgott laut rauschende Fontänen. Wie jeder Springbrunnen, so verdankt auch dieser seine Wirkung der Bewegung des Wassers. Doch kommt das nasse Element an diesem Ort selbst dann nicht zur Ruhe, wenn es am Abend und in frostigen Zeiten nicht mehr sprudelt. Durch die zerfetzten Konturen der Bronze bleibt jene Wucht und Dynamik des aufgewühlten Wassers weiterhin spürbar, die Neptun mit seinem plötzlichen Auftauchen aus der Tiefe des Meeres verursacht. Wie bei einer kurz belichteten Fotografie die bizarre Gestalt eines Wasserschwalls „eingefroren“ wird, so hält Rikus diesen flüchtigen Moment in der erstarrten Bronze fest. Neptun schnellt aus der Mitte der eruptiv aufgeworfenen Wogen empor und reckt seinen Dreizack gen Himmel. Die ausgefransten Ränder der bronzenen Wasserfetzen machen die Rasanz des Auftauchens sinnfällig und lassen ahnen, wie das Wasser im Wind zerstäubt. Die Art wie der Künstler hier das elementare Ereignis formuliert, lässt nichts von jener dem Material anhaftenden Schwere spüren, die auf Bronzeskulpturen leider allzu oft zu lasten scheint.

Oben am Marktplatz geht es in die Einkaufsstraße Schildern. Hier beginnt die Fußgängerzone, an deren Ende, am Westerntor, Josef Rikus mit einer völlig anders gearteten Brunnengestaltung einen fulminanten Schlusspunkt setzte. Dieses Projekt konnte der Bildhauer bereits 1977 vollenden, also rechtzeitig zum Jubiläumsjahr! Wie die Lokalpresse seinerzeit berichtete, hatte auch die Sparkasse etwas zu feiern; sie hatte als Bilanzsumme die erste Milliarde zusammen – damals waren es noch D-Mark. Die Freude darüber wollte das Geldinstitut mit den Paderbornern teilen und stiftete der Stadt diesen Brunnen.

Der Brunnen am Westerntor ist ein Schlusspunkt in doppelter Hinsicht. Städtebaulich markiert er – je nach Perspektive – den Anfang oder das Ende der fußläufigen Einkaufszone; im Oeuvre des Künstlers bildet er den „Schlussstein“ in einer Reihe von abstrakten Brunnenskulpturen, die Josef Rikus als „bildhauerische Übersetzung eines Baumes“ dachte. Mit einem ersten Brunnen dieser Art beteiligte er sich 1960 an einem Wettbewerb für die Pädagogische Akademie in Paderborn. Vergeblich! Die Paderborner waren noch nicht so weit. Im darauf folgenden Jahr hatte der Bildhauer mit seinem Entwurf in Köln mehr Glück. Der Brunnen steht dort vor dem Gymnasium in Köln-Bucheim. Weitere Brunnen folgten. Mal haben die Brunnenskulpturen nur einen Stamm, mal sind es zwei oder drei. Ihre von horizontal gelagerten Platten geprägten Silhouetten erinnern an bizarre Felsformationen, bei denen Wind und Wasser die weicheren Sedimentschichten im Laufe der Zeit herausgewaschen haben.

Abb. 5 · Brunnen am Westerntor

1967 konnte Rikus einen ersten Brunnen dieser Art in seiner Heimatstadt aufstellen. Er steht vor dem damals neu errichteten Paderborner Kreishaus. Für die Hauptverwaltung der Nixdorf Computer AG (heute Heinz Nixdorf MuseumsForum) ließ der Bildhauer 1974 eine ganze Brunnen-Baum-Landschaft aus hellem Marmor entstehen. Ihre gestuften Becken füllen dort die große Bühne vor einer breit gelagerten Architekturkulisse.

Abb. 6 · Brunnen vor dem Heinz Nixdorf MuseumsForum
Abb. 7 · Modell des Brunnens am HNF

Anfangs hatten die als horizontales Astwerk gedachten bruchrauen Platten noch die natürliche Struktur von Felsen, später wurde diese Natur immer mehr abstrahiert. Die Formen der Brunnen gerieten regelmäßiger, ihre Flächen glatter und das Wasser lief nun über kubische Kaskaden herab. Am Ende – und hier sind wir wieder am Brunnen vom Westerntor – verliert der abstrahierte Baum auch seinen Stamm und ist nur noch Krone.

Mit der Proportion und Platzierung dieses Brunnens bewies der Bildhauer ein bemerkenswertes Augenmaß. In dichter kubischer Schichtung ergießt sich hier das Wasser über recht- und vieleckige Platten aus Muschelkalkstein in ein versenktes Becken, das mittig vor zwei sich beinah symmetrisch gegenüberstehenden Penthäusern liegt. Sie bilden von der Bahnhofseite aus gesehen das Tor zur Stadt. Aus dieser Perspektive scheinen die geschichteten Steinmassen des Brunnens das Tor zu schließen und schaffen so einen optischen Halt in der langen Sichtachse von Bahnhof- und Westernstraße. Mit der Aufschichtung seiner Platten wiederum scheint der Brunnen auf die zu beiden Seiten gestapelten Stockwerke der Penthäuser zu antworten.

Wechselt man die Perspektive und richtet den Blick vom Zentrum stadtauswärts, so markiert der Brunnen das Ende der Fußgängerzone. Aus dieser Sicht wirkt der Steinstapel mit dem breit und laut herabplätschernden Wasser wie ein Vorhang, der – optisch und akustisch! – von der vielbefahrenen, lauten Kreuzung abschirmt.

Ein erstes Fazit an dieser Stelle: Im Rennen um eine fristgerechte Fertigstellung zum Jubiläum hatte die Sparkasse mit dem Westerntor-Brunnen die Nase vorn, was die Gunst der Bevölkerung betrifft, dürfte der Neptunbrunnen gewonnen haben.

Abb. 8 · Kreuz am Gierstor

Verlassen wir den beruhigten Bereich der Fußgängerzone und gehen über die Wallpromenade zum Kreuz am Gierstor. Das monumentale Kupferkreuz zählt noch zu den frühen Großskulpturen von Josef Rikus. Sein Entwurf nahm 1963 in der Werkstatt des Paderborner Kunstschlossers Eikel Gestalt an. Bereits 3 Jahre zuvor hatte die Stadt entschieden, den Kreuzungsbereich am Gierstor neu zu gestalten. Dort galt es ein altersschwaches, schadhaftes Wegekreuz durch ein neues zu ersetzen. Also setzte man 1960 das übliche Prozedere in Gang: Künstler wurden gefragt, eine Kommission wurde gebildet. Einen in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Entwurf lieferte seinerzeit Josef Rikus in Form einer Kreuzigungsgruppe ab. Sie gehört vielleicht zu den schönsten und überzeugendsten Arbeiten, die in neuerer Zeit zu diesem Thema geschaffen wurden. Das eigens hierfür angefertigte Sandsteinmodell im Maßstab 1:5 wird im Diözesanmuseum aufbewahrt.

Abb. 8 · „Liegendtransport“ unter Polizeischutz

Bei diesem ersten Entwurf für das Gierstor löst Rikus die Grundform des Kreuzes auf, indem er den Kreuzstamm fehlen lässt und an seiner statt nur die Gestalt des Gekreuzigten zeigt, der mit seinen Armen die Verbindung zum Querbalken herstellt. Ungewöhnlich wie das fehlende Kreuz ist auch die Darstellung der Assistenzfiguren. Anders als bei den klassischen Kreuzigungsgruppen, bei denen Maria und Johannes das Kreuz flankieren, sollten hier zwei trauernde Gestalten ein wenig abgerückt vom Kreuz und einander zugewandt stehen. Die Trauernden waren ohne Sockel gedacht, blieben anonym und waren so auf einer Ebene mit dem mitfühlenden Betrachter.

Doch erschien der Kommission diese, von den konventionellen Vorstellungen abweichende Form als zu ungewöhnlich und mithin als nicht akzeptabel. Nach langwierigen Genehmigungsverfahren konnte Rikus schließlich im November 1963 das jetzige Gierstor-Kreuz aufstellen.

Die auf kubisch verfestigte Formen reduzierte Gestalt des Gekreuzigten betont mit ihren kantig-gratigen Verläufen eine Aufwärtsbewegung, die in den schräg hochgereckten Armen fortgeführt wird. Die Hände reichen über den Querbalken hinaus und sind wie die Füße ohne Wundmale. Christus ist als Überwinder des Todes dargestellt. Die Silhouetten von schmalem kantigen Körper und Kreuzstamm gehen ineinander über. Kreuz und Korpus werden eins und so zum Sinnbild für den Übergang. Der kurze Kreuzstamm und das weit vorgeneigte Haupt verringern den Abstand zum Betrachter. Die expressiven Ausdrucksformen, welche die Wirkung seines ersten Entwurfs ausmachten, hat der Künstler in abgewandelter Form auch hier wieder verwendet.

Abb. 9 · „Golgatha“, Sandsteinmodell von 1960

Doch anstelle des radikalen Verzichts auf den Kreuzstamm sind hier nur Teile von Lang- und Querbalken hinter dem Haupt Christi ausgespart. In beiden Entwürfen spielt Rikus mit den Sehgewohnheiten des Betrachters, doch bezweckt er damit eine jeweils andere Wirkung. Wird beim Anblick der ersten Kreuzigungsdarstellung der fehlende Kreuzstamm vom Betrachter durch die davorstehende Gestalt Christi assoziativ ergänzt, so geht Rikus bei seinem zweiten Entwurf noch einen Schritt weiter. Hier bleibt der Bereich um das Haupt des Gekreuzigten ausgespart. Die Kreuzesmitte, die bei Kruzifixdarstellungen in der Regel von einer – den unstofflichen Nimbus imaginierenden – goldenen Scheibe verdeckt wird, ist auch hier nicht zu sehen. Der zu dem Kruzifix aufschauende Betrachter sieht hinter dem mit großen Radius umringten Haupt durch die ausgesparte Kreuzesmitte in den Himmel. Durch diesen Kunstgriff gelingt es Rikus, die Immaterialität des Heiligenscheins in seiner natürlichsten und reinsten Form darzustellen: durch Licht. Der Nimbus wird zur „Erscheinung“ im Wortsinne.

Zweites Fazit: Die Paderborner hatten einen nach ihrer Einschätzung allzu modernen Entwurf abgelehnt und einen vielleicht noch kühneren gewählt. Rikus dürfte über die Ironie der Geschichte wohl geschmunzelt haben.

Nachzutragen bleibt, wie es dem Bildhauer mit seinem abgelehnten erstem Entwurf für das Gierstor erging; denn hier zeigt sich, dass die Zeit manchen seiner Werke nichts anhaben kann. Die ca. 1,30 m hohe Sandsteingruppe –„Golgatha“ genannt – wurde zu Lebzeiten des Künstlers auf mehreren Ausstellungen gezeigt und stand sonst über zwei Jahrzehnte in seinem Atelier, wo sie denn auch ein kunstsinniger Pfarrer aus Herne zu Gesicht bekam. Dieser war von der Qualität der Arbeit sofort überzeugt und gab sie bei Rikus in Auftrag. Seit 1981 steht die Skulpturengruppe als großes Friedhofskreuz auf dem St. Laurentius-Friedhof in Herne.

Abb. 10 · Ehrenmal am Busdorfwall

Vom Gierstor sind es nur ein paar Schritte bis zum Mahnmal am Busdorfwall. Diese Arbeit war der erste große Paukenschlag, mit dem Josef Rikus 1953 in seiner Heimatstadt auf sich aufmerksam machte. Ein monumentaler, kubistisch zergliederter Engel wacht hier mahnend über die Marmorplatte mit dem Totengedenken. Wie der Künstler in Briefen immer wieder kundtat, haderte er zeitlebens mit diesem unvollendet gebliebenen Werk. Seinerzeit hatte man ihm nicht erlaubt, unterhalb des Engelreliefs, dort wo heute die Gedenktafel eingelassen ist, eine torartige Öffnung in die Wallmauer zu brechen. Sein Plan sah vor, hier einen kleinen unterirdischen Andachtsraum entstehen zu lassen mit einer Belichtung in der Decke. Von oben sollte himmlisches Licht auf die Namen der Toten fallen, die Rikus dort an den Wänden verewigen wollte. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr …

Schon bald hat das Museum wieder geöffnet!
Wir sehen uns

Hans-Ulrich Hillermann

Abb. 11 · Josef Rikus bei der Bearbeitung des Steins

Für das Jahr 2023 ist anlässlich des hundertsten Geburtstags von Josef Rikus eine umfangreiche Publikation mit Werkverzeichnis in Vorbereitung. Neben vielen Hintergrundinformationen werden dort erstmals Fotos aus dem großen Bildarchiv des Künstlers veröffentlicht. Aufnahmen von Wettbewerbsentwürfen, Bilder von Arbeitsprozessen im Atelier und im Freien, professionell im Bild festgehalten von Anneliese Rikus. Die im letzten Jahr verstorbene Frau des Künstlers war lebenslange Begleiterin seines Schaffens von seinen Anfängen als Meisterschüler von Karl Knappe 1947 in München bis zu seinem Tod in Paderborn im November 1989. Der dem Erzbischöflichen Diözesanmuseum zur Verfügung gestellte Künstlernachlass ist ein wahrer Glücksfall für die Forschung!

Wer von Josef Rikus Werke oder über den Künstler noch interessante Informationen hat, der melde sich bitte – falls noch nicht geschehen – unter der Telefonnummer 05251/1251400 oder per E-Mail an kunstinventarisation@erzbistum-paderborn.de

1 · Neptun-Brunnen auf dem Marktplatz
2 · Brunnen am Westerntor
3 · Brunnen am Heinz Nixdorf MuseumsForum
4 · Kreuz am Gierstor
5 · Mahnmal am Busdorfwall

Bildnachweis

Abb. 1: Diözesanmuseum
Abb. 2 , 3, 6, 8, 9: Bildarchiv Rikus
Abb. 4: Ansgar Hoffmann, Schlangen
Abb. 5, 7, 10 und Karte: Kalle Noltenhans, Paderborn
Abb. 11: Karl-Jürgen Auffenberg, Paderborn

Abb. 1 · Aktuelles Bild vom Brunnen auf dem Marktplatz mit Autor

Museum geschlossen? Wir sind nicht verreist!

In diesem Blogbeitrag berichtet unser Kollege Hans Hillermann über sein Forschungsprojekt zu einem bedeutenden Paderborner: Josef Rikus! Viel Spaß beim Lesen.

Hinter den Museumstüren werden neue Projekte vorbereitet, doch liefern wollen wir schon jetzt! Denn der Lockdown soll die treuen Freunde unseres Museums nicht davon abhalten, auf den (schon zu lang!) ersehnten Kunstgenuss zu verzichten. Machen wir also aus der Corona-bedingten Not die sprichwörtliche Tugend und verlegen die Kunstbetrachtungen einstweilen vor die Tür. Da trifft es sich gut, dass sich eins unserer Forschungsprojekte einem Bildhauer widmet, dessen Objekte nicht nur im Museum stehen, sondern auch davor. Josef Rikus (1923-1989) prägte mit seinen Kunstwerken im öffentlichen Raum das heutige Stadtbild Paderborns wie kein Zweiter.

Steht der Besucher vor der noch verschlossenen Museumstür, genügt eine 180-Grad-Wende und schon hat er das erste Objekt vor Augen.

Abb. 2 · Josef Rikus im Atelier beim „letzten Feinschliff“ am Gipsmodell

Der Neptunbrunnen auf dem Marktplatz verdankt seine Existenz der Stiftung einer 1976 gegründeten Bürgerinitiative. Schon lange hatte in Paderborn der Wunsch bestanden, den im letzten Kriegsjahr 1945 durch einen Bombentreffer zerstörten alten „Neptun-Kump“ durch einen neuen Brunnen zu ersetzen. Der vorgesehene Standort war bereits einige Zeit zuvor durch eine ausgesparte Fläche in der Pflasterung des Platzes festgelegt worden. Wie und von wem die klaffende Lücke auf dem Marktplatz zu schließen sei, das sollte ein Künstlerwettbewerb entscheiden. Den aus Spenden finanzierten Brunnen wollte die Bürgergemeinschaft der Stadt 1977 zum Geschenk machen, passend zum anstehenden 1200jährigen Jubiläum (Karl der Große hielt 777 in Paderborn den ersten Reichstag auf sächsischem Boden ab).

Soviel sei an dieser Stelle schon verraten: Der optimistisch gesetzte Wunschtermin konnte nicht eingehalten werden. Der feierliche Akt der Brunneneinweihung wurde erst 1979 vollzogen. So steht es auf der Bronzetafel an der äußeren Brunnenwandung.

Nach lang und kontrovers geführten Diskussionen über das Aussehen des Brunnens – es standen Felsformationen mit Wasserläufen, Früchte tragende surreale Gestalten und andere Themen zur Auswahl – erhielt letztendlich Josef Rikus den Zuschlag. Vielleicht auch weil sein Motiv das einzige mit historischem Bezug war?

Die abstrakte und expressive Darstellungsweise war indes für viele Paderborner zunächst gewöhnungsbedürftig und machte den Meeresgott – gemessen am Grad seiner Akzeptanz in der Bürgerschaft – zunächst zum Schicksalsgenossen des benachbarten Museumsneubaus (1975), welcher mit seiner prägnanten Bleifassade so manchen Skeptiker mobilisierte. Gewiss, man kann über die Form und Wahl der Ausdrucksmittel bei beiden Objekten streiten, aber kann man etwas Besseres über Kunst sagen?

Abb. 3 · Erste „Anprobe“ mit einer 1:1-Atrappe vor Ort

Die Einfassung des Neptunbrunnens bestand in einem frühen Entwurfsmodell – analog zur Skulptur – aus kantig-kubischen Formen und war polygonal. Ihre unregelmäßig gesetzten, abknickenden Eckquader sollten höher aus der Marktfläche hervorragen. In der endgültigen Version erhielt der Brunnen eine Umrandung aus sanft ansteigenden, versetzten Kreisformen, die heute von den Marktbesuchern gern als Sitzgelegenheiten genutzt werden. Auch bilden die gerundeten Bänke einen milden Übergang zum schräg abfallenden Plateau. Betrachten wir sie als versöhnliche Geste des Künstlers.

Ohne Frage beherrscht die mächtige Bronzeskulptur den gesamten Platz. Ist der Brunnen in Betrieb, dann umtosen den Meeresgott laut rauschende Fontänen. Wie jeder Springbrunnen, so verdankt auch dieser seine Wirkung der Bewegung des Wassers. Doch kommt das nasse Element an diesem Ort selbst dann nicht zur Ruhe, wenn es am Abend und in frostigen Zeiten nicht mehr sprudelt. Durch die zerfetzten Konturen der Bronze bleibt jene Wucht und Dynamik des aufgewühlten Wassers weiterhin spürbar, die Neptun mit seinem plötzlichen Auftauchen aus der Tiefe des Meeres verursacht. Wie bei einer kurz belichteten Fotografie die bizarre Gestalt eines Wasserschwalls „eingefroren“ wird, so hält Rikus diesen flüchtigen Moment in der erstarrten Bronze fest. Neptun schnellt aus der Mitte der eruptiv aufgeworfenen Wogen empor und reckt seinen Dreizack gen Himmel. Die ausgefransten Ränder der bronzenen Wasserfetzen machen die Rasanz des Auftauchens sinnfällig und lassen ahnen, wie das Wasser im Wind zerstäubt. Die Art wie der Künstler hier das elementare Ereignis formuliert, lässt nichts von jener dem Material anhaftenden Schwere spüren, die auf Bronzeskulpturen leider allzu oft zu lasten scheint.

Oben am Marktplatz geht es in die Einkaufsstraße Schildern. Hier beginnt die Fußgängerzone, an deren Ende, am Westerntor, Josef Rikus mit einer völlig anders gearteten Brunnengestaltung einen fulminanten Schlusspunkt setzte. Dieses Projekt konnte der Bildhauer bereits 1977 vollenden, also rechtzeitig zum Jubiläumsjahr! Wie die Lokalpresse seinerzeit berichtete, hatte auch die Sparkasse etwas zu feiern; sie hatte als Bilanzsumme die erste Milliarde zusammen – damals waren es noch D-Mark. Die Freude darüber wollte das Geldinstitut mit den Paderbornern teilen und stiftete der Stadt diesen Brunnen.

Der Brunnen am Westerntor ist ein Schlusspunkt in doppelter Hinsicht. Städtebaulich markiert er – je nach Perspektive – den Anfang oder das Ende der fußläufigen Einkaufszone; im Oeuvre des Künstlers bildet er den „Schlussstein“ in einer Reihe von abstrakten Brunnenskulpturen, die Josef Rikus als „bildhauerische Übersetzung eines Baumes“ dachte. Mit einem ersten Brunnen dieser Art beteiligte er sich 1960 an einem Wettbewerb für die Pädagogische Akademie in Paderborn. Vergeblich! Die Paderborner waren noch nicht so weit. Im darauf folgenden Jahr hatte der Bildhauer mit seinem Entwurf in Köln mehr Glück. Der Brunnen steht dort vor dem Gymnasium in Köln-Bucheim. Weitere Brunnen folgten. Mal haben die Brunnenskulpturen nur einen Stamm, mal sind es zwei oder drei. Ihre von horizontal gelagerten Platten geprägten Silhouetten erinnern an bizarre Felsformationen, bei denen Wind und Wasser die weicheren Sedimentschichten im Laufe der Zeit herausgewaschen haben.

Abb. 5 · Brunnen am Westerntor

1967 konnte Rikus einen ersten Brunnen dieser Art in seiner Heimatstadt aufstellen. Er steht vor dem damals neu errichteten Paderborner Kreishaus. Für die Hauptverwaltung der Nixdorf Computer AG (heute Heinz Nixdorf MuseumsForum) ließ der Bildhauer 1974 eine ganze Brunnen-Baum-Landschaft aus hellem Marmor entstehen. Ihre gestuften Becken füllen dort die große Bühne vor einer breit gelagerten Architekturkulisse.

Abb. 6 · Brunnen vor dem Heinz Nixdorf MuseumsForum
Abb. 7 · Modell des Brunnens am HNF

Anfangs hatten die als horizontales Astwerk gedachten bruchrauen Platten noch die natürliche Struktur von Felsen, später wurde diese Natur immer mehr abstrahiert. Die Formen der Brunnen gerieten regelmäßiger, ihre Flächen glatter und das Wasser lief nun über kubische Kaskaden herab. Am Ende – und hier sind wir wieder am Brunnen vom Westerntor – verliert der abstrahierte Baum auch seinen Stamm und ist nur noch Krone.

Mit der Proportion und Platzierung dieses Brunnens bewies der Bildhauer ein bemerkenswertes Augenmaß. In dichter kubischer Schichtung ergießt sich hier das Wasser über recht- und vieleckige Platten aus Muschelkalkstein in ein versenktes Becken, das mittig vor zwei sich beinah symmetrisch gegenüberstehenden Penthäusern liegt. Sie bilden von der Bahnhofseite aus gesehen das Tor zur Stadt. Aus dieser Perspektive scheinen die geschichteten Steinmassen des Brunnens das Tor zu schließen und schaffen so einen optischen Halt in der langen Sichtachse von Bahnhof- und Westernstraße. Mit der Aufschichtung seiner Platten wiederum scheint der Brunnen auf die zu beiden Seiten gestapelten Stockwerke der Penthäuser zu antworten.

Wechselt man die Perspektive und richtet den Blick vom Zentrum stadtauswärts, so markiert der Brunnen das Ende der Fußgängerzone. Aus dieser Sicht wirkt der Steinstapel mit dem breit und laut herabplätschernden Wasser wie ein Vorhang, der – optisch und akustisch! – von der vielbefahrenen, lauten Kreuzung abschirmt.

Ein erstes Fazit an dieser Stelle: Im Rennen um eine fristgerechte Fertigstellung zum Jubiläum hatte die Sparkasse mit dem Westerntor-Brunnen die Nase vorn, was die Gunst der Bevölkerung betrifft, dürfte der Neptunbrunnen gewonnen haben.

Abb. 8 · Kreuz am Gierstor

Verlassen wir den beruhigten Bereich der Fußgängerzone und gehen über die Wallpromenade zum Kreuz am Gierstor. Das monumentale Kupferkreuz zählt noch zu den frühen Großskulpturen von Josef Rikus. Sein Entwurf nahm 1963 in der Werkstatt des Paderborner Kunstschlossers Eikel Gestalt an. Bereits 3 Jahre zuvor hatte die Stadt entschieden, den Kreuzungsbereich am Gierstor neu zu gestalten. Dort galt es ein altersschwaches, schadhaftes Wegekreuz durch ein neues zu ersetzen. Also setzte man 1960 das übliche Prozedere in Gang: Künstler wurden gefragt, eine Kommission wurde gebildet. Einen in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Entwurf lieferte seinerzeit Josef Rikus in Form einer Kreuzigungsgruppe ab. Sie gehört vielleicht zu den schönsten und überzeugendsten Arbeiten, die in neuerer Zeit zu diesem Thema geschaffen wurden. Das eigens hierfür angefertigte Sandsteinmodell im Maßstab 1:5 wird im Diözesanmuseum aufbewahrt.

Abb. 8 · „Liegendtransport“ unter Polizeischutz

Bei diesem ersten Entwurf für das Gierstor löst Rikus die Grundform des Kreuzes auf, indem er den Kreuzstamm fehlen lässt und an seiner statt nur die Gestalt des Gekreuzigten zeigt, der mit seinen Armen die Verbindung zum Querbalken herstellt. Ungewöhnlich wie das fehlende Kreuz ist auch die Darstellung der Assistenzfiguren. Anders als bei den klassischen Kreuzigungsgruppen, bei denen Maria und Johannes das Kreuz flankieren, sollten hier zwei trauernde Gestalten ein wenig abgerückt vom Kreuz und einander zugewandt stehen. Die Trauernden waren ohne Sockel gedacht, blieben anonym und waren so auf einer Ebene mit dem mitfühlenden Betrachter.

Doch erschien der Kommission diese, von den konventionellen Vorstellungen abweichende Form als zu ungewöhnlich und mithin als nicht akzeptabel. Nach langwierigen Genehmigungsverfahren konnte Rikus schließlich im November 1963 das jetzige Gierstor-Kreuz aufstellen.

Die auf kubisch verfestigte Formen reduzierte Gestalt des Gekreuzigten betont mit ihren kantig-gratigen Verläufen eine Aufwärtsbewegung, die in den schräg hochgereckten Armen fortgeführt wird. Die Hände reichen über den Querbalken hinaus und sind wie die Füße ohne Wundmale. Christus ist als Überwinder des Todes dargestellt. Die Silhouetten von schmalem kantigen Körper und Kreuzstamm gehen ineinander über. Kreuz und Korpus werden eins und so zum Sinnbild für den Übergang. Der kurze Kreuzstamm und das weit vorgeneigte Haupt verringern den Abstand zum Betrachter. Die expressiven Ausdrucksformen, welche die Wirkung seines ersten Entwurfs ausmachten, hat der Künstler in abgewandelter Form auch hier wieder verwendet.

Abb. 9 · „Golgatha“, Sandsteinmodell von 1960

Doch anstelle des radikalen Verzichts auf den Kreuzstamm sind hier nur Teile von Lang- und Querbalken hinter dem Haupt Christi ausgespart. In beiden Entwürfen spielt Rikus mit den Sehgewohnheiten des Betrachters, doch bezweckt er damit eine jeweils andere Wirkung. Wird beim Anblick der ersten Kreuzigungsdarstellung der fehlende Kreuzstamm vom Betrachter durch die davorstehende Gestalt Christi assoziativ ergänzt, so geht Rikus bei seinem zweiten Entwurf noch einen Schritt weiter. Hier bleibt der Bereich um das Haupt des Gekreuzigten ausgespart. Die Kreuzesmitte, die bei Kruzifixdarstellungen in der Regel von einer – den unstofflichen Nimbus imaginierenden – goldenen Scheibe verdeckt wird, ist auch hier nicht zu sehen. Der zu dem Kruzifix aufschauende Betrachter sieht hinter dem mit großen Radius umringten Haupt durch die ausgesparte Kreuzesmitte in den Himmel. Durch diesen Kunstgriff gelingt es Rikus, die Immaterialität des Heiligenscheins in seiner natürlichsten und reinsten Form darzustellen: durch Licht. Der Nimbus wird zur „Erscheinung“ im Wortsinne.

Zweites Fazit: Die Paderborner hatten einen nach ihrer Einschätzung allzu modernen Entwurf abgelehnt und einen vielleicht noch kühneren gewählt. Rikus dürfte über die Ironie der Geschichte wohl geschmunzelt haben.

Nachzutragen bleibt, wie es dem Bildhauer mit seinem abgelehnten erstem Entwurf für das Gierstor erging; denn hier zeigt sich, dass die Zeit manchen seiner Werke nichts anhaben kann. Die ca. 1,30 m hohe Sandsteingruppe –„Golgatha“ genannt – wurde zu Lebzeiten des Künstlers auf mehreren Ausstellungen gezeigt und stand sonst über zwei Jahrzehnte in seinem Atelier, wo sie denn auch ein kunstsinniger Pfarrer aus Herne zu Gesicht bekam. Dieser war von der Qualität der Arbeit sofort überzeugt und gab sie bei Rikus in Auftrag. Seit 1981 steht die Skulpturengruppe als großes Friedhofskreuz auf dem St. Laurentius-Friedhof in Herne.

Abb. 10 · Ehrenmal am Busdorfwall

Vom Gierstor sind es nur ein paar Schritte bis zum Mahnmal am Busdorfwall. Diese Arbeit war der erste große Paukenschlag, mit dem Josef Rikus 1953 in seiner Heimatstadt auf sich aufmerksam machte. Ein monumentaler, kubistisch zergliederter Engel wacht hier mahnend über die Marmorplatte mit dem Totengedenken. Wie der Künstler in Briefen immer wieder kundtat, haderte er zeitlebens mit diesem unvollendet gebliebenen Werk. Seinerzeit hatte man ihm nicht erlaubt, unterhalb des Engelreliefs, dort wo heute die Gedenktafel eingelassen ist, eine torartige Öffnung in die Wallmauer zu brechen. Sein Plan sah vor, hier einen kleinen unterirdischen Andachtsraum entstehen zu lassen mit einer Belichtung in der Decke. Von oben sollte himmlisches Licht auf die Namen der Toten fallen, die Rikus dort an den Wänden verewigen wollte. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr …

Schon bald hat das Museum wieder geöffnet!
Wir sehen uns

Hans-Ulrich Hillermann

Abb. 11 · Josef Rikus bei der Bearbeitung des Steins

Für das Jahr 2023 ist anlässlich des hundertsten Geburtstags von Josef Rikus eine umfangreiche Publikation mit Werkverzeichnis in Vorbereitung. Neben vielen Hintergrundinformationen werden dort erstmals Fotos aus dem großen Bildarchiv des Künstlers veröffentlicht. Aufnahmen von Wettbewerbsentwürfen, Bilder von Arbeitsprozessen im Atelier und im Freien, professionell im Bild festgehalten von Anneliese Rikus. Die im letzten Jahr verstorbene Frau des Künstlers war lebenslange Begleiterin seines Schaffens von seinen Anfängen als Meisterschüler von Karl Knappe 1947 in München bis zu seinem Tod in Paderborn im November 1989. Der dem Erzbischöflichen Diözesanmuseum zur Verfügung gestellte Künstlernachlass ist ein wahrer Glücksfall für die Forschung!

Wer von Josef Rikus Werke oder über den Künstler noch interessante Informationen hat, der melde sich bitte – falls noch nicht geschehen – unter der Telefonnummer 05251/1251400 oder per E-Mail an kunstinventarisation@erzbistum-paderborn.de

1 · Neptun-Brunnen auf dem Marktplatz
2 · Brunnen am Westerntor
3 · Brunnen am Heinz Nixdorf MuseumsForum
4 · Kreuz am Gierstor
5 · Mahnmal am Busdorfwall

Bildnachweis

Abb. 1: Diözesanmuseum
Abb. 2 , 3, 6, 8, 9: Bildarchiv Rikus
Abb. 4: Ansgar Hoffmann, Schlangen
Abb. 5, 7, 10 und Karte: Kalle Noltenhans, Paderborn
Abb. 11: Karl-Jürgen Auffenberg, Paderborn

Abb. 2 · Neptun-Brunnen am Markt

Museum geschlossen? Wir sind nicht verreist!

In diesem Blogbeitrag berichtet unser Kollege Hans Hillermann über sein Forschungsprojekt zu einem bedeutenden Paderborner: Josef Rikus! Viel Spaß beim Lesen.

Hinter den Museumstüren werden neue Projekte vorbereitet, doch liefern wollen wir schon jetzt!

Denn der Lockdown soll die treuen Freunde unseres Museums nicht davon abhalten, auf den (schon zu lang!) ersehnten Kunstgenuss zu verzichten. Machen wir also aus der Corona-bedingten Not die sprichwörtliche Tugend und verlegen die Kunstbetrachtungen einstweilen vor die Tür. Da trifft es sich gut, dass sich eins unserer Forschungsprojekte einem Bildhauer widmet, dessen Objekte nicht nur im Museum stehen, sondern auch davor. Josef Rikus (1923-1989) prägte mit seinen Kunstwerken im öffentlichen Raum das heutige Stadtbild Paderborns wie kein Zweiter.

Steht der Besucher vor der noch verschlossenen Museumstür, genügt eine 180-Grad-Wende und schon hat er das erste Objekt vor Augen.

Abb. 3 · Josef Rikus im Atelier beim „letzten Feinschliff“ am Gipsmodell

Der Neptunbrunnen auf dem Marktplatz verdankt seine Existenz der Stiftung einer 1976 gegründeten Bürgerinitiative. Schon lange hatte in Paderborn der Wunsch bestanden, den im letzten Kriegsjahr 1945 durch einen Bombentreffer zerstörten alten „Neptun-Kump“ durch einen neuen Brunnen zu ersetzen. Der vorgesehene Standort war bereits einige Zeit zuvor durch eine ausgesparte Fläche in der Pflasterung des Platzes festgelegt worden. Wie und von wem die klaffende Lücke auf dem Marktplatz zu schließen sei, das sollte ein Künstlerwettbewerb entscheiden. Den aus Spenden finanzierten Brunnen wollte die Bürgergemeinschaft der Stadt 1977 zum Geschenk machen, passend zum anstehenden 1200jährigen Jubiläum (Karl der Große hielt 777 in Paderborn den ersten Reichstag auf sächsischem Boden ab).

Soviel sei an dieser Stelle schon verraten: Der optimistisch gesetzte Wunschtermin konnte nicht eingehalten werden. Der feierliche Akt der Brunneneinweihung wurde erst 1979 vollzogen. So steht es auf der Bronzetafel an der äußeren Brunnenwandung.

Nach lang und kontrovers geführten Diskussionen über das Aussehen des Brunnens – es standen Felsformationen mit Wasserläufen, Früchte tragende surreale Gestalten und andere Themen zur Auswahl – erhielt letztendlich Josef Rikus den Zuschlag. Vielleicht auch weil sein Motiv das einzige mit historischem Bezug war?

Die abstrakte und expressive Darstellungsweise war indes für viele Paderborner zunächst gewöhnungsbedürftig und machte den Meeresgott – gemessen am Grad seiner Akzeptanz in der Bürgerschaft – zunächst zum Schicksalsgenossen des benachbarten Museumsneubaus (1975), welcher mit seiner prägnanten Bleifassade so manchen Skeptiker mobilisierte. Gewiss, man kann über die Form und Wahl der Ausdrucksmittel bei beiden Objekten streiten, aber kann man etwas Besseres über Kunst sagen?

Abb. 4 · Erste „Anprobe“ mit einer 1:1-Atrappe vor Ort

Die Einfassung des Neptunbrunnens bestand in einem frühen Entwurfsmodell – analog zur Skulptur – aus kantig-kubischen Formen und war polygonal. Ihre unregelmäßig gesetzten, abknickenden Eckquader sollten höher aus der Marktfläche hervorragen. In der endgültigen Version erhielt der Brunnen eine Umrandung aus sanft ansteigenden, versetzten Kreisformen, die heute von den Marktbesuchern gern als Sitzgelegenheiten genutzt werden. Auch bilden die gerundeten Bänke einen milden Übergang zum schräg abfallenden Plateau. Betrachten wir sie als versöhnliche Geste des Künstlers.

Ohne Frage beherrscht die mächtige Bronzeskulptur den gesamten Platz. Ist der Brunnen in Betrieb, dann umtosen den Meeresgott laut rauschende Fontänen. Wie jeder Springbrunnen, so verdankt auch dieser seine Wirkung der Bewegung des Wassers. Doch kommt das nasse Element an diesem Ort selbst dann nicht zur Ruhe, wenn es am Abend und in frostigen Zeiten nicht mehr sprudelt. Durch die zerfetzten Konturen der Bronze bleibt jene Wucht und Dynamik des aufgewühlten Wassers weiterhin spürbar, die Neptun mit seinem plötzlichen Auftauchen aus der Tiefe des Meeres verursacht. Wie bei einer kurz belichteten Fotografie die bizarre Gestalt eines Wasserschwalls „eingefroren“ wird, so hält Rikus diesen flüchtigen Moment in der erstarrten Bronze fest. Neptun schnellt aus der Mitte der eruptiv aufgeworfenen Wogen empor und reckt seinen Dreizack gen Himmel. Die ausgefransten Ränder der bronzenen Wasserfetzen machen die Rasanz des Auftauchens sinnfällig und lassen ahnen, wie das Wasser im Wind zerstäubt. Die Art wie der Künstler hier das elementare Ereignis formuliert, lässt nichts von jener dem Material anhaftenden Schwere spüren, die auf Bronzeskulpturen leider allzu oft zu lasten scheint.

Oben am Marktplatz geht es in die Einkaufsstraße Schildern. Hier beginnt die Fußgängerzone, an deren Ende, am Westerntor, Josef Rikus mit einer völlig anders gearteten Brunnengestaltung einen fulminanten Schlusspunkt setzte. Dieses Projekt konnte der Bildhauer bereits 1977 vollenden, also rechtzeitig zum Jubiläumsjahr! Wie die Lokalpresse seinerzeit berichtete, hatte auch die Sparkasse etwas zu feiern; sie hatte als Bilanzsumme die erste Milliarde zusammen – damals waren es noch D-Mark. Die Freude darüber wollte das Geldinstitut mit den Paderbornern teilen und stiftete der Stadt diesen Brunnen.

Der Brunnen am Westerntor ist ein Schlusspunkt in doppelter Hinsicht. Städtebaulich markiert er – je nach Perspektive – den Anfang oder das Ende der fußläufigen Einkaufszone; im Oeuvre des Künstlers bildet er den „Schlussstein“ in einer Reihe von abstrakten Brunnenskulpturen, die Josef Rikus als „bildhauerische Übersetzung eines Baumes“ dachte. Mit einem ersten Brunnen dieser Art beteiligte er sich 1960 an einem Wettbewerb für die Pädagogische Akademie in Paderborn. Vergeblich! Die Paderborner waren noch nicht so weit. Im darauf folgenden Jahr hatte der Bildhauer mit seinem Entwurf in Köln mehr Glück. Der Brunnen steht dort vor dem Gymnasium in Köln-Bucheim. Weitere Brunnen folgten. Mal haben die Brunnenskulpturen nur einen Stamm, mal sind es zwei oder drei. Ihre von horizontal gelagerten Platten geprägten Silhouetten erinnern an bizarre Felsformationen, bei denen Wind und Wasser die weicheren Sedimentschichten im Laufe der Zeit herausgewaschen haben.

Abb. 5 · Brunnen am Westerntor

1967 konnte Rikus einen ersten Brunnen dieser Art in seiner Heimatstadt aufstellen. Er steht vor dem damals neu errichteten Paderborner Kreishaus. Für die Hauptverwaltung der Nixdorf Computer AG (heute Heinz Nixdorf MuseumsForum) ließ der Bildhauer 1974 eine ganze Brunnen-Baum-Landschaft aus hellem Marmor entstehen. Ihre gestuften Becken füllen dort die große Bühne vor einer breit gelagerten Architekturkulisse.

Abb. 6 · Brunnen vor dem Heinz Nixdorf MuseumsForum
Abb. 7 · Modell des Brunnens am HNF

Anfangs hatten die als horizontales Astwerk gedachten bruchrauen Platten noch die natürliche Struktur von Felsen, später wurde diese Natur immer mehr abstrahiert. Die Formen der Brunnen gerieten regelmäßiger, ihre Flächen glatter und das Wasser lief nun über kubische Kaskaden herab. Am Ende – und hier sind wir wieder am Brunnen vom Westerntor – verliert der abstrahierte Baum auch seinen Stamm und ist nur noch Krone.

Mit der Proportion und Platzierung dieses Brunnens bewies der Bildhauer ein bemerkenswertes Augenmaß. In dichter kubischer Schichtung ergießt sich hier das Wasser über recht- und vieleckige Platten aus Muschelkalkstein in ein versenktes Becken, das mittig vor zwei sich beinah symmetrisch gegenüberstehenden Penthäusern liegt. Sie bilden von der Bahnhofseite aus gesehen das Tor zur Stadt. Aus dieser Perspektive scheinen die geschichteten Steinmassen des Brunnens das Tor zu schließen und schaffen so einen optischen Halt in der langen Sichtachse von Bahnhof- und Westernstraße. Mit der Aufschichtung seiner Platten wiederum scheint der Brunnen auf die zu beiden Seiten gestapelten Stockwerke der Penthäuser zu antworten.

Wechselt man die Perspektive und richtet den Blick vom Zentrum stadtauswärts, so markiert der Brunnen das Ende der Fußgängerzone. Aus dieser Sicht wirkt der Steinstapel mit dem breit und laut herabplätschernden Wasser wie ein Vorhang, der – optisch und akustisch! – von der vielbefahrenen, lauten Kreuzung abschirmt.

Ein erstes Fazit an dieser Stelle: Im Rennen um eine fristgerechte Fertigstellung zum Jubiläum hatte die Sparkasse mit dem Westerntor-Brunnen die Nase vorn, was die Gunst der Bevölkerung betrifft, dürfte der Neptunbrunnen gewonnen haben.

Abb. 8 · Kreuz am Gierstor

Verlassen wir den beruhigten Bereich der Fußgängerzone und gehen über die Wallpromenade zum Kreuz am Gierstor. Das monumentale Kupferkreuz zählt noch zu den frühen Großskulpturen von Josef Rikus. Sein Entwurf nahm 1963 in der Werkstatt des Paderborner Kunstschlossers Eikel Gestalt an. Bereits 3 Jahre zuvor hatte die Stadt entschieden, den Kreuzungsbereich am Gierstor neu zu gestalten. Dort galt es ein altersschwaches, schadhaftes Wegekreuz durch ein neues zu ersetzen. Also setzte man 1960 das übliche Prozedere in Gang: Künstler wurden gefragt, eine Kommission wurde gebildet. Einen in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Entwurf lieferte seinerzeit Josef Rikus in Form einer Kreuzigungsgruppe ab. Sie gehört vielleicht zu den schönsten und überzeugendsten Arbeiten, die in neuerer Zeit zu diesem Thema geschaffen wurden. Das eigens hierfür angefertigte Sandsteinmodell (Abb. 10) im Maßstab 1:5 wird im Diözesanmuseum aufbewahrt.

Abb. 9 · „Liegendtransport“ unter Polizeischutz

Bei diesem ersten Entwurf für das Gierstor löst Rikus die Grundform des Kreuzes auf, indem er den Kreuzstamm fehlen lässt und an seiner statt nur die Gestalt des Gekreuzigten zeigt, der mit seinen Armen die Verbindung zum Querbalken herstellt. Ungewöhnlich wie das fehlende Kreuz ist auch die Darstellung der Assistenzfiguren. Anders als bei den klassischen Kreuzigungsgruppen, bei denen Maria und Johannes das Kreuz flankieren, sollten hier zwei trauernde Gestalten ein wenig abgerückt vom Kreuz und einander zugewandt stehen. Die Trauernden waren ohne Sockel gedacht, blieben anonym und waren so auf einer Ebene mit dem mitfühlenden Betrachter.

Doch erschien der Kommission diese, von den konventionellen Vorstellungen abweichende Form als zu ungewöhnlich und mithin als nicht akzeptabel. Nach langwierigen Genehmigungsverfahren konnte Rikus schließlich im November 1963 das jetzige Gierstor-Kreuz aufstellen.

Die auf kubisch verfestigte Formen reduzierte Gestalt des Gekreuzigten betont mit ihren kantig-gratigen Verläufen eine Aufwärtsbewegung, die in den schräg hochgereckten Armen fortgeführt wird. Die Hände reichen über den Querbalken hinaus und sind wie die Füße ohne Wundmale. Christus ist als Überwinder des Todes dargestellt. Die Silhouetten von schmalem kantigen Körper und Kreuzstamm gehen ineinander über. Kreuz und Korpus werden eins und so zum Sinnbild für den Übergang. Der kurze Kreuzstamm und das weit vorgeneigte Haupt verringern den Abstand zum Betrachter. Die expressiven Ausdrucksformen, welche die Wirkung seines ersten Entwurfs ausmachten, hat der Künstler in abgewandelter Form auch hier wieder verwendet.

Abb. 10 · „Golgatha“, Sandsteinmodell von 1960

Doch anstelle des radikalen Verzichts auf den Kreuzstamm sind hier nur Teile von Lang- und Querbalken hinter dem Haupt Christi ausgespart. In beiden Entwürfen spielt Rikus mit den Sehgewohnheiten des Betrachters, doch bezweckt er damit eine jeweils andere Wirkung. Wird beim Anblick der ersten Kreuzigungsdarstellung der fehlende Kreuzstamm vom Betrachter durch die davorstehende Gestalt Christi assoziativ ergänzt, so geht Rikus bei seinem zweiten Entwurf noch einen Schritt weiter. Hier bleibt der Bereich um das Haupt des Gekreuzigten ausgespart. Die Kreuzesmitte, die bei Kruzifixdarstellungen in der Regel von einer – den unstofflichen Nimbus imaginierenden – goldenen Scheibe verdeckt wird, ist auch hier nicht zu sehen. Der zu dem Kruzifix aufschauende Betrachter sieht hinter dem mit großen Radius umringten Haupt durch die ausgesparte Kreuzesmitte in den Himmel. Durch diesen Kunstgriff gelingt es Rikus, die Immaterialität des Heiligenscheins in seiner natürlichsten und reinsten Form darzustellen: durch Licht. Der Nimbus wird zur „Erscheinung“ im Wortsinne.

Zweites Fazit: Die Paderborner hatten einen nach ihrer Einschätzung allzu modernen Entwurf abgelehnt und einen vielleicht noch kühneren gewählt. Rikus dürfte über die Ironie der Geschichte wohl geschmunzelt haben.

Nachzutragen bleibt, wie es dem Bildhauer mit seinem abgelehnten erstem Entwurf für das Gierstor erging; denn hier zeigt sich, dass die Zeit manchen seiner Werke nichts anhaben kann. Die ca. 1,30 m hohe Sandsteingruppe –„Golgatha“ genannt – wurde zu Lebzeiten des Künstlers auf mehreren Ausstellungen gezeigt und stand sonst über zwei Jahrzehnte in seinem Atelier, wo sie denn auch ein kunstsinniger Pfarrer aus Herne zu Gesicht bekam. Dieser war von der Qualität der Arbeit sofort überzeugt und gab sie bei Rikus in Auftrag. Seit 1981 steht die Skulpturengruppe als großes Friedhofskreuz auf dem St. Laurentius-Friedhof in Herne.

Abb. 11 · Ehrenmal am Busdorfwall

Vom Gierstor sind es nur ein paar Schritte bis zum Mahnmal am Busdorfwall. Diese Arbeit war der erste große Paukenschlag, mit dem Josef Rikus 1953 in seiner Heimatstadt auf sich aufmerksam machte. Ein monumentaler, kubistisch zergliederter Engel wacht hier mahnend über die Marmorplatte mit dem Totengedenken. Wie der Künstler in Briefen immer wieder kundtat, haderte er zeitlebens mit diesem unvollendet gebliebenen Werk. Seinerzeit hatte man ihm nicht erlaubt, unterhalb des Engelreliefs, dort wo heute die Gedenktafel eingelassen ist, eine torartige Öffnung in die Wallmauer zu brechen. Sein Plan sah vor, hier einen kleinen unterirdischen Andachtsraum entstehen zu lassen mit einer Belichtung in der Decke. Von oben sollte himmlisches Licht auf die Namen der Toten fallen, die Rikus dort an den Wänden verewigen wollte. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr …

Schon bald hat das Museum wieder geöffnet!
Wir sehen uns

Hans-Ulrich Hillermann

Für das Jahr 2023 ist anlässlich des hundertsten Geburtstags von Josef Rikus eine umfangreiche Publikation mit Werkverzeichnis in Vorbereitung. Neben vielen Hintergrundinformationen werden dort erstmals Fotos aus dem großen Bildarchiv des Künstlers veröffentlicht. Aufnahmen von Wettbewerbsentwürfen, Bilder von Arbeitsprozessen im Atelier und im Freien, professionell im Bild festgehalten von Anneliese Rikus. Die im letzten Jahr verstorbene Frau des Künstlers war lebenslange Begleiterin seines Schaffens von seinen Anfängen als Meisterschüler von Karl Knappe 1947 in München bis zu seinem Tod in Paderborn im November 1989. Der dem Erzbischöflichen Diözesanmuseum zur Verfügung gestellte Künstlernachlass ist ein wahrer Glücksfall für die Forschung!

Wer von Josef Rikus Werke oder über den Künstler noch interessante Informationen hat, der melde sich bitte – falls noch nicht geschehen – unter der Telefonnummer 05251/1251400 oder per E-Mail an kunstinventarisation@erzbistum-paderborn.de

Abb. 12 · Josef Rikus bei der Bearbeitung des Steins

1 · Neptun-Brunnen auf dem Marktplatz
2 · Brunnen am Westerntor
3 · Brunnen am Heinz Nixdorf MuseumsForum
4 · Kreuz am Gierstor
5 · Mahnmal am Busdorfwall

Bildnachweis

Abb. 1: Diözesanmuseum
Abb. 3 , 4, 7–9: Bildarchiv Rikus
Abb. 5: Ansgar Hoffmann, Schlangen
Abb. 2, 6, 8, 11 und Karte: Kalle Noltenhans, Paderborn
Abb. 12: Karl-Jürgen Auffenberg, Paderborn

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