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  • Tilman Heysacker, genannt Krayndunck, Köln, spätes 15. Jahrhundert
  • Eichenholz, mit Originalfassung
  • St. Urbanus, Dortmund-Huckarde, Inv.-Nr. SK 95

Die Entstehung des Bildtyps der Anna Selbdritt – „Anna selbst zu dritt“ oder auch „Anna selbst die dritte“ – hängt eng mit der Verehrung der hl. Anna, der Mutter Marias, und dem Interesse der Gläubigen an der Kindheitsgeschichte Mariens zusammen. Da die Bibel hierzu keine Auskunft gab, zog man außerbiblische Texte und die Legenda aurea des Jakobus de Voragine mit ihren detailfreudigen Erzählungen über die Jugend Mariens heran.

Im 13. Jahrhundert lieferten die Franziskaner die theologische Begründung für die Annenverehrung, indem sie die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens entwickelten, die schon im Mutterleib Annas frei von der Erbsünde gewesen sei. Vor diesem Hintergrund entstand der Bildtyp der Anna Selbdritt. Die älteste Skulpturengruppe dieses Themas aus der Zeit um 1300 befindet sich in der Nikolaikirche in Stralsund. Die Blütezeit der Annen-Verehrung in Deutschland liegt im 15. und frühen 16. Jahrhundert.

Bei unserem Werk zeigt schon die einander zugewandte Körperhaltung von Anna und Maria ihre enge Beziehung. Maria ist durch ihr offenes langes Haar als junge Frau gekennzeichnet. Demgegenüber ist Anna mit weißem Kopfschleier und so genanntem Weihel, einem Brusttuch, als Witwe erkennbar. Auf einer schlichten Thronbank sitzend, neigt sie sich Maria zu und umarmt sie mit ihrer Linken. Vielleicht hielt sie in ihrer Rechten eine Weinrebe, wodurch ein Hinweis auf den Opfertod Christi gegeben wäre. Auch der mit gekreuzten Beinen sicher in den Armen seiner Mutter sitzende Jesusknabe richtet seinen Blick auf die erhobene Rechte seiner Großmutter. Noch lässt sein kindlicher Gesichtsausdruck nichts von dem Erlösungswerk erahnen, das er durch seinen Tod am Kreuz erfüllen wird. Aufgrund ihrer Stilformen – wie den Faltenbildungen und dem Gesichtsschnitt – kann die Figurengruppe Tilman Heysacker, dem führenden Kölner Bildschnitzer der Zeit um 1500 zugeschrieben werden.

Fotos: Ansgar Hoffmann

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