Isabelle Bardiès-Fronty ist Konservatorin und Historikerin am Musée de Cluny, welches uns für die Sonderausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ unter anderem wertvolle Elfenbeine entliehen hat. Im Video erklärt sie, warum das Musée de Cluny so besonders ist, welche Relikte des Musée de Cluny bei uns in der Sonderausstellung zu sehen sind, warum die Antike im Mittelalter so beliebt war und was das Publikum in unserer Ausstellung erleben wird.
Pressemitteilung
Paderborn, 14. November 2024
Sparkassenstiftungen ermöglichten Ausleihe des mittelalterlichen Abtsstabs des einflussreichen Gelehrten Wibald von Stablo und Corvey für die Ausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ im Diözesanmuseum Paderborn.
Es war ein Sensationsfund: 1994 entdeckte man bei Ausgrabungen auf dem Gelände der ehemaligen Abteikirche des Benediktinerklosters Stablo (frz. Stavelot) im heutigen Belgien das Grab des bedeutenden Kirchenmannes, Gelehrten und politischen Beraters Wibald von Stablo und Corvey (*1098, † 1158). Unter den Grabbeigaben befand sich sein kunstvoll gestalteter Abtsstab, der sich heute im Besitz des Abteimuseums in Stablo (Musée Abbaye de Stavelot) befindetJetzt ist er Teil der Paderborner Sonderausstellung anlässlich des 1200-jährigen Gründungsjubiläums des Klosters Corvey, Wibalds einstiger Wirkungsstätte, und erstmals in Deutschland zu sehen. Die Ausleihe dieses bedeutenden Stückes ermöglichten die Stiftungen der Sparkasse Paderborn-Detmold-Höxter durch ihre großzügigeUnterstützung der Ausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ (bis 26.01.2025) im Diözesanmuseum Paderborn.
Der Generalvikar des Erzbischofs von Paderborn, Prälat Thomas Dornseifer, begrüßte gestern in der Ausstellung die Kuratoriums- und Vorstandsmitglieder der Stiftungen der Sparkasse Paderborn-Detmold-Höxter für die Stadt und für den Kreis Paderborn, den Kämmerer des Kreises Paderborn, Ingo Tiemann und das Vorstandsmitglied der Sparkasse Paderborn-Detmold-Höxter, Andreas Trotz. Gemeinsam mit Kuratorin Dr. Christiane Ruhmann bedankte sich der Generalvikar für das Engagement der Stiftungen. Bei ihrer Führung vermittelte Christiane Ruhmann spannende Hintergrundinformationen zum Abtsstab.
Ein wirkmächtiger Abt führt Corvey zu neuer Blüte
Es war der Staufer-Herrscher Konrad III., der seinen klugen Berater Wibald von Stablo im Jahr 1146 dafür gewann, auch die Abtwürde im in wirtschaftliche Schieflage geratenen Kloster Corvey zu übernehmen, die er bis zu seinem Tode 1158 innehatte. Wibald führte die Benediktiner-Abtei zu einer neuen Blüte. Das Westwerk wurde zu seiner heutigen zweitürmigen Form ausgebaut, verlorengegangene Besitzrechte erneut geltend gemacht, die Klosterdisziplin gefestigt. Auch das nahegelegene Höxter profitierte von der guten Beziehung Wibalds zu den jeweiligen Herrschern. So gestattete Kaiser Friedrich I. Barbarossa 1152 den Wiederaufbau der zerstörten Stadtmauer. Doch vor allem lagen dem wirkmächtigen und belesenen Abt Wibald von Stablo die einst berühmte Bibliothek des Klosters und das Skriptorium am Herzen. Er lieh Texte antiker Autoren von anderen Klöstern aus und ließ sie in Corvey abschreiben. Ein Lieblingsvorhaben des Abtes war es, alle erreichbaren Schriften des römischen Dichters Cicero in einem Band zusammenzustellen, damit sie nicht verloren gehen.
Kunstsinniger Bewahrer antiken Wissens
Wibald kommunizierte auch mit Päpsten, Königen und Klerikern, war wichtiger Berater mehrerer deutscher Herrscher und ein Förderer der Kunst. Die von ihm beauftragten Kunstwerke zeigen eine sehr persönliche Handschrift und zeugen von seiner breiten und an antiken Autoren geschulten Bildung. Auch bei seinem Abtsstab wird das deutlich. Bei der Grabung in Stablo wurden die untere Stabspitze, der Knauf mit zwei Metalltüllen und die Spitze der gebogenen Krümme gefunden. Die aus Holz gefertigten Elemente des Stabes lösten sich hingegen im Laufe der Jahrhunderte auf. Elegant läuft die bronzene Spitze der Krümme in einem fein gestalteten Pinienzapfen aus. Auf dem wunderschön gestalteten, emaillierten Kugelkopf sind Fächerbögen zu sehen, und die vergoldeten Tüllen tragen eine lateinische Inschrift, übersetzt: „Das Gesetz erlaubt, dass man zürnt, aber es will, dass man im Zorn Erbarmen hat; daher sei der Schrift eingedenk: Weise zurecht, [aber] schone!“ Diese mahnenden Worte könnte Wibald selbst verfasst haben – vielleicht zur Selbstermahnung?
In der Paderborner Ausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ ist der zweiten Blüte des Klosters Corvey – der Zeit Wibald von Stablo – eine eigene Abteilung gewidmet. Hier ist sein umfangreiches Briefbuch zu sehen, eine einzigartige zeitgeschichtliche Quelle. Eine Medienstation widmet sich dem von ihm zusammengestellten Cicero-Codex, und neben dem Abtsstab werden u.a. kunstvoll gestaltete Email-Medaillons und Zeichnungen des von Wibald gestifteten, bis auf vier Fragmente heute verlorenen, Remaklus-Retabels aus Stablo gezeigt.
www.erbe-der-antike.de | www.dioezesanmuseum-paderborn.de
Bildmaterial von der Übergabe am 13.11.24 finden Sie hier.
Foto 1 (von links nach rechts): Dr. Christiane Ruhmann, Prälat Thomas Dornseifer, Ingo Tiemann, Andreas Trotz
Foto 2 (von links nach rechts): Andreas Trotz, Ingo Tiemann, Prälat Thomas Dornseifer, Dr. Christiane Ruhmann
Pressekontakt im Auftrag des Diözesanmuseums Paderborn
Hendrik von Boxberg, +49 177 7379207
presse@dioezesanmuseum-paderborn.de / presse@von-boxberg.de
Waltraud Murauer-Ziebach, +49 171 416 8808
w.murauer@arthema.de
Pressefotos unter www.dioezesanmuseum-paderborn.de/presse/
Die Ausstellung im Diözesanmuseum Paderborn wird gefördert von

Frau Dr. Annemarieke Willemsen ist Kuratorin im Rijksmuseum van Oudheden in Leiden und lieh uns für die Sonderausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ die wunderschöne Fibel von Dorestad aus. Im Video erfahrt ihr, was eine Fibel ist, wo sie gefunden wurde und warum sie ein Vergleichsstück zum Bursenreliquiar von Enger ist.
*Das Video und Ausschnitte des Videos dürfen nicht ohne Einwilligung des Diözesanmuseums Paderborn weiterverbreitet oder -verwendet werden.
Dr. Francesca Gallori ist die Direktorin der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz und eine der Leihgeber*innen unserer großen Sonderausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“. Aus Florenz erhielten wir unter anderem die Annalen des Tacitus. Im Video gibt Frau Dr. Gallori spannende Hintergrundinformationen zur Bibliothek, den Annalen des Tacitus und der guten Beziehung zwischen dem Diözesanmuseum Paderborn und der Biblioteca Medicea Laurenziana.
Einen wunderschönen guten Tag. Ich möchte mich gerne einmal vorstellen: Mein Name ist Adriana Papadopoulou. Ich studiere Germanistische Literaturwissenschaften im Einfach-Master an der Universität Paderborn und darf mein außeruniversitäres Praktikum im Paderborner Diözesanmuseum absolvieren. Der Zusammenarbeit des Museums mit der Universität habe ich es zu verdanken, dass ich in der diesjährigen Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike” hinter die Kulissen blicken darf. So begleite ich nun auch die öffentliche Reihe ,,Dialoge im Museum” mit Blogbeiträgen, in denen ich die gemeinsamen Abende Revue passieren lasse.

Corvey und der Gesang der Sirenen
Sirenen gehören schon immer zu der Welt der mythologischen Erzählungen. Auch Odysseus begegnet auf seiner Irrfahrt durch die Meere nicht nur Mischwesen wie der Skylla und der Caryptis, sondern auch verführerisch singenden Sirenen. Gewiss kann diese Begegnung mit diesen monströsen Wesen nicht friedlich ausgehen. Als griechischer Held muss Odysseus gegen sie standhalten und seinen Scharfsinn beweisen. Interessant ist, dass das christliche Kloster Corvey aus dem 9. Jahrhundert diese antike Szene als so bedeutend empfand, dass sie an die Wände des Johanneschores des Corvyer Westwerks gemalt wurde (siehe Rekonstruktion oben).
Heute stellt diese Wandmalerei die einzig erhaltene mittelalterliche Darstellung der Odyssee dar. Für die Sonderausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ wurde sie rekonstruiert und als Animation zum Leben erweckt. Mit den digitalen Mitteln unserer Zeit können wir antike Figuren zwar wiederbeleben, aber wir können die Dargestellten nicht zum Singen bringen. Und so bleibt die Frage, die sich bereits das 18. Jahrhundert stellte: Wie könnten die Sirenen gesungen und sich angehört haben?
Die Oper zu Gast im Museum
Um dieser Frage auch für die heutige Zeit nachzugehen, lud das Diözesanmuseum am 24.10.24 gemeinsam mit Prof. Lothar van Laak (Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften, Uni Paderborn) ein, einen musikalischen Abend im Dialog zu begehen. Der Gastdozent – Prof. Dr. Andreas Münzmay (Musikwissenschaftliches Seminar Paderborn / Detmold) – zeigte an drei Stationen anhand von ausgewählten Opernstücken, wie in den letzten Jahrhunderten der Odysseus-Stoff wahrgenommen und akustisch interpretiert wurde.
Jedes Stück nahm die vielen Zuhörenden auf eine neue Klangreise mit. In jedem Stück versuchte die Kunst durch die Thematisierung von Sirenen, Musen und der Zauberin Kirke auf verschiedene Gesichtspunkt der Verführung, der Odysseus aber auch wir heute ausgesetzt sein könnten, aufmerksam zu machen. Hören wir nicht alle Stimmen, die uns zweifelsohne sinnlose Versprechen machen, aber unser Leben erschweren? Statt der flüsternden Stimmen und leichten Schritte hörte man im Museum nun Töne und Gesang aus folgenden Stücken (hier veranschaulicht durch Videos und Abbildungen beispielhafter Inszenierungen):
Claudio Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ (1640)
Jean-Marie Leclairs ,,Scylla et Glaucus” (1746)

Jean-Marie Leclairs ,,Scylla et Glaucus” (1746)

Helmut Lachmanns ,,Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (1997)

(Die gelisteten Stücke lassen sich auch im Netz als vollständige Aufführungen oder einzelne Musikaufnahmen finden.)
Die Stücken verdeutlichen, dass sich die Komponisten nicht allein auf Odysseus fokussierten, sondern auch Neben- und Randfiguren neue Stimmen verliehen. Lachmann ging sogar so weit, die Sprache und den Gesang experimentell auseinanderzuziehen und mit Musik wieder neu zusammenzusetzen. Für die Oper ist Odysseus’ Seefahrt also bis heute eine Schatztruhe, die immer wieder neu geöffnet werden kann.
Das Publikum spricht
Zunächst bewachte die Bärin die Musiknoten, während die Abenddämmerung die Exponate kleidete. Im nächsten Moment tanzten die Noten vor den mittelalterlichen Handschriften, um abschließend vor Brody Neuenschwanders noch leeren Leinwand halt zu machen. Auf diesem Weg führte uns die Reihe ,,Dialoge im Museum”, in der das Diözesanmuseum in Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn das Erbe des Odysseus zum Thema machte. Vor dieser beeindruckenden Kulisse ließ sich das Publikum inspirieren und ergriff sogar das Wort. Damit war das Ziel des Abends erreicht: Jede Person sollte die Möglichkeit erhalten, die Musik mit ihrer Stimme zu übertönen und ihre Meinung in einen neutralen Raum zu äußern. Beispielsweise bezog sich eine Beobachtung auf Penelope (Odysseus’ Ehefrau), die zusammen mit ihrem Sohn auf Odysseus‘ Rückkehr wartete. In der antiken Textvorlage kann die Ehefrau keine neue Familie gründen, sondern nur auf ihren Mann warten. Im Vergleich dazu sind in den vergangenen Jahrzehnten Patchwork-Familien in unserer Gesellschaft normal geworden. Weiterhin bemerkte eindrucksvoll eine Stimme, dass die Probleme, die Odysseus auf seiner Reise begegnet, die Schwierigkeiten des Menschseins nachzeichne. Das sind wichtige Aspekte, die zeigen, dass die Odysseus-Erzählung heute noch aktuell ist und nicht in der Antike verstauben muss.
Das war also der erste spannende Abend. Vielen lieben Dank!
Am 14. November wird uns mit der nächsten Episode ,,Dialoge im Museum” wieder die Gelegenheit gegeben werden, gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Komm also ruhig vorbei, sei nicht schüchtern. Wir können an den Abenden im Museum sogar laut miteinander über die Exponate und die Kunst reden.
Adriana Papadopoulou
Credits
©Corvey | Westwerk Kloster Corvey | Foto: Kalle Noltenhans, Rekonstruktion: Christoph Stiegemann
©Wiener Staatsoper. https://www.youtube.com/watch?v=hmDZLMhhDfc. Die Wiener Staatsoper führt an fünf Tagen im November 2024 eine Neuinszenierung von Monteverdis ,,Il ritorno d’Ulisse in patria” auf.
©Landestheater Niederbayern. https://www.landestheater-niederbayern.de/events/433.
©Theater Kiel. https://www.theater-kiel.de/oper-kiel/repertoire/produktion/titel/skylla-und-glaukos.
©Deutsche Oper Berlin. https://deutscheoperberlin.de/de_DE/videos/1805.