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Einen wunderschönen guten Tag. Ich möchte mich gerne einmal vorstellen: Mein Name ist Adriana Papadopoulou. Ich studiere Germanistische Literaturwissenschaften im Einfach-Master an der Universität Paderborn und darf mein außeruniversitäres Praktikum im Paderborner Diözesanmuseum absolvieren. Der Zusammenarbeit des Museums mit der Universität habe ich es zu verdanken, dass ich in der diesjährigen Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike” hinter die Kulissen blicken darf. So begleite ich nun auch die öffentliche Reihe ,,Dialoge im Museum” mit Blogbeiträgen, in denen ich die gemeinsamen Abende Revue passieren lasse.

Am 12. Dezember präsentierten die Studierenden der Uni Paderborn den Besuchenden das Resultat ihrer Auseinandersetzung mit der Odysseus-Rezeption. Seit Anfang Oktober hatten sie im Gruppenverband an den Konzepten gearbeitet. Aus den Projektgruppen waren nun vier Stationen entstanden, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Literatur, Film, Musical und Plastik/Selfie Point) den dritten Gesprächsabend der „Dialoge im Museum“ bildeten.

Die Studierenden waren sehr wohl darauf bedacht, den Besuchenden nicht nur ihre Ergebnisse darzulegen, sondern sie auch in eine Reflexions- und Mitmachrunde einzubinden. Ihnen sollte erst gar nicht die Gelegenheit zur Passivität eingeräumt werden.

Rekapitulieren wir dementsprechend gemeinsam einen  abwechslungsreichen Abend.

Zu den vier Stationen

In der ersten Station blickten die Studierenden differenzierend auf neuhochdeutsche Übersetzungen der homerischen ,,Ilias” in Altgriechisch. Es fiel auf, dass die formale und inhaltliche Nähe der neuhochdeutschen Übersetzung vom Verlag und dessen Übersetzer*innen abhänge. Beispielsweise wurde auf die gravierenden Unterschiede sowohl im Hinblick auf sprachliche Semantik als auch in der inhaltlichen Erzählstruktur deutlich gemacht. Nicht ganz unbedeutend war daher, dass plötzlich Figuren in der Übersetzung verschwanden und weibliche Figuren mit negativ konnotierten Bezeichnungen ausgewiesen wurden. Obwohl alle neuhochdeutschen Übersetzungen das Ziel verfolgt haben mögen, ,,die” eine Textvariante zu produzieren, müssen sie dennoch als mögliche Interpretationsversuche eingestuft werden.

Schon auf dem Weg zur nächsten Station wurden die Besucher von Musik und Gesang in Empfang genommen. Ein cleverer Kniff der Musical-Gruppe, das Interesse an ihrem Projekt zu wecken.

Die zweite Projektgruppe hatte sich mit Jorge Rivera-Herrans’ englischsprachigen Musical ,,EPIC” befasst, welches online vollständig zugänglich ist und wegen seiner wachsenden Community in naher Zukunft uraufgeführt werden soll. In einer neuen Adaption macht Rivera-Herrans’ die Erzählung um Odysseus auch für das jüngere Publikum attraktiv. Spannend ist, dass er nicht nur die Musik und die Texte für jede einzelne Saga (Kapitel) geschrieben hat, sondern auch die Odysseus-Figur vertont. Er versucht keine flache Heldenfigur abzubilden, sondern zeigt in Form von Dichotomien die Komplexität von (menschlichen) Handlungen und Entscheidungen. Als Beispiel wurde den Besuchenden das Stück ,,Monster” aus ,,The Underworld Saga” vorgespielt.

Darin stellt der vertonte Odysseus die Schuldfrage für seine Lebensentscheidungen und die Konsequenzen für seine Umwelt dar. Er fragt in Verzweiflung: ,,What if I am the Monster?”.

Die Studierenden gaben die Frage, inwiefern Odysseus in der Adaption nach Rivera-Herrans als Mann oder als Monster eingestuft werden könnte, an die Besuchenden weiter. Ein Plakat und rote Aufkleber wurden dafür vorbereitet.

Wie hätten Sie sich positioniert und warum?

Hier ist das Ergebnis des Abends:

Dieses Plakat sollte den Besuchenden die Stellungnahme erleichtern.
Nach reiflicher Diskussion blieben einige Personen neutral, während die Mehrzahl dahin tendierte, die Figur ,,Odysseus” als ,,Mensch” einzuordnen.

Die dritte Station bildete das Figurenpaar ,,Odysseus und Skylla”, welches die Projektgruppe in Anlehnung an die karolingische Wandmalerei des Corveyer Klosters entworfen hatte. Das einzige im Mittelalter überlieferte Bild der Geschichte sollte in Form von zwei Pappaufstellern für die heutige Zeit greifbar gemacht werden. Entstanden war ein Selfie Point, der – im Gegensatz zu seinem gemalten Vorbild – dazu einladen sollte, in Interaktion zu treten: Odysseus wurde für einen Moment im Raum des Museums plastisch erlebbar. Es wurde sehr großen Wert darauf gelegt, dass die Besuchenden nicht dem Staunen verfallen, sondern in Interaktion mit den Figuren treten sollten. Damit sollte der Installation Leben eingehaucht und die aktive Neugier angeregt werden.

Die Besuchenden hatten durch die Figuren die Möglichkeit, aktiv an der Erinnerungs- und Rezeptionskultur teilzunehmen. Durch das Fotografieren mit den Figuren wurden sie spielerisch ein Teil der Odysseus-Erzählung. Jede Person konnte ihre eigene Geschichte von Odysseus und Skylla erzählen. Ein spannender Nebeneffekt war die veränderte Dynamik im Ausstellungsraum, da die Besuchenden jetzt ausnahmsweise Objekte anfassen durften.

(Unter uns: Ich sah vor Beginn des Abends, wie Odysseus’ muskulöser Körper mit einer Fusselbürste bearbeitet wurde. Auch bei der Skylla mussten erst noch einige Körperpartien zurechtgerückt werden. Näher kann man antiken Figuren wirklich nicht kommen. Homer hätte das bestimmt nie zu träumen gewagt. 😉)

Dieser Odysseus nimmt zwar die Haltung der Corveyer Bildvorlage auf, der vestimentäre Code präsentiert ihn jedoch als mittelalterlichen Herrscher.
Die Figur der Skylla hat im Vergleich zu ihrem männlichen Gegenüber eine moderne Ausrichtung erfahren. Sie wurden mit dynamischer Farbigkeit, verschiedenen Materialien und weiblichen Akzenten erweitert, um Plastizität zu erzeugen.

In vielerlei Hinsicht sind demnach einzelne Aspekte und Erzähldiskurse in diesem Figurenpaar ergänzt worden. Der Phantasie sind ja bekanntermaßen keine Grenzen gesetzt. Die Interaktion mit den lebensgroßen Aufstellern sollte den Besuchenden den antiken Erzählstoff leichter zugänglich machen. Der performative Akt lässt sie so an der Rezeption des Odysseus-Erzählstoffes mitschreiben. Der museale Raum wird dadurch zum Erfahrungsraum, in dem spannende Erinnerungen neu kreiert werden können. Jede Person kann sich für die eigene Inszenierung dabei beispielsweise fragen: Versuche ich die Figurengruppe als mythologischer Kämpfer*in zu ergänzen? Odysseus kann vielleicht eine helfende Hand gebrauchen. Oder stelle ich mich vielleicht doch auf die Seite der Skylla?

Odysseus und Skylla laden zu vielen Möglichkeiten der interaktiven Neuinterpretationen ein, und zwar ganz unabhängig von der antiken Text- oder mittelalterlichen Bildvorlage.

Jede*r, der mit den Figuren interagiert, konnte darüber hinaus am Ende des Tages ein personalisiertes Stück des Corveyer Weltkulturerbes mit nach Hause nehmen (Foto). Die kulturelle Umdeutung der antiken Stoffvorlage und der mittelalterlichen Rezeption wird dadurch mit jeder Person fortgeschrieben. Im Kern versuchte das Figurenpaar auf eine andere Weise, die derzeitige Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike” in sich zu spiegeln, die sich u.a. mit der kulturellen Aneignung auseinandersetzt (Vgl. Blogbeitrag vom 14.11.24).

Dies verdeutlicht die Fluidität von Kulturprozessen, die nicht allein von den Exponaten abhängig gemacht werden können, sondern gleichwohl von jeder /jedem einzelnen mitgetragen werden. Also: Welchen Teil von Kultur und Rezeption wollen wir – können wir, kannst du und ich – weitertragen?

Die letzte Gruppe befasste sich mit dem Heldenbild in dem Film ,,Die Abenteuer des Odysseus” (1997). Sie zeigte die Begegnung der Titelfigur und ihrer Mannschaft mit den Seemonstern Skylla und Charybdis in einer Meerenge. Die Bedrohung durch das erste weibliche Monster zeigte sich in der herrschenden Stille, während die Besatzung ihre Höhle durchquerte sowie in den angsterfüllten Gesichtern der Männer. Von der Skylla waren nur Tentakel zu erkennen. Die eingeschränkte Sichtbarkeit in der Höhle und die plötzlichen Geräusche von sterbenden Männern und einer (unschuldigen) Ziege, boten in dieser filmischen Adaption keine Grundlage für das Eingreifen eines mutigen Odysseus. Statt dem klassischen Heldenbild zu entsprechen und das Leben seiner Mannschaft zu verteidigen, zieht er sich zurück und lässt seine Männer nacheinander von den beiden Meeresungeheuern verschlingen. Odysseus handelt nicht heldenhaft, obwohl die Zuschauer*innen/Besuchenden dies von ihm erwartet hätten. Der Film bricht also mit den gängigen Vorstellungen der Rezipienten von einem heldenhaften Odysseus. Im Museum diskutierten die Besuchenden anschließend, ob der Verlust von einigen Männern nicht als Kollateralschaden bewertet werden könnte, weil durch den Tod von einigen wenigen Personen eine größere Menschenmenge gerettet werden konnte… Unabhängig von der eigenen Positionierung ist es gut, dass die Kunst den Freiraum bietet – abgelöst von kulturellen und sozialen Wertkategorien – an Gedankenexperimente verschiedener Form (Literatur, Musik, Plastik, Film), teilzunehmen.

links: Der Screenshot verbildlicht den Schrecken und die Angst, bevor Skylla das Schiff überwältigt. Rechts: Im Vergleich mit der Corveyer Wandmalerei reduziert der Film die Skylla-Figur auf einzelne nicht-menschliche Körperteile, die eher der Hydra entsprechen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Studierenden der Universität Paderborn für die Organisation eines vielfältigen Abends bedanken. Die Gesprächs- und Diskussionsbereitschaft der Besuchenden war sehr anregend. Daher auch einen herzlichen Dank an die Teilnehmenden für die vielen inhaltlichen Impulse.

Adriana Papadopoulou

Ein Beitrag von Künstler und Kalligraph Brody Neuenschwander 


I am told that handwriting is disappearing or has already disappeared. Many of us follow this story with sad fascination, assuming that the demise of this fundamental human activity will bring cultural disaster in its wake. The great irony is that calligraphy, handwriting’s well-dressed twin, lives on and even grows in popularity. Calligraphers themselves will often admit that they type more than they write, but when they DO write, it is with skill, deliberation and deep pleasure. Writing, in the hands of a calligrapher, makes language visible, beautiful, memorable.


But the keyboard and the screen rule our lives. So, what motivates a calligrapher to take up pen and ink and spend intense hours giving shape to words? Why do we sacrifice clarity and efficiency? Why make a text harder to read?


The place of calligraphy in the modern world is not easy to define. And yet, every year more people take calligraphy classes, investing time and energy in learning a skill that seems to be out of date. What do they do with this newly acquired skill?


They enhance the meaning of words.

They record thoughts and feelings.

They give shape to the stories of their lives.


In other words, they honor words. Calligraphy is perhaps unique in that it sits on the borderline between art and language. We read calligraphy and we look at it. It is in the calligrapher’s power to guide us through meaningful words in different ways. Calligraphy can be elegant, serene, and legible. It can be disturbing, hard to read, and challenging. It can express every emotion that the calligrapher can feel. Ink translates feeling into line, into letters, into works of (text) art.

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Mehr Informationen

Can this art form have a social role? Can the calligrapher be the artful secretary who records another’s story? The Diocesan Museum in Paderborn has just carried out an experiment to test this possibility. “Tell me, o Muse,” was an event that brought calligraphers and re-rooted Paderborners together, the one telling a personal story, the other transforming it into calligraphy. On November 2, 2024, the public was invited to look over the shoulders of eight calligraphers as they transcribed and transformed the stories of eight Paderborn citizens who have arrived in the city from elsewhere over the years. Each re-rooted Paderborner was asked to write about her/his experience of migration, movement, relocation, restarting life in a new place. What was it like to move from Turkey or the United States to Germany? How difficult was it to make new friends? Was it hard to learn German? Do you miss your homeland? Can Germany become your new homeland? These are difficult questions, and they are faced by millions around the world today.


Eight stories of movement, loss, new beginnings. Eight calligraphers to write them. There was little or no contact between the storyteller and the calligrapher before the evening in the museum. The calligraphers received the stories in advance, giving them the chance to read the story and think about its meaning before the event began.


During the event the calligraphers created a work of art based on the story they were given. This was a personal interpretation of the words, not intended to please the storyteller. The calligrapher worked as an artist, using the words of the story as a catalyst for a work of art. At the end of the evening, the calligrapher and the storyteller met. Some storytellers could identify with the art works created from their stories. Others perhaps less so. But all felt that a bridge had been built, a story heard, a story told. The delicate, intimate interaction of artist and text became a warm, open invitation to friendship between artist and storyteller.

I wonder if this experiment can point calligraphy in a new direction. Can calligraphers become the listeners? Can they bring the stories of all kinds of people to the public in a new way? Can they interpret words, shape sentences, create works of art out of the stories that we all have and want to tell? “Tell me, o Muse” was a successful experiment. It is worth taking the idea further. There are many calligraphers in Germany today. I am confident that many of them would take up the challenge of recording the stories of all kinds of people, young and old, German and foreign, all religions and none.


We all have stories to tell. Let us give calligraphers a new task: to record our stories and transform them into works of art.

Text von Waltraud Murauer-Ziebach.


Was passiert mit unseren Erinnerungen, mit unseren Erfahrungen, mit unseren Kenntnissen, wenn wir sie nicht aufschreiben? Bleiben sie erhalten? Was geschieht mit unseren kulturellen Werten, mit unserem Wissen? Hinterlässt das alles Spuren nur im familiären Erinnern oder auch im kollektiven, im gesellschaftlichen Kontext?


Die Ausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ spürt Quellen jahrhundertealten Wissens auf und trägt sie temporär neu zusammen. Hier wird deutlich wie Kultur- und Wissenstransfer, wie Handelsbeziehungen und Migrationsbewegungen seit Jahrtausenden unsere Gesellschaft befruchten, verändern und bis heute prägen. Kulturtransfer – in welcher Form auch immer – ist eine wirkmächtige gesellschaftliche Kraft. Aus diesem Gedanken heraus hat das Team des Diözesanmuseums Paderborn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, gemeinsam mit Kalligraf*innen aus Deutschland, Belgien und den USA zu einem ungewöhnlichen Experiment eingeladen. Unter der Federführung des amerikanisch-belgischen Künstlers und Kalligrafen Brody Neuenschwander fand am 2. November 2024 die Kunstperformance „Tell me, O Muse…“ statt.


Persönliche Odysseen

Acht Erzählende teilten ihre Erlebnisse, ihre persönlichen Geschichten mit acht Schreibenden, Gestaltenden, um sie in neuer Form zu bewahren. Heute in Paderborn lebende Menschen aus Persien, der Türkei und Russland, aus Haiti, Vietnam und den USA, aus Frankreich und den Niederlanden berichteten von ihren persönlichen Odysseen. Der Bitte des Museumsteams und einem im Vorfeld erarbeiteten Fragenkatalog folgend, brachten sie Erlebtes, Gefühltes und Erlittenes zu Papier. Die einen in kurzen Antworten auf die gestellten Fragen, andere schrieben Berichte, Briefe, schickten Gedichte …


Verbindungen schaffen

Auf den verschiedenen Ebenen des Museums stellten die Kalligraf*innen einen Abend lang ihre Arbeitstische auf. Zwischen jahrhundertealten, kunstvoll gestalteten Handschriften, antiken Skulpturen und beeindruckender mittelalterlicher Schatzkunst, sollte etwas Neues entstehen und Verbindungen sichtbar werden. Mit Feder, Pinsel und Tinte näherten sich die Kalligraf*innen den Lebenserinnerungen der Menschen an, die mal mehr, mal weniger freiwillig von ihrer Kultur in eine andere, die unsere, wechselten. Ein intuitiver Prozess in der jeweils eigenen künstlerischen Sprache der Kalligraf*innen. Die Migrant*innen waren eingeladen zuzuschauen. Erst am Ende des Abends traf man sich zum Austausch.

Vergesst nicht, dass wir alle Menschen sind —
Nilgün Özel trifft Kalligrafin Veronique Vandevoorde


„Als wir 1966 aus meiner, mit 800.000 Einwohnern recht großen, Heimatstadt Eskişehir in der Türkei nach Deutschland, ins kleine, sauerländische Marsberg kamen, war das ein Kulturschock“, erzählt Nilgün Özel. „Meine Mutter packte ihre Miniröcke weg und sagte, die kann ich hier nicht tragen, das kennen sie noch nicht. Und ich lernte, dass höfliche junge Mädchen knicksen.“ Nilgün Özel lacht. Sie stammt aus einer Familie, in der Bildung und Kultur eine wichtige Rolle spielen. Der Vater, der in der Türkei nicht studieren konnte, wollte sich in Deutschland diesen Traum erfüllen aber vor allem hat er allen seinen Kindern, Jungen wie Mädchen, eine akademische Ausbildung ermöglicht. Unterdessen lebt Nilgün Özel seit 44 Jahren in Paderborn. Sie findet viele Gemeinsamkeiten zwischen ihrer ehemaligen und ihre heutigen Heimatstadt: die historischen Bedeutung, die vielen Quellen, die Universitäten, … Sie selbst sieht sich in gesellschaftlicher Verantwortung, engagiert sich ehrenamtlich in vielen kulturellen und sozialen Organisationen, sammelt Kunst und fördert junge Künstler*innen.

Für die Kalligrafin Veronique Vandevoorde aus Gent sind Sprache und Schrift nicht nur Mittel der Kommunikation, sondern auch ein Bindemittel zwischen Menschen. Zwischen ihr und Nilgün Özel ist an diesem Abend eine besondere Verbindung entstanden und sie zeigt sich im kalligrafischen Werk.

Hier bin ich stark geworden…
Nguyet Rodehutskors trifft Kalligrafin Ute Meyer-Koppert

„Was ich von den Deutschen übernommen habe, das ist das Selbstbewusstsein“, sagt Nguyet Rodehutskors, „und das ist gut“. In Vietnam, erzählt sie, werde man zur Bescheidenheit und Zurückhaltung erzogen, hier muss man sich durchsetzen und behaupten können. Sie ist in einem behüteten Zuhause aufgewachsen, zweisprachig, mit Vietnamesisch und Französisch, besuchte eine Privatschule. Kultur und Bildung prägten ihre Familie. Mit 22 hat sie das alles hinter sich gelassen und ihre Heimat alleine verlassen. „Aus politischen Gründen“, erklärt sie, so wie rund zwei Millionen Menschen, die als „Boat People“ nach dem Ende des Vietnamkriegs vor dem kommunistischen Regime flüchteten. In Deutschland konnte Nguyet Rodehutskors ihren Traum verwirklicht, sie ist Dolmetscherin geworden, hat geheiratet und zwei Kinder bekommen. Was sie mitgebracht habe, in die neue Heimat, wollen wir wissen. „Offenheit, Optimismus, Toleranz, Ausdauer und eine leckere, gesunde und vielseitige Küche“, sagt Nguyet und lächelt.


Die deutsche Kalligrafin Ute Meyer-Koppert hat für Nguyet Rodehutskors ein feines, filligran wirkendes Bild geschaffen. „Ich habe einfach das Herz sprechen lassen“, sagt sie. Nguyet ist begeistert: „Das hat Leichtigkeit, aber Schwere ist auch dabei“, sagt sie spontan. „Und, ja, so ist das auch in meinem Leben. Unter den Kommunisten in Vietnam gab es sehr viel Schweres zu erfahren, schreckliche Dinge sind passiert, aber hier, nach der Flucht über den Ozean, konnte ich meine Leichtigkeit wiederfinden.“

Hilfsbereitschaft ist ansteckend …
Malihe Nadjafi trifft Kalligrafin Goedele Soetewey

„Längst sind wir alle Deutsche, aber wir tragen auch weiter persische Kultur in uns“, sagt Malihe Nadjafi über sich und ihre Familie. „Beim persischen Neujahrs- und dem Feuerfest, denke ich oft an das christliche Osterfeuer. Und unser leckeres persisches Essen erfreut auch die deutschen Freunde.“ Mitte der 1980er-Jahre wollte Nadjafis nach Schweden auswandern, doch ein familiärer Schicksalsschlag führte sie nach Paderborn. „In den ersten sechs Monaten habe ich viel geweint“, erzählt Malihe Nadjafi. „Plötzlich war ich in einer kleinen, fremden Stadt, weit weg von der Großstadt Teheran, wo ich so viele Möglichkeiten hatte.“ Die Anfangszeit ist schwierig. Abbas Nadjafi kann zwar sofort arbeiten, übernimmt das Geschäft seines verstorbenen Bruders, doch als er beruflich in den Iran reist, wird er dort mehr als ein Jahr lang festgehalten. Malihe Nadjafi ist damals schwanger. „Ich hatte viel Unterstützung von einer deutschen Familie und auch von der Kirche“, sagt sie. Heute helfen die Nadjafis anderen Einwanderern, vornehmlich – auch wegen der gemeinsamen Sprache – Iranern und Afghanen.

Die belgische Kalligraphin Goedele Soetewey hat Malihes „Wort für Wort-Geschichte“ aufgeschrieben – auf Englisch und auf Deutsch: Zwei große, ganz unterschiedlich wirkende „Schrift-Bilder“ sind entstanden, Dokumente gelebter Geschichte. Als Malihes Mann Abbas, sie sah, schlug er der Kalligrafin vor, er könne eine dritte Version auf Persisch hinzufügen. So entstanden ein anregender Dialog und ein beeindruckendes Ergebnis.

Ich habe erfahren, dass ich mich überall zuhause fühlen kann …
Dominique Charli trifft Kalligrafin Eveline Petersen-Gröger

„Grob 25 Mal bin ich in meinen Leben umgezogen“, erzählt Dominique Charli. Geboren im kleinen französischen Städtchen Meaux ging es zum Studium ins nahegelegene Paris, später quer durch Deutschland, dann auf die Kanareninsel La Palma und schließlich nach Paderborn. „Durch diese Lebensreise habe ich erfahren, dass ich mich überall zuhause fühlen kann, wenn ich in mir ruhe“, erzählt Dominique Charli. Dominiques Ursprungsfamilie hat neben französischen auch polnische Wurzeln, die ihres Mannes liegen in Frankreich, Deutschland, Portugal und Spanien. Ein Melting Pot und gar nicht so ungewöhnlich. Persönliche Odysseen sind seit Jahrtausenden Herausforderung und Chance, Motor für Fortschritt und kulturelle Entwicklung. „Mir ist bewusst, dass ich als Französin privilegiert bin“, sagt Dominique Charli. „Viele neue Bürger aus entfernten Ländern und Kulturen haben es heutzutage nicht so leicht. Die Begegnung mit der Fremde ist aktuell eine große Herausforderung und ich finde alle hiesigen Bestrebungen, kulturelle Brücken durch Veranstaltungen herzustellen, sehr wertvoll.“

Lebensreise und Freiheit das sind zwei der zentralen Worte, die die in Norddeutschland lebende Kalligrafin Eveline Petersen-Gröger hervorgehoben hat. Dominique Charli ist an diesem Abend nicht von ihrer Seite gewichen und hatfasziniert zugeschaut. Die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmte gleich.

Liebeserklärung an P.
Tatjana Lemler trifft Kalligrafin Christiane Pucher

„Es war eine „Zwangsheirat“ im weitesten Sinne, die sich später zur einer der größten Lieben meines Lebens entwickelt hat.“ Das ist einer der ersten Sätze in Tatjana Lemlers ungewöhnlichem Text. Auf zwei Seiten – halb (Liebes-)Brief, halb Essay – zeigt die gebürtige Russin aus Kasachstan ihre Gefühle, lässt in „P.“ (= Paderborn) Erlebtes und Erlittenes auch mal mit feiner Ironie aufblitzen. Mit 16 Jahren, 1979, verlässt sie Russland, kommt nach Paderborn, erlernt die fremde Sprache und schafft den Sprung aufs Gymnasium. Nach dem Fachabitur verlässt sie P., doch sie hat Sehnsucht, Heimweh nach der alten, neuen Heimatstadt. In poetischen Worten beschreibt Tatjana Lemler all das, was sie an Paderborn liebt: Mauerfragmente die von früher erzählen, das viele Wasser, den Zauber geschichtsträchtiger Orte, den Dom, die Chöre, denen sie dort zuhören kann, den Trubel der Libori-Woche … „In diesen ca. 20 Jahren habe ich dich kennen und lieben gelernt, und das war überhaupt nicht schwer“, heißt es am Ende ihrer Leibeserklärung an Paderborn.

Aus dem poetischen Text, der auf zwei profanen Druckseiten daher kommt, machte die in Paderborn lebende Kalligrafin Christiane Pucher mit ihrer „Kunst des Schreibens“ ein einzigartiges und wunderschönes Dokument der Erinnerung.

Freundlichkeit kostet nichts und bringt dich immer weiter…
Christelle Lindhauer trifft Kalligrafin Sigrid Artmann

„Ich bin ein karibisches Mädchen“, sagt Christelle Lindhauer und erzählt, dass es für sie nicht so einfach war, die deutsche Pünktlichkeit und Gründlichkeit zu erlernen. Mit 16 Jahren ist sie hergekommen. In ihrer Heimat Haiti war sie nicht mehr sicher. „In meiner Kindheit war es ein Traum dort zu leben“, erzählt sie. Ihre Familie hat deutsche Wurzel, und als sich die Lebenssituation auf der Karibikinsel verschlechterte, wurde Christelle zur Tante nach München geschickt. „Da habe ich mich lange wohl und heimisch gefühlt“, sagt sie und fügt hinzu: „Jetzt fühle ich mich hier zuhause aber ich bin immer noch dabei, diese kleine Stadt, die mir jeden Tag mehr ans Herz wächst, zu entdecken und freue mich auf all die Überraschungen, die auf mich warten.“ Christelle sagt von sich selbst, dass sie sowohl die deutsche Gründlichkeit als auch die karibische Gelassenheit verkörpert und ergänzt: „Ich erziehe meine Kinder nach dem Motto „Freundlichkeit kostet nichts und bringt dich immer weiter.“

Die Schriftkunst der aus dem Süden Deutschlands stammenden Kalligrafin Sigrid Artmanns ist ungezähmt, ein bisschen unberechenbar und fröhlich  – das passt hier sehr gut. Dem „karibische Mädchen“ mit dem „Sonnenscheingemüt“ und der sprichwörtlichen Gelassenheit hat sie in roten Lettern einen besonderen Platz in ihrer Kalligrafie reserviert.

Staunen über Kirche, Kultur und Kirmes
Kalligrafin Joke Boudens bringt Wicher Broers Geschichte zu Papier

Seit mehr als 20 Jahren lebt der Niederländer Wicher Broer in Paderborn, seit 10 Jahren ist er als Stadtführer aktiv. Was war hier fremd für ihn? Was hat ihn erstaunt? In seiner Geburtsstadt Enschede, spielte die Textilindustrie eine große Rolle. „Sie war dadurch stark politisch linksorientiert. Religion hatte in dieser Gesellschaft keinen großen Stellenwert“, schreibt er und ergänzt: „Weil ich u.a. pädagogisch tätig war, kam ich automatisch in Kontakt mit katholischen Trägern. Dadurch beobachtete ich kirchliche Einflüsse auf viele Bereiche dieser Gesellschaft. Besonders prägte mich das große jährliche Liborifest im Sommer.“ Der Umgang mit den Reliquien, die durch die Stadt getragen werden, während nebenan die Menschen auf der Kirmes feiern, aber auch die Kultur der Schützenvereine riefen bei Wicher Broer großes Erstaunen hervor. Doch durch seine Tätigkeit als Gästeführer habe er die vor allem den Dom mit all seinen vielen kulturellen Aspekten lieben gelernt.

Die Kalligrafin Joke Boudens aus Brügge sagt über ihre Arbeit: „Lange Zeit konnte ich mich nicht zwischen Lettering und Illustration entscheiden, bis ich schließlich feststellte, dass ich beides gut miteinander kombinieren kann.“ Und das sieht man auch bei ihrer Arbeit für Wicher Broer, auf der sie zentral – zwischen fast architektonisch anmutenden Schriftblöcken – den Turm des Paderborner Doms platziert hat.

Ich habe hier meinen Platz gefunden…
Jennifer Mc Dormand trifft den Kalligrafen Brody Neuenschwander

Kann ich als Amerikanerin auch auf Deutsch witzig sein? Kann ich als Au Pair europäische Kinder zum Lachen bringen? Mit einem One-Way-Ticket ab Chicago Airport startete die damals 23-jährige Jennifer McDormand ihre Reise ins Ungewisse. Über Österreich geht es ins bayrische Bamberg, Jahre später schließlich nach Paderborn. Dunkel Zeiten habe sie erlebt, berichtet Jennifer, die sich lange sprachlich und kulturell nicht wirklich verstanden und gesehen fühlt. „Ich sehnte mich danach, Teil von irgendetwas zu sein“, erzählt sie. Es ist die Paderborner Familie ihres späteren Ehemannes, die ihr die lange vermisste Geborgenheit und Akzeptanz geben kann. „Ich werde immer einen besonderen Platz in meinem Herzen für andere ‚Ausländer‘ haben“, schreibt Jennifer McDormand in ihrem Text. „Wenn wir uns treffen, werden wir intuitiv ein kleines Stück voneinander verstehen. Wir werden ein wissendes Lächeln teilen, ein Nicken oder auch nur einen flüchtigen Blick. Denn wir wissen, was es bedeutet, ein ‚Ausländer‘ zu sein.“

Der Kalligraf und Künstler Brody Neuenschwander hat Jennifers Geschichte in großen Bögen, mit vielen Farben und ganz unterschiedlichen Lettern festgehalten. „Als Künstler sind es die Sprache und die Probleme von Sprache, die mich interessieren“, sagt Brody Neuenschwanger. „Schreiben oder Textkunst sind für mich Möglichkeiten, die Spannung zwischen dem, was wir zu wissen glauben, und dem, was wir tatsächlich wissen, zu untersuchen oder aufzuzeigen. Und natürlich ist es auch ein Prozess der Kommunikation.“

Der Gesang der Muse geht weiter

Für alle Teilnehmer*innen war es ein inspirierender und bewegender Abend und es wurden Kontaktdaten ausgetauscht, um zukünftig in Verbindung zu bleiben.

Alle Fotos: ©Harald Morsch

Die große Sonderausstellung im Diözesanmuseum endet am 26. Januar 2025


  • Verlängerte Öffnungszeiten am 24. und 25. Januar
  • Sonderkonzert der Mädchenkantorei des Paderborner Doms im Diözesanmuseum
  • Ausblick auf die kommende Ausstellung ab Ende März 2025

Paderborn. Die große Sonderausstellung Corvey und das Erbe der Antike. Kaiser, Klöster und Kulturtransfer im Mittelalter im Diözesanmuseum Paderborn endet am 26. Januar 2025.  “Wir blicken zurück auf vier spannende und inspirierende Monate und freuen uns sehr darüber, dass wir auch viele junge Besucher*innen ansprechen konnten. Das Thema und die außergewöhnlichen, kostbaren Leihgaben haben zudem viele internationale Gäste nach Paderborn gebracht und zu einem anregenden Austausch geführt,” freut sich Museumsdirektor Dr. Holger Kempkens. Ausstellungskuratorin Dr. Christiane Ruhmann ergänzt: “Ein besonderes ‘Weihnachtsgeschenk’ hat uns die Frankfurter Allgemeine Zeitung gemacht, die Redaktion zählt Corvey und das Erbe der Antike ‘als schönste Mittelalterausstellung‘ zu den zehn besten Ausstellungen des Jahres 2024 in Deutschland”.

Ausgangspunkt der Präsentation ist das ehemalige Kloster Corvey, das vor 10 Jahren zum UNESCO Welterbe ernannt wurde, im Fokus steht die Antikenbegeisterung des Mittelalters. In Zusammenarbeit mit mehr als 50 nationalen und internationalen Museen, Bibliotheken und Archiven konnte das Team des Diözesanmuseum über 120 einzigartige Leihgaben in Paderborn zusammenführen. Außerdem wurden anlässlich der Ausstellung mehrere umfangreiche Forschungs- und Restaurierungsprojekte in Zusammenarbeit mit Partnermuseen realisiert.


“Zauberstimmen “ im Museum – ein Veranstaltungshighlight zum Abschluss
Ein Veranstaltungshighlight kurz vor Ausstellungsende ist der Auftritt der beliebten Mädchenkantorei des Paderborner Doms unter der Leitung von Domkantor Patrick Cellnik. Auf den verschiedenen Ausstellungsebenen des Museums werden Werke zu hören sein, mit denen der Chor schon bei der Ausstellungseröffnung im September begeisterte – so auch der Choral „Civitatem istam“, der sich auf den Text der berühmten karolingischen Inschriftenplatte des Corveyer Westwerks bezieht. Die Aufführung findet am 22. Januar um 19:30 Uhr statt. Eintritt 6 Euro, Tickets sind über die Museumskasse vorab erhältlich. Der Einlass beginnt um 19 Uhr.


Verlängerte Öffnungszeiten im Januar

Als  Antwort auf viele Nachfragen gibt es zum Ende der Ausstellung besondere Öffnungszeiten: Um insbesondere berufstätigen Menschen den Museumsbesuch zu ermöglichen, ist das Diözesanmuseum am 24. und am 25. Januar 2025 bis 20 Uhr geöffnet.


Mehr als 100 Veranstaltungen, Führungen und Workshops während der Laufzeit
Zahlreiche Veranstaltungen und Workshops ermöglichten interessierten Besucher*innen auf ganz unterschiedliche Weise in die Antikenüberlieferung der mittelalterlichen Klöster einzutauchen. Insgesamt fanden während der Laufzeit mehr als 100 Veranstaltungen, Führungen und Workshops für die verschiedenen Interessens- und Altersgruppen statt. Darunter waren Klassiker wie Direktoren- und Kuratorinnnenführungen, aber auch Führungen mit Meditationen, ein Comic-Workshop und weitere Angebote für Kinder und Jugendliche. Ein besonderes Highlight war die Kunstperformance Tell me O Muse mit dem Künstler und Kalligraphen Brody Neuenschwander. Hinzu kam das museumspädagogische Programm für Schulen und Kitas, welches Kindern und Jugendlichen die Zeit des mittelalterlichen Corvey näherbrachte.
 

Öffnungszeiten / Tickets Dienstag bis Sonntag, 10–18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat bis 20 Uhr. 12 Euro /ermäßigt 6 Euro, freier Eintritt für Kinder bis 12 Jahren (siehe Website). Sonderöffnungszeiten am 24. und am 25. Januar 2025, jeweils bis 20 Uhr.

Ausblick: Vom Mittelalter in die Gegenwart

Mit Before the Wind öffnet sich das Diözesanmuseum ab dem 28. März für die zeitgenössische Kunst.  In Zusammenarbeit mit dem Künstler*innenkollektiv Brieske/Baumann entsteht eine vielschichtige Inszenierung, die zugleich Ausstellung und Performance sein wird. Dabei dreht sich alles um den Wind.

Dafür werden die jahrhundertealten Kunstwerke der Museumssammlung mit zeitgenössischen Arbeiten kombiniert: Skulpturen, Videos, Musik- und Soundstationen der Künstlerinnen Claudia Brieske (Berlin) und Franziska Baumann (Bern) lassen das Naturphänomen, das in unserer heutigen Gesellschaft – sei es als Bedrohung in Folge des Klimawandels, sei es als Ressource – immer bedeutender wird, in der Ausstellung lebendig werden. Das Projekt Before The Wind ist sowohl eine Ausstellung als auch eine vielschichtige vokale Inszenierung mit Live-Video, Gesang und Chor, die für die spezifische Architektur des Diözesanmuseums Paderborn konzipiert wird. Leichte Brisen, schnelle Böen, brausende Stürme oder Klang-Performances – der Wind hat viele Gesichter.


Wegen Ab- und Umbauarbeiten ist das Diözesanmuseum ab dem 27. Januar geschlossen.


www.erbe-der-antike.de | www.dioezesanmuseum-paderborn.de
 

Pressekontakt im Auftrag des Diözesanmuseums Paderborn

Hendrik von Boxberg, +49 177 7379207
presse@dioezesanmuseum-paderborn.de / presse@von-boxberg.de
Waltraud Murauer-Ziebach, +49 171 416 8808
w.murauer@arthema.de

Pressefotos
unter www.dioezesanmuseum-paderborn.de/presse/

Wer die Ausstellung fördert sehen Sie hier

Einen wunderschönen guten Tag. Ich möchte mich gerne einmal vorstellen: Mein Name ist Adriana Papadopoulou. Ich studiere Germanistische Literaturwissenschaften im Einfach-Master an der Universität Paderborn und darf mein außeruniversitäres Praktikum im Paderborner Diözesanmuseum absolvieren. Der Zusammenarbeit des Museums mit der Universität habe ich es zu verdanken, dass ich in der diesjährigen Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike” hinter die Kulissen blicken darf. So begleite ich nun auch die öffentliche Reihe ,,Dialoge im Museum” mit Blogbeiträgen, in denen ich die gemeinsamen Abende Revue passieren lasse.

Griechischer Klappspiegel mit der Darstellung des Meeresungeheuers Skylla, Bronze, Eretria, um 320 v. Chr., Staatl. Museen zu Berlin

Am 14.11.2024 fand der zweite Gesprächsabend in großer Runde im Diözesanmuseum statt. Unter dem Gesichtspunkt der kulturellen Aneignung führten uns der Gastredner Prof. Dr. Joachim Jacob von der Universität Gießen, Prof. Dr. Lothar van Laak von der Universität Paderborn und die Kuratorin der Ausstellung Dr. Christiane Ruhmann durch den Abend.

Zur Einführung wurde am Beispiel eines antiken Klappspiegels mit Skylla-Darstellung und eines mittelalterlichen Sirenenaquamaniles der Umgang des Mittelalters mit antiken Inhalten nachskizziert. Im Anschluss widmeten wir uns Franz Kafkas Werk ,,Das Schweigen der Sirenen” (1917).

Antikenrezeption: aneignen, überprüfen, verbessern, einverleiben?

Die mittelalterlichen Klöster mit ihren Schreibstuben und Bibliotheken waren Orte der Antiküberlieferung, die das Wissen der Antike selektiv in Form von architektonischen Gestaltungselementen, Malerei und Schriftkunst rezipierten. Die Inhalte wurden gewiss nicht bloß übernommen, sondern sorgfältig auf ihre Tauglichkeit für das Christentum hin überprüft. Ein antiker Text, der zwar als geistig und sprachlich hervorragend verstanden werden konnte, aber von einem christlichen Geistlichen als heidnisch hätte eingestuft werden können, brauchte besondere Argumente, um als wertvolles und überlieferungswertes Kulturgut ausgewiesen zu werden.

So konnte in Corvey das Bild des gegen das Seemonster (,,Skylla”) kämpfenden Odysseus als Präfiguration für den Erzengel Michael dienen.

Daran wird deutlich, dass der antike Stoff erst fragmentiert und anschließend transformiert in die eigene Kultur überführt wurde. Demnach wurden also nach einem bestimmten religiös-didaktischen Sinn die antiken Texte mit christlichen Semantiken angefüllt.

Ein weiteres Beispiel für den mittelalterlichen Umgang mit dem antiken Stoff zeigt das Sirenenaquamanile aus dem Kunstgewerbemuseum Berlin. Das Gefäß zeigt sich als eine Mischung aus bekrönter Frau, Vogel und Fisch. Grundlage mag ein Text des antiken Dichters Horaz gewesen sein. Dieser beschreibt in seiner ars poetica die Dichtkunst – die gute wie auch die schlechte. Letztere schildert er wie ein Mischwesen aus verschiedenen menschlichen und tierischen Einzelteilen.

Die Erscheinung und Kunstfertigkeit des Aquamaniles verdeutlicht also nicht nur den hohen Bildungsgrad des Auftraggebers bzw. Künstlers, sondern darüber hinaus auch die Fähigkeit, die antiken Inhalte für das Mittelalter angebracht rezipieren zu können.

Beide Exponate – Wandmalerei und Aquamanile – führen weiterhin vor, wie der antike Stoff für den eigenen kulturellen Gebrauch habhaft gemacht wurde.

Wie sieht es jedoch mit unserem Umgang mit Überlieferungen, Geschichten und Mythen aus?

Sirenenaquamanile, Bronze, aus dem Schatz des Stifts St. Dionysius zu Enger/Herford, um 1230

Kafkas Sirenen schweigen wirkungsmächtig, dafür spricht sein Text

Kafkas Text versucht auf die vielschichtigen Fragen einzugehen, indem er die Kraft der Imagination und die antike Odysseus-Erzählung dazu gebraucht, dem Rezipienten gedankliche Experimentierräume zu eröffnen.

„Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht. Dem Gefühl, aus eigener Kraft sie besiegt zu haben, der daraus folgenden alles fortreißenden Überhebung kann nichts Irdisches widerstehen.

Und tatsächlich sangen, als Odysseus kam, die gewaltigen Sängerinnen nicht, sei es, daß sie glaubten, diesem Gegner könne nur noch das Schweigen beikommen, sei es, daß der Anblick der Glückseligkeit im Gesicht des Odysseus, der an nichts anderes als an Wachs und Ketten dachte, sie allen Gesang vergessen ließ.

Odysseus aber, um es so auszudrücken, hörte ihr Schweigen nicht, er glaubte, sie sängen, und nur er sei behütet, es zu hören. Flüchtig sah er zuerst die Wendungen ihrer Hälse, das tiefe Atmen, die tränenvollen Augen, den halb geöffneten Mund, glaubte aber, dies gehöre zu den Arien, die ungehört um ihn verklangen. Bald aber glitt alles an seinen in die Ferne gerichteten Blicken ab, die Sirenen verschwanden förmlich vor seiner Entschlossenheit, und gerade als er ihnen am nächsten war, wußte er nichts mehr von ihnen.

Sie aber – schöner als jemals – streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Winde wehen und spannten die Krallen frei auf den Felsen. Sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie so lange als möglich erhaschen.

Hätten die Sirenen Bewußtsein, sie wären damals vernichtet worden. So aber blieben sie, nur Odysseus ist ihnen entgangen.

Es wird übrigens noch ein Anhang hierzu überliefert. Odysseus, sagt man, war so listenreich, war ein solcher Fuchs, daß selbst die Schicksalsgöttin nicht in sein Innerstes dringen konnte. Vielleicht hat er, obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu begreifen ist, wirklich gemerkt, daß die Sirenen schwiegen, und hat ihnen und den Göttern den obigen Scheinvorgang nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten.“

Es ist spannend zu sehen, dass unsere Lebenswirklichkeit auf bestimmte Problemstellungen im Alltag keine Lösungen geben kann und wir uns neue Freiräume erschließen müssen, um mit unseren Lebenserfahrungen umgehen zu können. Die Kunst bietet sich als Reflexions- und Projektionsgegenstand gut an, weil sie ebenso frei von Regelungen ist. Jede*r darf sich der Kunst mit ihren/seinen Erfahrungen und Wissen annähern, ohne Angst haben zu müssen, von ihr zurechtgewiesen zu werden. Es kann sogar als kindliches Lernspiel betrachtet werden, wenn die existentiellen Herausforderungen mit den Mitteln der Kunst beschreiben werden können – nicht mit den Mitteln der Welt.

v. links n. rechts: Kuratorin Dr. Christiane Ruhmann, Prof. Dr. Joachim Jacob (Uni Gießen) und Leiter der Reihe "Dialoge im Museum" Prof. Dr. Lothar van Laak (Uni Paderborn)

Die Besuchenden am Veranstaltungsabend waren frei, sich von Kafkas Text verzaubern zu lassen. Während Prof. Dr. Jacob von der Kraft der Imagination fasziniert war, an der die Wirklichkeit zerbricht, fiel der Kuratorin Dr. Ruhmann auf, dass der Text vorgibt, historische Fakten wiederzugeben, obwohl diese nur literarisch gemeint sind. Der wechselnde Erzählgestus ließ einen der Besucher fragen, welche Instanz zu den Lesern spräche. Unmerklich beschreibe der Text die Entwicklung eines Mythos/einer Geschichte, ohne dass Einwände erhoben werden könnten. Zurecht wurde damit auf das Gefahrenpotential verwiesen, welches aus einem falschen Umgang mit Informationen, Fakten und Wissen resultieren kann.

Unabhängig davon denkt Kafka auch daran, den Lesern Hoffnung zu schenken. Wenn es im Leben schwierig werden sollte, gibt es einen Ort, der von niemandem erreicht werden kann: Das Innere. Daraus kann Kraft geschöpft werden.

Ein herzliches Dankeschön für die Organisation des schönen Abends und natürlich auch an die große Besuchenden-Runde. Leider ging der zweite Gesprächsabend viel zu schnell vorbei. Die Vielzahl der Meldungen, Kommentare und Beobachtungen der Besuchenden wollte gar nicht abbrechen. Spitze!

Sollten Sie noch nicht die Gelegenheit dazu gehabt haben, an einem Gesprächsabend teilzunehmen, so besteht am 16. Januar die nächste Gelegenheit. Hier wird sich Herr Prof. Dr. Lothar van Laak gemeinsam mit Frau Prof. Dr. Barbara Beßlich (Literaturwissenschaft), Heidelberg mit der Odysseus-Thematik auseinandersetzen.

Lass Sie sich überraschen!

Adriana Papadopoulou

Credits (Texte)

Horatius, Quintus Flaccus. Ars Poetica.

Link zum lateinischen Originaltext

Link zu einer deutschsprachigen Übersetzung

Kafka, Franz: Das Schweigen der Sirenen. Hrsg. v. Roger Hermes. Fischer Klassik 2010.

Link zum Primärtext

Link zum Primärtext

Corvey und das Erbe der Antike. Kaiser, Klöster und Kulturtransfer im Mittelalter. Hrsg. v. Holger Kempkens und Christiane Ruhmann. Michael Imhof Verlag 2024. S. 268-269.; S. 303-311.; S. 570-572.

Credits (Abbildungen)

Klappspiegel: Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Foto: Johannes Kramer

Sirenenaquamanile: Staatliche Museen zu Berlin | Kunstgewerbemuseum | Foto: Arne Psille

Gruppenfoto: Adriana Papadopoulou

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