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Die Prozessionsfiguren im Diözesanmuseum Paderborn

Im Rahmen ihrer Masterarbeit am Lehrstuhl Kulturerbe der Universität Paderborn widmete sich Maria Weiland einem besonderen Sammlungsbestand des Diözesanmuseums: den Prozessionsfiguren. Teile ihrer Forschungsergebnisse hat sie in diesem Beitrag zusammengefasst.

Die Prozessionsfiguren des Diözesanmuseums Paderborn sind eindrucksvolle Zeugnisse frühneuzeitlicher Frömmigkeits- und Bildkultur. Der Bestand umfasst insgesamt 17 Figuren, von denen derzeit drei ausgestellt sind. Ihre besondere Wirkung entfaltet sich durch eine würdevolle Ausstrahlung, die sich aus Gestaltung, Materialität und historischer Funktion ergibt.

Die meisten Figuren stammen aus dem 18. Jahrhundert, wenige aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind Zeugnisse des Rekatholisierungsprozesses des Bistums Paderborn, der bereits um 1600 einsetzt. Prozessionen dienten seit dieser Zeit nicht nur der religiösen Praxis, sondern auch der öffentlichen Sichtbarmachung und Festigung des katholischen Glaubens. Die Prozessionsfiguren machten religiöse Inhalte anschaulich und erfahrbar, indem sie (meist) Marienfiguren in den öffentlichen Raum trugen und so Anknüpfungspunkte für die Gläubigen schufen.

Drei der Prozessionsfiguren sind dauerhaft in der Paramentenkammer des Museums ausgestellt.
Maria Weiland und die ehem. Sammlungskuratorin Ursula Pütz dokumentieren den Holzkorpus und das untere Lattengestell einer Figur.

Charakteristisch für diese Figurengattung ist ihre funktionale Konstruktion. Der geschnitzte Oberkörper mit beweglichen Armen wurde auf ein Lattengestell ab der Hüfte aufgesetzt, das das Tragen der Figuren während der Prozessionen erleichterte. Diese technische Lösung blieb durch die vollständige Bekleidung der Figuren verborgen, wodurch Kleidung zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Erscheinungsbildes wurde. Wertvolle Stoffe wie Seide oder Brokat sowie Kronen, Zepter und Schmuck aus Edelmetallen verliehen den Figuren eine festliche, beinahe höfische Ausstrahlung und unterstrichen ihren sakralen Rang.

Zugleich spiegeln die Prozessionsfiguren soziale und gesellschaftliche Strukturen ihrer Entstehungszeit wider. In ihrer Ausstattung sind häufig die Stifter präsent, die durch materielle Zuwendungen nicht nur ihre Frömmigkeit, sondern auch ihren gesellschaftlichen Status sichtbar machten. Die Stiftung und Ausstattung der Figuren fungierten somit als öffentliches Bekenntnis zur katholischen Kirche. Ergänzt wurden sie durch Votivgaben, die als Dank für Gebetserhörungen an den Figuren angebracht wurden und individuelle Glaubenserfahrungen sichtbar machten.

Auch Details, wie diese kleine Krone, werden vermessen und dokumentiert.

Vereinzelt wurden die Prozessionsfiguren bis in die Gegenwart hinein bei religiösen Umzügen mitgetragen und blieben so Teil lebendiger Praxis. Im Museum erhalten sie jedoch eine neue Bedeutung: Als Ausstellungsobjekte sind sie heute Zeugen religiöser Praxis, kunsthandwerklicher Tradition und sozialer Geschichte. Ihre Bewahrung und Präsentation im Diözesanmuseum Paderborn sichert dieses kulturelle Erbe und macht es für heutige Betrachterinnen und Betrachter ebenso wie für kommende Generationen sichtbar und erfahrbar.

 

Ein Text von Maria Weiland

Literatur

  • Brandt, Hans Jürgen und Karl Hengst: Geschichte des Erzbistums Paderborn. 2. Bd. Das Bistum Paderborn von der Reformation bis zur Säkularisation 1532-1802/03 (= Veröffentlichungen zur Geschichte der Mitteldeutschen Kirchenprovinzen, 13). Paderborn 2007.
  • Diözesanmuseum Paderborn (Hg.): Von Angesicht zu Angesicht. Skulpturen im Diözesanmuseum. Fotografien von Annet van der Voort, Ursula Pütz und Ansgar Hoffmann (=Diözesanmuseum Paderborn. Schriften und Bilder, 3). Ohne Ort und Datum.
  • Fücker, Beate: Der Heiligen schöner Schein. Bekleidete Sakralfiguren im deutschsprachigen Raum (1650-1850). Regensburg 2017.
  • Rath, Markus: Die Gliederpuppe. Kult-Kunst-Konzept (= Berliner Schriften für Bildaktforschung und Verkörperungsphilosophie, 19). Berlin/Boston 2016.
  • Trexler, Richard C.: Der Heiligen neue Kleider. Eine analytische Skizze zur Be- und Entkleidung von Statuen. In: Schreiner, Klaus und Norbert Schnitzler (Hgg.): Gepeinigt, begehrt, vergessen. Symbolik und Sozialbezug des Körpers im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. München 1992. S. 365-402.
  • Von Angesicht zu Angesicht. Skulpturen im Diözesanmuseum Paderborn, Katalog des Diözesanmuseums Paderborn (Schriften und Bilder, Band 3), Paderborn 1996


Studierende des Historischen Instituts der Universität Paderborn erhielten durch eine besondere Kooperation mit dem Diözesanmuseum Paderborn die seltene Gelegenheit, historischen Objekten ganz unmittelbar zu begegnen. Nicht nur durch die Vitrine, sondern im wahrsten Sinne des Wortes „begreifend“.

Im Fokus standen ausgewählte Stücke aus dem Museumsdepot. Insbesondere Objekte, die selten ausgestellt werden und auf den ersten Blick unscheinbar oder fremd wirken. Doch gerade diese Fremdheitserfahrung regte bei den Studierenden produktive Irritationen und neue Forschungsimpulse an.
Besonders eindrucksvoll: sogenannte Klosterarbeiten. Hierbei handelt es sich um religiöse Objekte der christlichen Volkskunst, gefertigt in Frauenklöstern des 18. Jahrhunderts. Aus einfachen Materialien wie Glasperlen, Papier, Draht und Textilien entstanden aufwendig gestaltete Devotionalien, oft mit kostbaren Reliquienfragmenten im Inneren.

Diese praktische Begegnung mit historischen Artefakten ermöglichte nicht nur neue Zugänge zur Vergangenheit, sondern zeigte auch, wie vielschichtig und faszinierend selbst vermeintlich „unspektakuläre“ Objekte sein können.

Zwei der Studierenden haben ihre Ergebnisse für diesen Blogbeitrag zusammengefasst.

Ein besonderer Reliquienschrein

Eine Objektanalyse von Liv Lischewski

Eine erste Bestandsaufnahme

Das vorliegende Objekt stammt aus der Gruppe der Reliquiare. Es handelt sich um einen Reliquienschrein beziehungsweise einen Reliquienaltar aus dem Jahr 1730, der ursprünglich aus Süddeutschland stammt und aktuell im Depot des Diözesanmuseums Paderborn aufbewahrt wird. Der Hersteller des Altars ist unbekannt. Der Reliquienaltar hat nur wenige kleine Gebrauchsspuren, befindet sich also in einem guten Zustand. Der Reliquienaltar ist nicht in der regulären Ausstellung des Museums zu finden.

Der Reliquienschrein ist in Form eines Altars gestaltet, dessen Maße 81 cm Höhe, 60 cm Breite und 17 cm Tiefe betragen. Umrahmt wird der Reliquienaltar von Zierelementen. Besonders auffällig sind die vielen Schneckenformen und die Säulen auf beiden Seiten. Ergänzt wird diese Zusammensetzung durch drei Fenster. Das mittlere Fenster steht mit der Darstellung des gekreuzigten Jesus Christus und den Reliquien im Mittelpunkt des Altars. Darüber befindet sich ein rundes Fenster, hinter dem ein Kreuzsymbol zu sehen ist. Das unterste Fenster zeigt ebenfalls ein Kreuz.

Zierelemente und Säulen
Oberes Fenster
Mittleres Fenster
Unteres Fenster

Materialvielfalt und Handwerkskunst

Reliquienaltäre wurden oft in Klöstern hergestellt.(1) Dabei handelte es sich oft um Frauenklöster.(2) Für die Erstellung des Altars wurden viele verschiedene Techniken verwendet. Zum einen wurden der Rahmen, die Zierelemente und die Engelsköpfe aus Holz und die Darstellung Christi, hinter dem mittleren Fenster, aus Elfenbein geschnitzt. Das Innere des Altars beinhaltet vielfältige Arten der Herstellung: Die Blumen wurden aus Papier oder Stoff zu einem Ganzen geklebt. Die Abbildungen auf den Medaillons wurden aus Ton produziert. Auf einem der Medaillons ist ein Abbild von Johannes Nepomuk zu sehen, auf einem weiteren wurde ein Satz „O Crux Ave Spes Unica“ verfasst, was übersetzt „O Kreuz einzige Hoffnung, sei gegrüßt“ bedeutet. Dies wurde mit Tinte auf das stoffähnliche Material übertragen. Der Rahmen wurde vergoldet, um den Holzrahmen edler wirken zu lassen. Besonders hinter den Fenstern wurde sehr präzise und detailliert gearbeitet, um ein Zusammenspiel der einzelnen Objekte und ihrer Bedeutung zu schaffen.

Geschnitzte Engel
Medaillon O Crux Ave Spes Unica
Jesus Christus aus Elfenbein

Die Reliquien

Die Reliquien, die sich im Inneren des Altars befinden, sind mit folgenden Namen beschrieben: S. Severa M., S. Columba M., S. Benedicti M., S. Verecundi, S. Bonifcii M., S. Faustini M., S. Deusdedit M. und S. Amanda M. Reliquien umfassen sowohl körperliche Überreste von Heiligen als auch Gegenstände, die mit ihnen in Verbindung stehen.(3) Hierbei handelt es sich um ein Stück Knochen, das durch einen Namenszettel auf die jeweilige heilige Person hinweist. Das Reliquienstück mit dem Namen S. Deusdedit M. stammt zum Beispiel von Adeodatus I. beziehungsweise Deusdedit I. Der Name kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt „Gott hat gegeben“.

Da der Reliquienaltar sehr wertvoll aussieht, lässt sich vermuten, dass er ursprünglich eher in kleinen Kirchen oder Klöstern zu finden war, da diese wichtige Auftraggeber von Klosterarbeiten waren.(4) Es kam aber auch oft vor, dass Herrschende bewusst Sammlungen von Reliquien anlegten, die zum einen dem persönlichen Glauben dienten, zum anderen aber auch als politisches Statement zu verstehen waren. Sie wollten so ihre religiöse und politische Rolle sie im Reich betonen.(5)

Reliquie Adeodatus I.

Von Totenköpfen, Muscheln, Vögeln und Blumen

Der Reliquienaltar hatte nicht nur die Funktion, Menschen vor dem Vergessen zu bewahren und sich durch die Reliquien an sie zu erinnern, (6) sondern enthält sowohl sichtbare als auch versteckte christliche Symbolträger, die dem Reliquienaltar eine noch tiefere Bedeutung verleihen.

Im Inneren des Reliquienaltars sticht ein Totenkopf, der unter Jesus Christus platziert wurde, sehr heraus. Im christlichen Glauben ist er zum einen ein Element der Kreuzigung, zum anderen aber auch ein Zeichen der Sterblichkeit und der Ermahnung zur Buße.(7) Der Totenschädel ist auch ein Zeichen für den Berg Golgotha, der Kreuzigungsstätte von Jesus Christus. Er stellt den Schädel von Adam dar, der auf dem Berg Golgotha begraben war.(8)

Die verschiedenen Muscheln stehen für das Sinnbild der göttlichen Empfängnis Marias. Vor allem das Perlmutt, beziehungsweise die Perlmuschel, steht für das Motto „Rore coelesti foecundor“, was übersetzt „durch den himmlischen Tau werde ich fruchtbar“ bedeutet(9) und so noch einmal auf das Abbild von Jesus Christus und auf das Kreuz im untersten Fenster verweist.

Auch kleine Vögel sind in das Gesamtkunstwerk eingebracht. Im christlichen Glauben stehen Vögel, aber auch andere Tiere, im Zusammenhang mit dem Paradies, der Unsterblichkeit und auch der Auferstehung.(10) Es ist nicht klar, ob der Künstler hierbei gezielt auf die Bedeutung des Vogels abzielte oder diesen als Überbegriff für alle Tiere verwendete.

Kreuze spielen im christlichen Glauben eine große Rolle. Sie werden so gut wie immer mit dem Christentum in Verbindung gebracht und sind oft an Orten wie Gebetsstätten oder Kirchen zu finden. Sie stehen zuallererst für die Kreuzigung Jesu, doch später werden sie als christliches Heilzeichen oder als Richterstuhl Christi bezeichnet. Viele Menschen benutzen das Kreuz, um sich zu schützen, da es auch als Schutz-, Versieglungs- und Weihezeichen gilt.(11)

Ein weiteres wichtiges Symbol im christlichen Glauben sind Blumen, die in dem Reliquienaltar zur Ausschmückung vorgesehen sind, jedoch auch eine tiefere Bedeutung haben. Lilien stehen im Christentum für Reinheit, Rosen für Schamhaftigkeit und Sittsamkeit.(12) Man stellte sie aus verschiedenen Materialien, wie Seide und Papier, her.(13)

Totenschädel
Muscheln
Vogel
Rosen

Ein Fazit

Auf den ersten Blick zeigt der Reliquienaltar nur sein grobes Erscheinungsbild, doch aus verschiedenen Perspektiven treten das Zusammenspiel christlicher Symbolik und seine Bedeutung für die Gläubigen deutlich hervor. Neben der Aufbewahrung von Reliquien bietet er einen heiligen Raum, der Menschen mit Gott und seinen Botschaften verbindet und Hoffnung schenkt. Er repräsentiert sowohl den christlichen Glauben als auch die künstlerische Begabung der Künstler. Ganz gleich, ob man ihn religiös, kunsthistorisch oder ästhetisch betrachtet, bleibt der Reliquienaltar ein bedeutendes Kulturobjekt, das fasziniert, nachdenklich macht, viele Fragen aufwirft und dazu anregt, sich mit seiner Geschichte und Symbolik auseinanderzusetzen.

Inventarkarte Vorderseite
Inventarkarte Rückseite

Fußnoten

1 Heckmann, 1994, Klosterarbeiten – barocke Glaubenszeugnisse unter besonderer Berücksichtigung von Kloster Kirchheim am Ries, S,390.

2 Vgl. Heckmann, 1994, Klosterarbeiten – barocke Glaubenszeugnisse unter besonderer Berücksichtigung von Kloster Kirchheim am Ries, S,389.

3 Vgl. Engelfried Rave, 2023, Reliquien, S.322.

4 Vgl. Heckmann, 1994, Klosterarbeiten – barocke Glaubenszeugnisse unter besonderer Berücksichtigung von Kloster Kirchheim am Ries, S. 390.

5 Vgl. Becher, 2024, Reliquien, Relikte, Ressourcen: eine Kulturgeschichte der Ausstellung menschlicher Knochen zwischen Sakralraum und Museum, S. 252 – 253.

6 Vgl. Ebd., S.330.

7 Vgl. Kirschbaum, 1972, Lexikon der christlichen Ikonographie, S. 343.

8 Vgl. Kirschbaum, 1970, Handbuch der christlichen Ikonographie (Bd. 2: Fabelwesen – Kynokephalen) S.163-165.

9 Vgl. Kirschbaum, 1971, Handbuch der christlichen Ikonographie (Bd. 3: Laban – Ruth), S. 300.

10 Vgl. Kirschbaum, 1972, Handbuch der christlichen Ikonographie (Bd. 4: Saba, König von – Zypresse), S. 316.

11 Vgl. Kirschbaum, 1970, Lexikon der christlichen Ikonographie (Bd. 2: Fabelwesen – Kynokephalen), S. 563-572.

12 Vgl. Kirschbaum, 1971, Lexikon der christlichen Ikonographie (Bd. 3: Laban – Ruth), S. 564.

13 Vgl. Heckmann, 1994, Klosterarbeiten – barocke Glaubenszeugnisse unter besonderer Berücksichtigung von Kloster Kirchheim am Ries, S. 399.

Anna lehrt Maria das Lesen

Betrachtung eines Reliquienbildes von Jule Schlageter

Als ich dieses Objekt das erste Mal betrachtet habe, ist mein Blick sofort auf dem handgemalten kleinen Bild in der Mitte hängen geblieben. Dieses zeigt eine Frau (Anna), die einem kleinen Kind (Maria) aus einem Buch vorliest.

Die Farben Blau, Rot und Gelb sind ein wiederkehrendes Merkmal im gesamten Objekt. Dennoch hat der Zahn der Zeit auch an diesem Objekt genagt und es ist zu vermuten, dass das Reliquienkästchen mal viel farbenfroher war. Zudem wird das Abbild der beiden Figuren, die Mutter und Tochter darstellen, von goldgefärbten Papierstreifen umrandet. Zwischen diesen befanden sich acht „Zettelchen“ (sog. Cedulae) auf denen Namen vermerkt waren, von denen nur noch vier erhalten sind.

Erster Kontakt

Für mich war der erste Eindruck sehr interessant. Zum einen, weil ich mir das Objekt aus nächster Nähe – ohne Glasscheibe zwischen mir und dem Objekt, wie man es normalerweise aus einem Museum gewöhnt ist – anschauen und anfassen durfte. Zum anderen, weil ich die erste Person bin, die sich so tiefgreifend mit diesem individuellen Objekt beschäftigt hat. Für mich ergaben sich nach der ersten Betrachtung weitere Fragen, auf die ich im Kommenden genauer eingehen werde. Zum einen interessiert mich der Kontext des Objektes, also wann, wo und vor allem von wem das Objekt gefertigt wurde. Und damit verbunden, wer genau die auf den Cedulae vermerkten Personen waren und welche Bedeutung diese für das Objekt haben.

Wie alles begann

Das Reliquienkästchen wurde in Süddeutschland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hergestellt. Diese Zeit fällt in die Epoche der Aufklärung. Der Zeitgeist dieser Epoche lässt sich unter anderem in der Handarbeit des Reliquienkästchens wiederkennen. Der Blick der Menschen auf die Welt hat sich in diesem Zeitraum verändert, hin zu mehr Vernunft und Rationalität. Der Drang von Frauen nach gelehrtem Wissen wurde immer größer. Die damalige Frau sollte sowohl gebildet als auch intellektuell wirken, obwohl es zu dieser Zeit kaum Mädchenbildung gab. Frauen war die Haushaltsarbeit als Ehefrau vorbestimmt. Als Alternative dazu konnten Frauen in ein Kloster oder ein Frauenstift gehen. Mein zu analysierendes Objekt wurde in einem Frauenkloster dieser Zeit in Süddeutschland hergestellt. Es wurde von Ordensdamen in mühevoller Arbeit angefertigt, wobei der materielle Wert wesentlich geringer war als der zeitliche Aufwand der Herstellung.

Von Frauen über Frauen

Anna liest ihrer Tochter Maria aus einem Buch vor, welches wahrscheinlich das Alte Testament der Bibel darstellen soll. Maria, die zukünftige Mutter Jesu, soll intellektuell und gebildet wirken, da sie den zukünftigen Messias gebären wird.

Auf den vier erhaltenden Cedulae wurden die Name von vier Märtyrerinnen festgehalten:

  • Florentiana v.m.
  • S. Chris Familia v.m.
  • S. Clementia v.m.
  • S. Cornelia v.m.

Dass es sich bei diesen Frauen um Märtyrerinnen handelt, erkennt man an dem beigefügtem „m“ (v. lat. martyr, Märtyrer). Unter christlichen Märtyrer*innen versteht man Personen, die für ihren Glauben an Gott starben. Die Hl. Cornelia beispielsweise war eine frühchristliche Märtyrerin, die wahrscheinlich in Karthago (heutiger Vorort von Tunis in Tunesien) gestorben ist.

Was bleibt?

Das Reliquienbild bringt Anna und Maria in Zusammenhang mit Märtyrerinnen. Bei ihnen allen handelt es sich um Glaubenszeuginnen und damit um Fürsprecherinnen bei Gott. Genau dies ist der Zweck des Reliquienbildes: Es diente als Andachts- und Gebetsbild und veranlasste den gläubigen Menschen immer wieder zu den Heiligen/Märtyrerinnen zu beten, um bei Gott für ein Anliegen zu bitten.

Abschließend kann ich auf jeden Fall sagen, dass durch die genaue Betrachtung meines Objekts, sich viele Dinge auch erst auf den zweiten oder dritten Bick erschlossen haben. Es hat mir gezeigt, dass man geduldig sein muss und nicht frustriert werden sollte, wenn man in einer „Sackgasse“ landet.

 Objektdaten und -beschreibung

  • Titel/Inventarnummer: „Anna Maria das Lesen lehrend“/ V159
  • Gegenstand: Reliquienbild, -kästchen
  • Datierung: 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts
  • Beschreibung: Fokus auf Frau mit Kind im runden Bild in der Mitte des Objekts, eingerahmt in acht identische Sektionen aus Krüll-Mustern, Sektionen werden durch Cedulae abgetrennt, Seiten sind mit punzierten Blumen verziert, Rückseite ist mit Buntpapier beklebt
  • Maße: Durchmesser 9,3 cm, Höhe 2,4 cm
  • Material: Holz, Buntpapier, Papier/Pappe, Stoff/Seide
  • Technik: Krüll-Arbeiten, Punzierung
  • Farbigkeit: Blau, Gelb, Rot, Braun, Gold, Weiß
  • Details/Besonderheiten: nachträglich hinzugefügte handschriftliche Notiz auf der Rückseite „1464“ (alte Inventarnummer)
  • Zustand: Deckel fehlt, vier Cedulae fehlen, Hauptobjekt löst sich aus dem Rahmen, Buntpapier teilweise beschädigt (Zersetzung vom Holzträger), Blumenverzierung teilweise gelöst, Farben sind verblasst.

Literaturverzeichnis

Text 1: Ein besonderer Reliquienschrein

Becher, Friedrich J. (2024). Reliquien, Relikte, Reccourcen: Eine Kulturgeschichte der Ausstellung menschlicher Knochen zwischen Sakralraum und Museum. Bielefeld: transcript Verlag.

Cremer, A., Mulsow, M. (Hrsg.). (2017). Objekte als Quellen der historischen Kulturwissenschaften. Stand der Perspektiven der Forschung. Böhlau Verlag.

Engelfried Rave, U. (2023). Reliquien. In Sebald, G., Berek, M., Rauer, V. (Hrsg.), Handbuch Sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung (Bd. 2, S. 321-334). Springer VS.

Heckmann, D. (1994). Klosterarbeiten – barocke Glaubenszeugnisse unter besonderer Berücksichtigung von Kloster Kirchheim am Ries. In Verein Rieser Kulturtage (Hrsg.), Rieser Kulturtage. Dokumentation (Bd. X, S. 430-477).

Kirschbaum, E. (Hrsg.). (1970). Lexikon der christlichen Ikonographie (Bd. 2: Fabelwesen – Kynokephalen). Herder.

Kirschbaum, E. (Hrsg.). (1971). Lexikon der christlichen Ikonographie (Bd. 3: Laban – Ruth). Herder.

Kirschbaum, E. (Hrsg.). (1972). Lexikon der christlichen Ikonographie (Bd. 4: Saba, König von – Zypresse). Herder.

Schäfer, Joachim (2017): Deusdedit I., Ökumenisches Heiligenlexikon. Zuletzt aktualisiert am 06.07.2017. Online: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienD/Deusdedit.html (abgerufen am 27.09.2025).

Text 2: Anna lehrt Maria das Lesen

Angenendt, Arnold: Heilige und Reliquien, München: C.H.Beck 1997.

Cremer, Annette C.: Vier Zugänge zu (frühneuzeitlicher) materieller Kultur. In: Cremer, Annete C./Mulsow (Hg.): Objekte als Quellen der historischen Kulturwissenschaft, Wien u.a.: Böhlau 2017.

Heckmann, Daniela: Klosterarbeiten – barocke Glaubenszeugnisse unter besonderer Berücksichtigung von Kloster Kirchheim am Ries. In: Verein Rieser Kulturtage (Hrsg.): Rieser Kulturtage. Dokumentation, Band X/1994, Nördlingen 1995.

Kunstinventar: Erzbischöfliches Diözesanmuseum, Paderborn.

Meyer, Annette: Die Epoche der Aufklärung, Berlin: Akademie Verlag 2010.

Maas, Elisabeth: Mündliches Zitat, Paderborn 2025.

Sander, Helga/Peschl, Wolfgang: Klosterarbeiten – Tradition, Vorbilder, Anleitungen mit Vorlage, München: Knaur 2006.

Schäfer, Joachim: Heiligenlexikon: Cornelia und Gefährten, online verfügbar unter https://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Cornelia.htm/; zuletzt aufgerufen am 10.7.2025

Vahsen, Mechthilde: Wie alles begann – Frauen um 1800, online verfügbar unter https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/frauenbewegung/35252/wie-alles-begann-frauen-um-1800/; zuletzt aufgerufen am 10.7.2025.

 

Fotos

© Liv Lischewski, Jule Schlageter, Britta Schwemke

Ein Gemälde offenbart seine Geheimnisse

Tief verborgen unter bunten Farbschichten liegt die Vorzeichnung des Meisters, die nur ihm, seinen Mitarbeitern und den Auftraggebern bekannt war. Sie erfolgte nach dem langwierigen Prozess des Grundierens und vor dem Auftrag der Farbe. Es ist diese Vorzeichnung, welche die persönliche Handschrift des Meisters zeigt. Auch gibt sie Aufschluss über seine bevorzugten Zeichenmaterialien und seine Gedankenprozesse, wenn Proportionen überarbeitet und Ideen verworfen wurden.

Fotograf und Restauratorinnen mit der Apollo-Kamera aus dem Hause Opus Instruments, die die Bilder direkt auf dem Laptop sichtbar macht

Diesen flüchtigen Moment sichtbar zu machen, vermag die Infrarotreflektografie. Infrarotstrahlung kann tiefer als sichtbares Licht in die Malerei eindringen, wo sie von verschiedenen Farbmitteln unterschiedlich absorbiert wird. Mit Hilfe spezieller Detektoren kann dies für unsere Augen sichtbar gemacht werden. Die Firma Opus Instruments war so freundlich, uns ihre neu entwickelte Kamera für Testzwecke zur Verfügung zu stellen. Die Apollo-Kamera detektiert Signale im Wellenlängenbereich von 900-1700 nm.

Dem Meister in die Karten geschaut

Restauratorin Gisela Tilly und Fotograf Ansgar Hoffmann untersuchten mittels Infrarotkamera drei Werke des aus Geseke stammenden Meisters Gert van Lon und seiner Werkstatt. Insbesondere die Vorzeichnung des Gemäldes „Volkreicher Kalvarienberg“ (zurzeit Teil der Sonderausstellung Before the Wind), entstanden um 1520/30 wurde intensiv analysiert.

Die Aufnahmen zeigten Erstaunliches: In einigen Bildbereichen ist ein für van Lon typischer Duktus – also eine für ihn charakteristische Art der Form- und Linienführung – zu erkennen. Der Meister verwendete für seine Vorzeichnung sowohl wässrige Medien (Auftrag durch Pinsel, Feder o.ä.) als auch Stifte, die Abrieb erzeugen (z.B. Kreide). Er zeichnete nicht nur die Umrisse der Gebäude und Figuren vor, er legte auch die Gewandfalten und Architekturdetails an. Schatten von Stoffen oder Inkarnaten (also der Haut) markierte er durch einfache Schraffuren. Viele Details wurden in der späteren malerischen Ausführung leicht verschoben oder ganz weggelassen.

Scätze der Sammlung
Volkreicher Kalvarienberg, 1520-30, Foto: Ansgar Hoffmann

Es folgen hier nun einige Beispiele. Links die graue Infrarotaufnahme, rechts die finale Malerei.

Die heilige Veronika trägt das Schweißtuch, auf dem sich das Gesicht Jesu abgezeichnet hat. Zu der Gruppe hat sich ein rot gewandeter Mann gesellt: Im infraroten Licht erkennt man die Vorzeichnung der Hand, die einem dicken Fäustling gleicht. Auch die Pinsel- oder Federspuren mit ihren typischen „Klecksen“, die beim Auf- und Absetzen entstehen, wurden sichtbar.

Differenzierter angegeben werden die Gewänder der großen Figuren im Vordergrund: Die Puffärmel, die eigentlich vorgesehen waren, erkennt man heute nicht mehr. Der Verlauf der Schatten ist durch einfache Schraffuren wiedergegeben; typisch für van Lon sind auch die kurzen, stakkato-artigen Striche.

Zum Vergleich: die Vorzeichnung eines Tafelgemälde eines fränkischen (?) Meisters aus dem Bestand der Kunsthalle Bielefeld trägt auch bei großformatigen Hauptpersonen eine andere Handschrift. Die Schattenzonen werden hier nicht durch regelmäßige Schraffuren vorbereitet, sondern durch ausgelassenere, weichere oder malerische Linien.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes: Jesus errettete die Seelen von Adam und Eva. Die Schatten des Körpers Jesu – insbesondere im Bauchbereich – wurden ebenfalls durch feine schraffierte Linien vorgezeichnet. Betrachtet man den Zeichenduktus, fällt auf, dass die Umrisse von Adam und Eva frei und fließend angelegt sind. Die Komposition von Adams rechten Arm wurde um ein Stück versetzt. Ursprünglich war er weiter rechts angelegt. Hier spricht man von einem Reuestrich oder Pentiment. Gemeint ist eine Veränderung, die der Maler während des Malprozesses vorgenommen hat.

Verkleinerter Torbogen, weggelassenes Dachfenster – Gert van Lon hielt sich bei der Ausführung seines Gemäldes nicht immer an seine Vorzeichnung. Dies ist an den Gebäuden im linken Hintergrund zu beobachten.

An einer Stelle streicht der Künstler sogar eine gesamte Szene. Eine vermeintlich leere Lichtung zwischen Bäumen, Büschen und Steinfelsen offenbart im infraroten Licht eine Personengruppe. Körperformen, Gewänder und sogar Gesichter sind deutlich zu erkennen. Möglicherweise war hier die Darstellung der Grablegung angedacht. Warum auf die Durchführung verzichtet wurde, bleibt derzeit ein Rätsel.

Resümee & Ausblick

Dies sind die Ergebnisse eines Testdurchlaufes, in dessen Rahmen längst nicht alle technischen Möglichkeiten der Kamera genutzt werden konnten. Die bisherigen Erkenntnisse untermauern jedoch den Nutzen der Infrarotreflektographie, die auch Auskunft über den Erhaltungszustand allgemein, den Pinselduktus der durchgeführten Malerei und Retuschen geben kann.

Alle Beobachtungen können helfen, ein Werk besser zu verstehen und eine Zusammenarbeit von Meistern und Gehilfen sowie anderen Künstlern verfolgen zu können. Somit erfahren Zuschreibungen und zeitliche Einordnungen eine im Wortsinn grundlegende Unterstützung.

 

Ein Text von Gisela Tilly (Dipl.-Rest. Restauratorin)

Die Fotos (auch Infrarotaufnahmen) stammen von Ansgar Hoffmann (Berufsfotograf, Diplom-Designer)

Weiterführend zu dem Thema Infrarotuntersuchungen empfehlen wir den Blogbeitrag „Ich sehe was, was du nicht siehst“ des Landesmuseums Württemberg

Sie möchten mehr über die Techniken der Malerei erfahren? Dann empfehlen wir die Digital Story des Wallraf-Richarts-Museums: „Entdeckt! Techniken der Malerei“

An vier Abenden fanden in den vergangenen Monaten wieder die „Dialoge im Museum“ statt – eine Kooperation zwischen dem Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Uni Paderborn und dem Diözesanmuseum. Gesprächsanlass bot die aktuelle Sonderausstellung „Before the Wind“ sowie das germanistische Masterseminar „Konzepte der Kreativität“.

Was ist Kreativität?

Prof. Lothar van Laak ging mit seinen Gästen, den Studierenden und Museumsbesucher*innen in der Ausstellung verschiedenen Fragen nach: Was ist Kreativität? Wie lässt sie sich anregen? Worauf basieren ihre Möglichkeiten?

Die Kunstwerke von Claudia Brieske und Franziska Baumann und deren Inszenierung im Dialog mit den sakralen Kunstwerken der Museumssammlung dienten als Anregung. Auch die Perspektiven der Dialog-Gäste Dr. Christiane Ruhmann (Kuratorin der Ausstellung), Prof. Rita Burrichter (Theologie, Uni Paderborn) und Prof. Reinhard Schulz (Philosophie, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg) sowie zahlreiche Literatur-Beispiele regten die Gespräche an.

Einen Veranstaltungsband gestalteten die Studierenden des Seminars „Konzepte der Kreativität“.  In drei Stationen verbanden sie ihre Ausführungen zu „Genie“ und „Kreativität“ mit dem Ausstellungsthema „Wind“. Dabei nutzen sie unterschiedliche Medien und kreative Annäherungsformen, um die lange Kulturgeschichte der Kreativität auch anhand literarischer Beispiele vor Augen zu führen. Die Gedanken und Anregungen der Besucher*innen wurden aktiv mit einbezogen.

Zu der Veranstaltung entstand ein Programmheft, das wir hier zum Download zur Verfügung stellen.

Die „Dialoge im Museum“ – ein Erfolgsformat

Die Gesprächsreihe „Dialoge im Museum” begann mit der „Caritas”- Ausstellung im Jahr 2015. Für die sehr intensive Zusammenarbeit im Rahmen der Ausstellung „Wunder Roms im Blick des Nordens” wurde die Kooperation zwischen Universität und Museum im Jahr 2017 mit dem Preis für Innovation und Qualität in der Lehre der Universität Paderborn ausgezeichnet. Denn die „Dialoge im Museum” fördern im Gespräch über Exponate der Ausstellungen und der Sammlung und über Beispiele von Literatur und Künsten den Austausch zwischen Museum und Universität, zwischen Studierenden und Besucher*innen des Museums: Ein lebendiger Ort zum gemeinsamen Nachdenken über Kunst und Kultur ist so entstanden. Die Ausstellungen des Museums werden zu einem besonders anregenden Lernort.

Seit dem Beginn der Reihe führte Prof. Dr. Lothar van Laak (Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Paderborn) mit Kolleg*innen anderer Disziplinen (Kunstgeschichte, Musik-, Literatur- und Filmwissenschaft, Theologie und Geschichtswissenschaft) etwa 40 Gespräche über Themen wie die Liebe, über Engel, das Staunen und über grundlegende Transformationsprozesse von Kultur und deren Aktualität und Anschaulichkeit. Aber auch Studierende moderierten inzwischen mehrere Gesprächsabende und präsentierten im Programm zum 50. Jubiläum der Universität Paderborn im Sommer 2022 eine filmische und literarische Zeitreise zu Felicitas Hoppes Roman „Die Nibelungen”. Weitere Kooperationsformate sind für die Zukunft in Planung.

– Prof. Lothar van Laak (Universität Paderborn)

Von Säuseln bis Tornado: Wind kann genauso zerstören wie Leben ermöglichen. Kein Wunder also, dass er auch in der Religion eine Rolle spielt. Das zeigt die Ausstellung „Before the Wind“ im Diözesanmuseum Paderborn.

Sagt Ihnen der Name Emmelinde etwas? Falls Sie aus Paderborn oder Lippstadt kommen, sind die Chancen hoch, dass Sie diese Frage mit Ja beantworten. Und vermutlich ähnliche Bilder im Kopf haben: entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, vom Wind umgeworfene Fahrzeuge. Emmelinde hieß das Sturmtief, das im Mai 2022 einen Tornado über Teile Ostwestfalens ziehen ließ. Hautnah haben die Menschen hier die zerstörerische Kraft des Windes erlebt, die man sonst nur aus Fernsehbildern aus den USA oder aus Asien kennt.

Wind: zerstörerisch, lebenspendend – künstlerisch anregend

Doch Wind ist mehr als Zerstörung. „Wind ist eine gestalterische Kraft“, sagt Claudia Brieske. Die Berliner Videokünstlerin hat sich gemeinsam mit Franziska Baumann , einer Klangkünstlerin aus Bern, mit dem Thema Wind beschäftigt. Der Tornado von 2022 war dabei Inspiration. In enger Zusammenarbeit mit dem Diözesanmuseum Paderborn  ist dabei die Ausstellung „Before the Wind“ entstanden. Sie beleuchtet die verschiedenen Facetten, die Wind haben kann. Und erzählt auch viel darüber, was Wind mit Glauben zu tun hat.

Die Künstlerinnen Franziska Baumann aus Bern und Claudia Brieske aus Berlin arbeiten seit 2006 zusammen. © Harald Morsch / Diözesanmuseum Paderborn
Die erste Windfigur macht das Wehen des Windes sichtbar. Damit beginnt nach dem Verständnis der Künstlerinnen die Zeit.

Die Ausstellung heißt „Before the Wind“. Was also war da, vor dem Wind? Die Antwort der beiden Künstlerinnen: nichts. Denn für sie beginnt mit dem Aufkommen von Wind überhaupt erst die Zeit – und damit die Welt. Das zeigen sie mit ihrer ersten Windfigur, einer weiblichen Gestalt, die in lange Bahnen aus fließendem, roten und weiß-durchscheinenden Stoff gehüllt ist. Im Video greift der Wind in den Stoff, bläht ihn auf, lässt ihn flattern. Dadurch wird das nicht-greifbare Element – im Verständnis der Künstlerinnen – erstmals sichtbar, erlebbar.

Die Welt entsteht durch den Wind Gottes

Dass mit dem Wind Zeit und Welt beginnen, das findet sich auch in der biblischen Überlieferung. Denn die Schöpfung hat auch viel mit Wind zu tun. In Genesis 1,2 heißt es: „Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ Das Wort, das man heute zumeist mit „Geist“ übersetzt, lautet im Hebräischen „ruach“. „Ruach“ bedeutet durchaus „Geist“, hat aber auch ältere Bedeutungen, nämlich „Wind“, „Hauch“, und „Atem“. Die Welt wird also durch den Wind oder den Atem Gottes. Der Mensch wird erst durch das Einhauchen des göttlichen Atems zum lebendigen Wesen (Gen 2,7).

Wind ist lebenspendend. Das gilt auch in der Natur. Dazu sieht man in der Ausstellung Live-Bilder des Jetstreams. Das ist ein riesiges Luftband, das mit hoher Geschwindigkeit und in großer Höhe über unseren Planeten weht. Der Jetstream treibt die Hoch- und Tiefdruckgebiete an und ist damit mitverantwortlich für wechselnde Wetter – was notwendig ist, damit Pflanzen wachsen und gedeihen können.

Wind verbindet Himmel und Erde

Im Glauben der Menschen steht Wind auch für die Verbindung zwischen Himmel und Erde – zwischen göttlicher und irdischer Sphäre. Da ist die Wolkensäule aus dem Buch Exodus: „Der HERR zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen (…)“ (Ex 13,21). In der Kunst werden den Engeln Flügel verliehen, sie werden zu Luftwesen, sodass sie die Verbindung zwischen oben und unten schaffen und aufrechterhalten können. Da ist Das Brausen zu Pfingsten – in der Ausstellung durch ein Gemälde repräsentiert, in dem der Geist/Wind Gottes in Gestalt einer Taube im Sturzflug durchs offene Fenster in den Saal rauscht, in dem Maria und die Jünger sitzen. Über Jahrhunderte haben Menschen starke Wind-Bilder gefunden, um die Botschaft ihres Glaubens zu verdeutlichen: Gott hat sich nach der Schöpfung nicht teilnahmslos von seinem Werk abgewandt, er wirkt darin weiter.

Die christliche Kunst verleiht Engeln Flügel, um bildhaft zum Ausdruck zu bringen, dass sie göttliche und irdische Sphären verbinden. © Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn
Die dritte Windfigur in der Ausstellung "Before the Wind" geht durch eine Sandwüste und hält einen Schallplattenspieler in Händen. © Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn

„Nimm mein Gebet als Weihrauch an, der hinaufsteigt und zu dir gelangt“ (Ps 141,2) Die Verbindung kann nicht nur von oben nach unten, sondern auch umgekehrt verlaufen. Heiße Luft steigt nach oben und Partikel in der Luft können diese Bewegung sichtbar machen. Nichts anderes ist der im Psalm erwähnte Weihrauch – schon lange vor Christentum und Judentum wurde er in religiösen Kontexten verbrannt. In der Ausstellung stehen mittelalterliche Weihrauchfässer einer Videoinstallation gegenüber, die Claudia Brieske aus Aufnahmen aus dem Windkanal der Ruhr Universität Bochum geschaffen hat. Hier wird unter strömungsmechanischen Gesichtspunkten das Verhalten von Rauch untersucht. Man sieht im Video aber auch vom Wind erfasste Haare und Stofffetzen sowie die riesigen Propeller, die künstlich Wind erzeugen, um das Phänomen untersuchen zu können.

Windhauch

Wenn mit dem Wehen des Windes Zeit und Welt begannen – was ist dann bei Windstille? Diese Frage kann man sich bei der Betrachtung der letzten beiden Exponate stellen. Da steht die Videoinstallation einer weiteren Windfigur über Eck im Dialog mit der Imad-Madonna. Die Windfigur im Video trägt ein langes Gewand aus Netzen und Schläuchen, dessen Schleppe sich hinter ihr in Form von Rillen in den Sand einer Wüstenlandschaft eingräbt – den Sand für diese Wüste, das sei an dieser Stelle bemerkt, hat der Wind über 700 Kilometer von der Sahara auf die Kapverdischen Inseln getragen hat, wo Brieske und Baumann gedreht haben. Als Attribut trägt sie einen Plattenspieler, bewusst ähneln die Rillen im Sand denen auf der Platte. Die Windfigur will Spuren hinterlassen.

Die dritte Windfigur in der Ausstellung "Before the Wind" hält einen Plattenspieler in Händen. Das Video zeigt, wie eine Windböe unter die Platte greift und sie davonträgt - als Symbol für Vergänglichkeit. © Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn

Doch vergeblich, solange der Wind weht. Schon rieseln Sandkörner, vom Wind angestoßen, in die Fußstapfen und Rillen am Boden. Und dann greift auch noch eine Windböe unter die Schallplatte, reißt sie mit sich fort. Den Moment festhalten, etwas Bleibendes schaffen, erinnern – das sind urmenschliche Bestrebungen. Doch letztlich muss der Mensch ihre Vergeblichkeit akzeptieren. Das Wehen des Windes erinnert auch an die Vergänglichkeit. Wie es im Buch Kohelet heißt: „Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch“ (Koh 1,2).

 

Windstille heißt Ewigkeit

Demgegenüber liegt das Gewand der Gottesmutter zwar in Falten, doch kein Windhauch greift in den Stoff. Im Kontext der Ausstellung bedeutet Windstille, dass man sich außerhalb der Zeit befindet. Die Imad-Madonna ist ja auch kein Abbild einer historischen Maria mit ihrem Kind, sondern ein überzeitliches Symbol. Anders als der Plattenspieler der Windfigur, präsentiert sie hier nichts Vergängliches, sondern Ewigkeit: Jesus als die fleischgewordene Weisheit Gottes. Alles Wehen, Brausen, Stürmen, Säuseln und Hauchen kommt am Ende bei ihm zur Ruhe.

 

Autor: Cornelius Stiegemann

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.erzbistum-paderborn.de

© Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn

Künstlerinnenduo Claudia Brieske und Franziska Baumann bringen limitierte Vinyl-Auflage zur Ausstellung „Before the Wind“ heraus

Sobald man die Ausstellung Before the Wind betritt, ist ein Rauschen, Zischen, Klacken und Wehen zu hören: Der Wind ist allgegenwärtig. Dies ist nur durch die eindrucksvolle Klangkunst von Künstlerin Franziska Baumann aus Bern möglich, die in mühevollen Studien und Kleinstarbeit den Wind „zum Tönen“ gebracht hat. Dazu passend finden aufmerksame Besucher*innen auf den oberen Ebenen des Museums Plattenspieler, die als Skulpturen fungieren. Sie stehen für das „entkörperte Gedächtnis“ – eine Erinnerung daran, dass Menschen mit der Erfindung des Phonographen zum ersten Mal Klang ohne sichtbaren Körper hören konnten. Sie sind Teil der 3. Windfigur, in der Erinnerungen in die Wüste, also in die Leere, getragen werden. Die Schallplatte, als Symbol für die Erinnerung, wird schließlich vom Wind davongeweht.

Ein Hauch von Wind für zuhause

Zum Ausstellungsstart brachten die Künstlerinnen eine limitierte Edition von Vinylplatten heraus, auf der alle Kompositionen, die in der Ausstellung wie ein Windhauch leise durch die Räume wehen, zu hören sind. „Wir möchten den Besucher*innen die Chance geben die Kompositionen noch einmal intensiver und in aller Ruhe hören zu können“, sagt die Sängerin, Komponistin und Klangkünstlerin Franziska Baumann. Auch die handgezeichneten und bemalten Cover greifen ein zentrales Thema der Ausstellung auf: Vom Sehen zum Hören und vom Hören zum Sehen – Seeing the Voices and Hearing the Body.

 Jedes Exemplar ein Unikat

Jedes Exemplar ist ein Unikat und ist limitiert auf 50 Exemplare. Die Cover sind von den Künstlerinnen handgezeichnet und auch die Vinyl sind handgekratzt und individuell gestaltet im Studio von Francessco Passantino (Musiker und DJ der Studio BerlinerVinyl Werk). Die Vinyl können bei uns im Diözesanmuseum für 60 Euro an der Museumskasse erworben werden.

Musik- und Soundperformance im September live erleben

Abschluss und Höhepunkt des Windprojekts ist eine große audiovisuelle Inszenierung am 20. und 21. September 2025. Das Konzerterlebnis mit Live-Video, Stimme, Live-Elektronik und Chor ist eigens konzipiert für die Architektur des Diözesanmuseums. Mit dabei ist die Mädchenkantorei des Paderborner Doms, für sie komponiert Sängerin und Klangkünstlerin Franziska Baumann Stimmmaterial, das gemeinsam mit dem Leiter der Kantorei, Patrick Cellnik, erarbeitet wird.

Über Before the Wind

Bei der neuen Ausstellung in unserem Diözesanmuseum dreht sich alles um den Wind. Mit Before the Windöffnet sich das Museum für einen faszinierenden Dialog zwischen experimenteller, zeitgenössischer Kunst und jahrhundertealten Objekten aus der eigenen Sammlung. Das unsichtbare und zugleich kraftvolle Element Wind wird hier in seiner technischen, gestischen und spirituellen Dimension erforscht. Die Skulpturen, Videos, Musik- und Soundstationen des Künstlerinnenduos Baumann-Brieske (Bern/Berlin) lassen das Naturphänomen in einer vielschichtigen Inszenierung lebendig werden.

 

 

Einen wunderschönen guten Tag. Ich möchte mich gerne einmal vorstellen: Mein Name ist Adriana Papadopoulou. Ich studiere Germanistische Literaturwissenschaften im Einfach-Master an der Universität Paderborn und darf mein außeruniversitäres Praktikum im Paderborner Diözesanmuseum absolvieren. Der Zusammenarbeit des Museums mit der Universität habe ich es zu verdanken, dass ich in der diesjährigen Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike” hinter die Kulissen blicken darf. So begleite ich nun auch die öffentliche Reihe ,,Dialoge im Museum” mit Blogbeiträgen, in denen ich die gemeinsamen Abende Revue passieren lasse.

Am 16.01.25 führten uns Prof. Dr. Lothar van Laak (Universität Paderborn) und die Kuratorin Dr. Christiane Ruhmann zum letzten Mal durch die Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike”. Damit fand die Reihe ,,Dialoge im Museum“ ihren – zart in Geschichte und Literatur eingehüllten – Abschluss.

Zu Beginn wurde die Weitergabe von geschichtlichen Ereignissen thematisiert. Das beinhaltete auch die subjektive Wahrnehmung von historischen Fakten, Dingobjekten und Personen. Der zweite Teil des Abends widmete sich der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der lyrischen Inszenierung von Raum und Figuren. Sehr schön war, dass die einzelnen Nachfragen und Kommentare der Besuchenden sowohl neue Diskussionsthemen boten als auch auf vergangene Abende rekrutierten.

Gegen Vorstellungen erzählen, um Ideenräume zu öffnen

Was ist dein erster Gedanke bei dem Wort ,,Mittelalter”? Ist es vielleicht ,,dunkel – böse”; ,,rückständiges Zeitalter”; ,,ungewaschene Mönche in kleinen unbeleuchteten Klosterzellen”; ,,chaotische Gesellschaft”? Mit dem Abschluss der hochentwickelten Antike kam also das ,,dunkle Mittelalter”?

Solche negativen Assoziationen haben wir dem Humanismus zu verdanken, der die Vorstellung des Mittelalters als unzivilisiertes Zeitalter prägte. Auffällig ist, dass wir heute noch diese Vorstellungen in unseren Köpfen verwurzelt wiederfinden, obwohl sie nicht der historischen Realität entsprechen. Es ist eine große Herausforderung, gegen einen Diskurs zu erzählen, der seit einigen Jahrhunderten Zeit hatte, sich festzusetzen.

Das Diözesanmuseum griff diesen Umstand auf, indem die Figur des Odysseus zentral in die Sonderausstellung gesetzt wurde. Es entstand ein immersiver Erinnerungsraum, in dem so einige Exponate auf die mythische Gestalt aus dem 9. Jahrhundert verwiesen und mit ihr interagierten. Historisch gesehen ist es jedoch nicht wahrscheinlich, dass die ebenfalls in der Ausstellung thematisierten Saxones zur Zeit des Corveyer Klosters mit dieser Figur in Kontakt gekommen war. Der regionale Bezug macht es hier dennoch unmöglich, die Saxones zu vergessen. Sie hinterließen kaum schriftliche Überreste, besaßen vielmehr eine Kultur der Mündlichkeit. An ihrem Beispiel wird deutlich, dass Geschichte keine fest umschlossene Wundertüte darstellt. Es wird in der Geschichte immer Bereiche geben, die für uns ein Geheimnis bleiben werden. Obwohl beispielsweise die Westfalen des 9. Jahrhunderts Teil der Geschichte des Raumes waren, weiß man heute nicht mehr, wie genau, denn die schriftlichen Überlieferungen fehlen.

Einblick in die Saxones-Ausstellungsabteilung

Ein weiterer wichtiger Aspekt zeigte sich auch anhand des Verweises einer Besucherin auf Odysseus‘ Hund (,,Αργος“, dt. Argos) erinnerte. So wartet in der Odyssee der Hund 20 Jahre auf sein Herrchen und beide erkennen sich trotz unterschiedlicher Gestalt wieder (die Szene lässt sich in Homers ,,Odyssee” im 17. Gesang Vers 290-304 nachlesen. Vgl. Quellen.). Es zeigt das Moment der Anagnorisis (des Wiedererkennens) in einer anderen Wahrnehmungsform. Der Hund stellt eine animalische Zeugenschaft dar, welche die materielle Identität von Odysseus olfaktorisch aufspüren kann. Die Nase eines Hundes kann man schließlich nicht täuschen. Er bewertet Odysseus nicht nach seinem Aussehen oder seinen Handlungen, er macht auch keine Vorwürfe oder klagt an, sondern bleibt der treu ergeben, wartende Diener.

Im Hinblick auf das bereits Gesagte soll deutlich werden, dass Geschichte und Identitäten aus kulturellen Formationen erwachsen können. Wir verändern uns (gegenseitig) und wir werden verändert, aber wir können die Richtung entscheiden, unabhängig davon, wer oder was uns (er)kennt.

Der lyrische Raum und seine Figuren

Der zweite Teil des Abends befasste sich mit Joseph von Eichendorffs ,,Am Strom” (1837) und Robert Walsers ,,Sirene” (1930). Die Entstehungszeit der beiden Gedichte verortet das ältere in die literarische Epoche der Romantik, während Walser zu den Autoren des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Inhaltlich befassen sich beide Werke mit der Imagination einer Sirene, wenngleich sie unterschiedliche Strategien anbieten, um diese als weiblich verstandene Figur zu versprachlichen.

Joseph von Eichendorff

Am Strom

(1837)

Der Fluß glitt einsam hin und rauschte
Wie sonst, noch immer, immerfort,
Ich stand am Strand gelehnt und lauschte,
Ach, was ich liebt‘, war lange fort!
Kein Laut, kein Windeshauch, kein Singen
Ging durch den weiten Mittag schwül,
Verträumt die stillen Weiden hingen
Hinab bis in die Wellen kühl.

 

Die waren alle wie Sirenen
Mit feuchtem, langen, grünen Haar,
Und von der alten Zeit voll Sehnen
Sie sangen leis und wunderbar.
Sing‘ Weide, singe, grüne Weide!
Wie Stimmen aus der Liebsten Grab,
Zieht mich Dein heimlich Lied voll Leide
Zum Strom von Wehmuth mit hinab.

Das erste Gedicht ,,Am Strom” beschreibt die Naturerfahrung eines lyrischen Ichs, das emotional geladen während der Naturbetrachtung in eine Imaginationswelt hinübergeht. Die Zuschreibung der Naturphänomene lässt das lyrische Ich männlich erscheinen. Es befindet sich am Strand, lauscht den Geräuschen des Wasser- und Windspiels und beobachtet präzise die Bewegungen der Weide. Diese Faktoren erschaffen in der Vorstellung des Lyrischen Ichs einerseits Sirenen, andererseits ihren Gesang, den es eigentlich nicht hören kann. Wer in dieser inszenierten Stille zuhört, ist wiederum nicht weiter von Bedeutung, da der Versuch unternommen wird, die Stille in der Vorstellungswelt zu füllen. Entscheidend ist, dass die imaginierte Figur und das Lyrische Ich in der Natur sowohl aufgehen als auch sich darin auflösen. Was sagt das über unseren Umgang mit Kultur?

Das zweite Gedicht ,,Sirene” geht nicht von einer gesteigerten Phantasie aus, sondern arbeitet mit sprachlichen Zuschreibungen. Das Lyrische Ich beschreibt hier zunächst einmal die unzeitgemäße Denkhaltung einer überaus schönen weiblichen Figur, die sich in einem modrigen Zimmer aufhält. Die Vorstellung ,,[…] Gott werde ihre Schritte leise lenken” beinhalten, dass eine höhere Instanz das Denken für die weibliche Figur übernehme und ihre weiteren Handlungen steuern könnte. Die intendierte Übergabe von Denken und Handeln kann an dieser Stelle als eine Schwäche verstanden werden. Darin liegt latent die Aufforderung verborgen, diese Grundeinstellung abzulegen und sich um Emanzipation zu bemühen. Der persönliche Rückzugsort abseits der Gesellschaft wird in dem Gedicht als identitätsbrechende Umgebung markiert, da die schöne weibliche Figur neben einer ,,schimmelige[n] Wand” gestellt wird. Die weibliche Figur scheint ganzjährig starr in diesem Raum verankert zu sein, weshalb sie nicht aus den Beschreibungskategorien heraustreten kann. Sie ist daher den einseitigen Attribuierungen der Beobachter ausgesetzt. Darüber hinaus wird die Selbstwahrnehmung der ,,Sirene” und ihrer Gefühlswelt nicht weiter berücksichtigt. Sie müsste neue Strategien und Handlungsweisen entwickeln, um dem Schubladendenken der anderen zu entkommen. Im Grunde führt das Gedicht vor, dass das Potenzial von ,,Kultur” von den Zuschreibungen einer Vielzahl von unbestimmten Betrachter*innen abhängig ist.

Gehabt euch wohl!

Jetzt ist der Moment gekommen, an dem ich mich von Euch verabschieden muss. Seit Oktober durfte ich als Praktikantin an abwechslungsreichen Tages- und Abendprogrammen teilnehmen. Ich traf viele verschiedene Museumsmitarbeiter*innen, die mit ihrem großen Wissen, ihrem motivierten Engagement und ihrem liebevollen Fingerspitzengefühl dem Museum seine Seele verleihen. Obwohl sie sich mit Objekten/Exponaten und historischen Diskursen auseinandersetzen, schauen sie darüber hinaus und versuchen gemeinsam ein Museum zu gestalten, in dem jeder Mensch etwas zum Staunen finden kann. Faktoren wie Alter, Kultur, Herkunft, Sprache, Bildungshintergrund spielen hierbei keine Rolle, da sie die Türen des Diözesanmuseums für alle Menschen gleich öffnen. Es ist sehr inspirierend, den Einsatz und die Geduld der Mitarbeitenden und der Museumsbesucher*innen zu sehen. Sie geben Hoffnung, dass wir gemeinsam als Gesellschaft voneinander lernen und von den Blickwinkeln des anderen profitieren können. Ich denke, wir wachsen dadurch nicht nur im geistigen Sinne, sondern gleichwohl im menschlichen, denn Kultur und Geschichte ist ein Teil unserer Identität. Wir stehen deshalb gleich in der Verantwortung, sie zu bewahren, zu beschützen und weiterzutragen. Aus der „Dialoge im Museum“- Reihe haben wir schließlich auch gelernt, dass jede*r von uns eine (unerforschte)  Geschichte neu schreiben kann. Theoretisch könnten wir alle also die Welt zu einem besseren Ort machen.

Adriana Papadopoulou

Quellenverzeichnis

  • Eichendorff, Joseph v.: Am Strom. In: Mythos Sirenen. Texte von Homer bis Dieter Wellershoff. Hrsg. v. Werner Wunderlich. Stuttgart: Reclam 2007. S. 48.
  • Walser, Robert: Sirenen. In: Mythos Sirenen. Texte von Homer bis Dieter Wellershoff. Hrsg. v. Werner Wunderlich. Stuttgart: Reclam 2007. S. 159.
  • Köhken, Adolf: Perspektivisches Erzählen im homerischen Epos: Die Wiedererkennung Odysseus: Argos. In: Hermes, 131. Jahrg.,H. 4 (2003), S. 385-396.

Internetquellen

Einen wunderschönen guten Tag. Ich möchte mich gerne einmal vorstellen: Mein Name ist Adriana Papadopoulou. Ich studiere Germanistische Literaturwissenschaften im Einfach-Master an der Universität Paderborn und darf mein außeruniversitäres Praktikum im Paderborner Diözesanmuseum absolvieren. Der Zusammenarbeit des Museums mit der Universität habe ich es zu verdanken, dass ich in der diesjährigen Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike” hinter die Kulissen blicken darf. So begleite ich nun auch die öffentliche Reihe ,,Dialoge im Museum” mit Blogbeiträgen, in denen ich die gemeinsamen Abende Revue passieren lasse.

Am 12. Dezember präsentierten die Studierenden der Uni Paderborn den Besuchenden das Resultat ihrer Auseinandersetzung mit der Odysseus-Rezeption. Seit Anfang Oktober hatten sie im Gruppenverband an den Konzepten gearbeitet. Aus den Projektgruppen waren nun vier Stationen entstanden, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Literatur, Film, Musical und Plastik/Selfie Point) den dritten Gesprächsabend der „Dialoge im Museum“ bildeten.

Die Studierenden waren sehr wohl darauf bedacht, den Besuchenden nicht nur ihre Ergebnisse darzulegen, sondern sie auch in eine Reflexions- und Mitmachrunde einzubinden. Ihnen sollte erst gar nicht die Gelegenheit zur Passivität eingeräumt werden.

Rekapitulieren wir dementsprechend gemeinsam einen  abwechslungsreichen Abend.

Zu den vier Stationen

In der ersten Station blickten die Studierenden differenzierend auf neuhochdeutsche Übersetzungen der homerischen ,,Ilias” in Altgriechisch. Es fiel auf, dass die formale und inhaltliche Nähe der neuhochdeutschen Übersetzung vom Verlag und dessen Übersetzer*innen abhänge. Beispielsweise wurde auf die gravierenden Unterschiede sowohl im Hinblick auf sprachliche Semantik als auch in der inhaltlichen Erzählstruktur deutlich gemacht. Nicht ganz unbedeutend war daher, dass plötzlich Figuren in der Übersetzung verschwanden und weibliche Figuren mit negativ konnotierten Bezeichnungen ausgewiesen wurden. Obwohl alle neuhochdeutschen Übersetzungen das Ziel verfolgt haben mögen, ,,die” eine Textvariante zu produzieren, müssen sie dennoch als mögliche Interpretationsversuche eingestuft werden.

Schon auf dem Weg zur nächsten Station wurden die Besucher von Musik und Gesang in Empfang genommen. Ein cleverer Kniff der Musical-Gruppe, das Interesse an ihrem Projekt zu wecken.

Die zweite Projektgruppe hatte sich mit Jorge Rivera-Herrans’ englischsprachigen Musical ,,EPIC” befasst, welches online vollständig zugänglich ist und wegen seiner wachsenden Community in naher Zukunft uraufgeführt werden soll. In einer neuen Adaption macht Rivera-Herrans’ die Erzählung um Odysseus auch für das jüngere Publikum attraktiv. Spannend ist, dass er nicht nur die Musik und die Texte für jede einzelne Saga (Kapitel) geschrieben hat, sondern auch die Odysseus-Figur vertont. Er versucht keine flache Heldenfigur abzubilden, sondern zeigt in Form von Dichotomien die Komplexität von (menschlichen) Handlungen und Entscheidungen. Als Beispiel wurde den Besuchenden das Stück ,,Monster” aus ,,The Underworld Saga” vorgespielt.

Darin stellt der vertonte Odysseus die Schuldfrage für seine Lebensentscheidungen und die Konsequenzen für seine Umwelt dar. Er fragt in Verzweiflung: ,,What if I am the Monster?”.

Die Studierenden gaben die Frage, inwiefern Odysseus in der Adaption nach Rivera-Herrans als Mann oder als Monster eingestuft werden könnte, an die Besuchenden weiter. Ein Plakat und rote Aufkleber wurden dafür vorbereitet.

Wie hätten Sie sich positioniert und warum?

Hier ist das Ergebnis des Abends:

Dieses Plakat sollte den Besuchenden die Stellungnahme erleichtern.
Nach reiflicher Diskussion blieben einige Personen neutral, während die Mehrzahl dahin tendierte, die Figur ,,Odysseus” als ,,Mensch” einzuordnen.

Die dritte Station bildete das Figurenpaar ,,Odysseus und Skylla”, welches die Projektgruppe in Anlehnung an die karolingische Wandmalerei des Corveyer Klosters entworfen hatte. Das einzige im Mittelalter überlieferte Bild der Geschichte sollte in Form von zwei Pappaufstellern für die heutige Zeit greifbar gemacht werden. Entstanden war ein Selfie Point, der – im Gegensatz zu seinem gemalten Vorbild – dazu einladen sollte, in Interaktion zu treten: Odysseus wurde für einen Moment im Raum des Museums plastisch erlebbar. Es wurde sehr großen Wert darauf gelegt, dass die Besuchenden nicht dem Staunen verfallen, sondern in Interaktion mit den Figuren treten sollten. Damit sollte der Installation Leben eingehaucht und die aktive Neugier angeregt werden.

Die Besuchenden hatten durch die Figuren die Möglichkeit, aktiv an der Erinnerungs- und Rezeptionskultur teilzunehmen. Durch das Fotografieren mit den Figuren wurden sie spielerisch ein Teil der Odysseus-Erzählung. Jede Person konnte ihre eigene Geschichte von Odysseus und Skylla erzählen. Ein spannender Nebeneffekt war die veränderte Dynamik im Ausstellungsraum, da die Besuchenden jetzt ausnahmsweise Objekte anfassen durften.

(Unter uns: Ich sah vor Beginn des Abends, wie Odysseus’ muskulöser Körper mit einer Fusselbürste bearbeitet wurde. Auch bei der Skylla mussten erst noch einige Körperpartien zurechtgerückt werden. Näher kann man antiken Figuren wirklich nicht kommen. Homer hätte das bestimmt nie zu träumen gewagt. 😉)

Dieser Odysseus nimmt zwar die Haltung der Corveyer Bildvorlage auf, der vestimentäre Code präsentiert ihn jedoch als mittelalterlichen Herrscher.
Die Figur der Skylla hat im Vergleich zu ihrem männlichen Gegenüber eine moderne Ausrichtung erfahren. Sie wurden mit dynamischer Farbigkeit, verschiedenen Materialien und weiblichen Akzenten erweitert, um Plastizität zu erzeugen.

In vielerlei Hinsicht sind demnach einzelne Aspekte und Erzähldiskurse in diesem Figurenpaar ergänzt worden. Der Phantasie sind ja bekanntermaßen keine Grenzen gesetzt. Die Interaktion mit den lebensgroßen Aufstellern sollte den Besuchenden den antiken Erzählstoff leichter zugänglich machen. Der performative Akt lässt sie so an der Rezeption des Odysseus-Erzählstoffes mitschreiben. Der museale Raum wird dadurch zum Erfahrungsraum, in dem spannende Erinnerungen neu kreiert werden können. Jede Person kann sich für die eigene Inszenierung dabei beispielsweise fragen: Versuche ich die Figurengruppe als mythologischer Kämpfer*in zu ergänzen? Odysseus kann vielleicht eine helfende Hand gebrauchen. Oder stelle ich mich vielleicht doch auf die Seite der Skylla?

Odysseus und Skylla laden zu vielen Möglichkeiten der interaktiven Neuinterpretationen ein, und zwar ganz unabhängig von der antiken Text- oder mittelalterlichen Bildvorlage.

Jede*r, der mit den Figuren interagiert, konnte darüber hinaus am Ende des Tages ein personalisiertes Stück des Corveyer Weltkulturerbes mit nach Hause nehmen (Foto). Die kulturelle Umdeutung der antiken Stoffvorlage und der mittelalterlichen Rezeption wird dadurch mit jeder Person fortgeschrieben. Im Kern versuchte das Figurenpaar auf eine andere Weise, die derzeitige Sonderausstellung ,,Corvey und das Erbe der Antike” in sich zu spiegeln, die sich u.a. mit der kulturellen Aneignung auseinandersetzt (Vgl. Blogbeitrag vom 14.11.24).

Dies verdeutlicht die Fluidität von Kulturprozessen, die nicht allein von den Exponaten abhängig gemacht werden können, sondern gleichwohl von jeder /jedem einzelnen mitgetragen werden. Also: Welchen Teil von Kultur und Rezeption wollen wir – können wir, kannst du und ich – weitertragen?

Die letzte Gruppe befasste sich mit dem Heldenbild in dem Film ,,Die Abenteuer des Odysseus” (1997). Sie zeigte die Begegnung der Titelfigur und ihrer Mannschaft mit den Seemonstern Skylla und Charybdis in einer Meerenge. Die Bedrohung durch das erste weibliche Monster zeigte sich in der herrschenden Stille, während die Besatzung ihre Höhle durchquerte sowie in den angsterfüllten Gesichtern der Männer. Von der Skylla waren nur Tentakel zu erkennen. Die eingeschränkte Sichtbarkeit in der Höhle und die plötzlichen Geräusche von sterbenden Männern und einer (unschuldigen) Ziege, boten in dieser filmischen Adaption keine Grundlage für das Eingreifen eines mutigen Odysseus. Statt dem klassischen Heldenbild zu entsprechen und das Leben seiner Mannschaft zu verteidigen, zieht er sich zurück und lässt seine Männer nacheinander von den beiden Meeresungeheuern verschlingen. Odysseus handelt nicht heldenhaft, obwohl die Zuschauer*innen/Besuchenden dies von ihm erwartet hätten. Der Film bricht also mit den gängigen Vorstellungen der Rezipienten von einem heldenhaften Odysseus. Im Museum diskutierten die Besuchenden anschließend, ob der Verlust von einigen Männern nicht als Kollateralschaden bewertet werden könnte, weil durch den Tod von einigen wenigen Personen eine größere Menschenmenge gerettet werden konnte… Unabhängig von der eigenen Positionierung ist es gut, dass die Kunst den Freiraum bietet – abgelöst von kulturellen und sozialen Wertkategorien – an Gedankenexperimente verschiedener Form (Literatur, Musik, Plastik, Film), teilzunehmen.

links: Der Screenshot verbildlicht den Schrecken und die Angst, bevor Skylla das Schiff überwältigt. Rechts: Im Vergleich mit der Corveyer Wandmalerei reduziert der Film die Skylla-Figur auf einzelne nicht-menschliche Körperteile, die eher der Hydra entsprechen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Studierenden der Universität Paderborn für die Organisation eines vielfältigen Abends bedanken. Die Gesprächs- und Diskussionsbereitschaft der Besuchenden war sehr anregend. Daher auch einen herzlichen Dank an die Teilnehmenden für die vielen inhaltlichen Impulse.

Adriana Papadopoulou

Ein Beitrag von Künstler und Kalligraph Brody Neuenschwander 


I am told that handwriting is disappearing or has already disappeared. Many of us follow this story with sad fascination, assuming that the demise of this fundamental human activity will bring cultural disaster in its wake. The great irony is that calligraphy, handwriting’s well-dressed twin, lives on and even grows in popularity. Calligraphers themselves will often admit that they type more than they write, but when they DO write, it is with skill, deliberation and deep pleasure. Writing, in the hands of a calligrapher, makes language visible, beautiful, memorable.


But the keyboard and the screen rule our lives. So, what motivates a calligrapher to take up pen and ink and spend intense hours giving shape to words? Why do we sacrifice clarity and efficiency? Why make a text harder to read?


The place of calligraphy in the modern world is not easy to define. And yet, every year more people take calligraphy classes, investing time and energy in learning a skill that seems to be out of date. What do they do with this newly acquired skill?


They enhance the meaning of words.

They record thoughts and feelings.

They give shape to the stories of their lives.


In other words, they honor words. Calligraphy is perhaps unique in that it sits on the borderline between art and language. We read calligraphy and we look at it. It is in the calligrapher’s power to guide us through meaningful words in different ways. Calligraphy can be elegant, serene, and legible. It can be disturbing, hard to read, and challenging. It can express every emotion that the calligrapher can feel. Ink translates feeling into line, into letters, into works of (text) art.

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Mehr Informationen

Can this art form have a social role? Can the calligrapher be the artful secretary who records another’s story? The Diocesan Museum in Paderborn has just carried out an experiment to test this possibility. “Tell me, o Muse,” was an event that brought calligraphers and re-rooted Paderborners together, the one telling a personal story, the other transforming it into calligraphy. On November 2, 2024, the public was invited to look over the shoulders of eight calligraphers as they transcribed and transformed the stories of eight Paderborn citizens who have arrived in the city from elsewhere over the years. Each re-rooted Paderborner was asked to write about her/his experience of migration, movement, relocation, restarting life in a new place. What was it like to move from Turkey or the United States to Germany? How difficult was it to make new friends? Was it hard to learn German? Do you miss your homeland? Can Germany become your new homeland? These are difficult questions, and they are faced by millions around the world today.


Eight stories of movement, loss, new beginnings. Eight calligraphers to write them. There was little or no contact between the storyteller and the calligrapher before the evening in the museum. The calligraphers received the stories in advance, giving them the chance to read the story and think about its meaning before the event began.


During the event the calligraphers created a work of art based on the story they were given. This was a personal interpretation of the words, not intended to please the storyteller. The calligrapher worked as an artist, using the words of the story as a catalyst for a work of art. At the end of the evening, the calligrapher and the storyteller met. Some storytellers could identify with the art works created from their stories. Others perhaps less so. But all felt that a bridge had been built, a story heard, a story told. The delicate, intimate interaction of artist and text became a warm, open invitation to friendship between artist and storyteller.

I wonder if this experiment can point calligraphy in a new direction. Can calligraphers become the listeners? Can they bring the stories of all kinds of people to the public in a new way? Can they interpret words, shape sentences, create works of art out of the stories that we all have and want to tell? “Tell me, o Muse” was a successful experiment. It is worth taking the idea further. There are many calligraphers in Germany today. I am confident that many of them would take up the challenge of recording the stories of all kinds of people, young and old, German and foreign, all religions and none.


We all have stories to tell. Let us give calligraphers a new task: to record our stories and transform them into works of art.

Text von Waltraud Murauer-Ziebach.


Was passiert mit unseren Erinnerungen, mit unseren Erfahrungen, mit unseren Kenntnissen, wenn wir sie nicht aufschreiben? Bleiben sie erhalten? Was geschieht mit unseren kulturellen Werten, mit unserem Wissen? Hinterlässt das alles Spuren nur im familiären Erinnern oder auch im kollektiven, im gesellschaftlichen Kontext?


Die Ausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ spürt Quellen jahrhundertealten Wissens auf und trägt sie temporär neu zusammen. Hier wird deutlich wie Kultur- und Wissenstransfer, wie Handelsbeziehungen und Migrationsbewegungen seit Jahrtausenden unsere Gesellschaft befruchten, verändern und bis heute prägen. Kulturtransfer – in welcher Form auch immer – ist eine wirkmächtige gesellschaftliche Kraft. Aus diesem Gedanken heraus hat das Team des Diözesanmuseums Paderborn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, gemeinsam mit Kalligraf*innen aus Deutschland, Belgien und den USA zu einem ungewöhnlichen Experiment eingeladen. Unter der Federführung des amerikanisch-belgischen Künstlers und Kalligrafen Brody Neuenschwander fand am 2. November 2024 die Kunstperformance „Tell me, O Muse…“ statt.


Persönliche Odysseen

Acht Erzählende teilten ihre Erlebnisse, ihre persönlichen Geschichten mit acht Schreibenden, Gestaltenden, um sie in neuer Form zu bewahren. Heute in Paderborn lebende Menschen aus Persien, der Türkei und Russland, aus Haiti, Vietnam und den USA, aus Frankreich und den Niederlanden berichteten von ihren persönlichen Odysseen. Der Bitte des Museumsteams und einem im Vorfeld erarbeiteten Fragenkatalog folgend, brachten sie Erlebtes, Gefühltes und Erlittenes zu Papier. Die einen in kurzen Antworten auf die gestellten Fragen, andere schrieben Berichte, Briefe, schickten Gedichte …


Verbindungen schaffen

Auf den verschiedenen Ebenen des Museums stellten die Kalligraf*innen einen Abend lang ihre Arbeitstische auf. Zwischen jahrhundertealten, kunstvoll gestalteten Handschriften, antiken Skulpturen und beeindruckender mittelalterlicher Schatzkunst, sollte etwas Neues entstehen und Verbindungen sichtbar werden. Mit Feder, Pinsel und Tinte näherten sich die Kalligraf*innen den Lebenserinnerungen der Menschen an, die mal mehr, mal weniger freiwillig von ihrer Kultur in eine andere, die unsere, wechselten. Ein intuitiver Prozess in der jeweils eigenen künstlerischen Sprache der Kalligraf*innen. Die Migrant*innen waren eingeladen zuzuschauen. Erst am Ende des Abends traf man sich zum Austausch.

Vergesst nicht, dass wir alle Menschen sind —
Nilgün Özel trifft Kalligrafin Veronique Vandevoorde


„Als wir 1966 aus meiner, mit 800.000 Einwohnern recht großen, Heimatstadt Eskişehir in der Türkei nach Deutschland, ins kleine, sauerländische Marsberg kamen, war das ein Kulturschock“, erzählt Nilgün Özel. „Meine Mutter packte ihre Miniröcke weg und sagte, die kann ich hier nicht tragen, das kennen sie noch nicht. Und ich lernte, dass höfliche junge Mädchen knicksen.“ Nilgün Özel lacht. Sie stammt aus einer Familie, in der Bildung und Kultur eine wichtige Rolle spielen. Der Vater, der in der Türkei nicht studieren konnte, wollte sich in Deutschland diesen Traum erfüllen aber vor allem hat er allen seinen Kindern, Jungen wie Mädchen, eine akademische Ausbildung ermöglicht. Unterdessen lebt Nilgün Özel seit 44 Jahren in Paderborn. Sie findet viele Gemeinsamkeiten zwischen ihrer ehemaligen und ihre heutigen Heimatstadt: die historischen Bedeutung, die vielen Quellen, die Universitäten, … Sie selbst sieht sich in gesellschaftlicher Verantwortung, engagiert sich ehrenamtlich in vielen kulturellen und sozialen Organisationen, sammelt Kunst und fördert junge Künstler*innen.

Für die Kalligrafin Veronique Vandevoorde aus Gent sind Sprache und Schrift nicht nur Mittel der Kommunikation, sondern auch ein Bindemittel zwischen Menschen. Zwischen ihr und Nilgün Özel ist an diesem Abend eine besondere Verbindung entstanden und sie zeigt sich im kalligrafischen Werk.

Hier bin ich stark geworden…
Nguyet Rodehutskors trifft Kalligrafin Ute Meyer-Koppert

„Was ich von den Deutschen übernommen habe, das ist das Selbstbewusstsein“, sagt Nguyet Rodehutskors, „und das ist gut“. In Vietnam, erzählt sie, werde man zur Bescheidenheit und Zurückhaltung erzogen, hier muss man sich durchsetzen und behaupten können. Sie ist in einem behüteten Zuhause aufgewachsen, zweisprachig, mit Vietnamesisch und Französisch, besuchte eine Privatschule. Kultur und Bildung prägten ihre Familie. Mit 22 hat sie das alles hinter sich gelassen und ihre Heimat alleine verlassen. „Aus politischen Gründen“, erklärt sie, so wie rund zwei Millionen Menschen, die als „Boat People“ nach dem Ende des Vietnamkriegs vor dem kommunistischen Regime flüchteten. In Deutschland konnte Nguyet Rodehutskors ihren Traum verwirklicht, sie ist Dolmetscherin geworden, hat geheiratet und zwei Kinder bekommen. Was sie mitgebracht habe, in die neue Heimat, wollen wir wissen. „Offenheit, Optimismus, Toleranz, Ausdauer und eine leckere, gesunde und vielseitige Küche“, sagt Nguyet und lächelt.


Die deutsche Kalligrafin Ute Meyer-Koppert hat für Nguyet Rodehutskors ein feines, filligran wirkendes Bild geschaffen. „Ich habe einfach das Herz sprechen lassen“, sagt sie. Nguyet ist begeistert: „Das hat Leichtigkeit, aber Schwere ist auch dabei“, sagt sie spontan. „Und, ja, so ist das auch in meinem Leben. Unter den Kommunisten in Vietnam gab es sehr viel Schweres zu erfahren, schreckliche Dinge sind passiert, aber hier, nach der Flucht über den Ozean, konnte ich meine Leichtigkeit wiederfinden.“

Hilfsbereitschaft ist ansteckend …
Malihe Nadjafi trifft Kalligrafin Goedele Soetewey

„Längst sind wir alle Deutsche, aber wir tragen auch weiter persische Kultur in uns“, sagt Malihe Nadjafi über sich und ihre Familie. „Beim persischen Neujahrs- und dem Feuerfest, denke ich oft an das christliche Osterfeuer. Und unser leckeres persisches Essen erfreut auch die deutschen Freunde.“ Mitte der 1980er-Jahre wollte Nadjafis nach Schweden auswandern, doch ein familiärer Schicksalsschlag führte sie nach Paderborn. „In den ersten sechs Monaten habe ich viel geweint“, erzählt Malihe Nadjafi. „Plötzlich war ich in einer kleinen, fremden Stadt, weit weg von der Großstadt Teheran, wo ich so viele Möglichkeiten hatte.“ Die Anfangszeit ist schwierig. Abbas Nadjafi kann zwar sofort arbeiten, übernimmt das Geschäft seines verstorbenen Bruders, doch als er beruflich in den Iran reist, wird er dort mehr als ein Jahr lang festgehalten. Malihe Nadjafi ist damals schwanger. „Ich hatte viel Unterstützung von einer deutschen Familie und auch von der Kirche“, sagt sie. Heute helfen die Nadjafis anderen Einwanderern, vornehmlich – auch wegen der gemeinsamen Sprache – Iranern und Afghanen.

Die belgische Kalligraphin Goedele Soetewey hat Malihes „Wort für Wort-Geschichte“ aufgeschrieben – auf Englisch und auf Deutsch: Zwei große, ganz unterschiedlich wirkende „Schrift-Bilder“ sind entstanden, Dokumente gelebter Geschichte. Als Malihes Mann Abbas, sie sah, schlug er der Kalligrafin vor, er könne eine dritte Version auf Persisch hinzufügen. So entstanden ein anregender Dialog und ein beeindruckendes Ergebnis.

Ich habe erfahren, dass ich mich überall zuhause fühlen kann …
Dominique Charli trifft Kalligrafin Eveline Petersen-Gröger

„Grob 25 Mal bin ich in meinen Leben umgezogen“, erzählt Dominique Charli. Geboren im kleinen französischen Städtchen Meaux ging es zum Studium ins nahegelegene Paris, später quer durch Deutschland, dann auf die Kanareninsel La Palma und schließlich nach Paderborn. „Durch diese Lebensreise habe ich erfahren, dass ich mich überall zuhause fühlen kann, wenn ich in mir ruhe“, erzählt Dominique Charli. Dominiques Ursprungsfamilie hat neben französischen auch polnische Wurzeln, die ihres Mannes liegen in Frankreich, Deutschland, Portugal und Spanien. Ein Melting Pot und gar nicht so ungewöhnlich. Persönliche Odysseen sind seit Jahrtausenden Herausforderung und Chance, Motor für Fortschritt und kulturelle Entwicklung. „Mir ist bewusst, dass ich als Französin privilegiert bin“, sagt Dominique Charli. „Viele neue Bürger aus entfernten Ländern und Kulturen haben es heutzutage nicht so leicht. Die Begegnung mit der Fremde ist aktuell eine große Herausforderung und ich finde alle hiesigen Bestrebungen, kulturelle Brücken durch Veranstaltungen herzustellen, sehr wertvoll.“

Lebensreise und Freiheit das sind zwei der zentralen Worte, die die in Norddeutschland lebende Kalligrafin Eveline Petersen-Gröger hervorgehoben hat. Dominique Charli ist an diesem Abend nicht von ihrer Seite gewichen und hatfasziniert zugeschaut. Die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmte gleich.

Liebeserklärung an P.
Tatjana Lemler trifft Kalligrafin Christiane Pucher

„Es war eine „Zwangsheirat“ im weitesten Sinne, die sich später zur einer der größten Lieben meines Lebens entwickelt hat.“ Das ist einer der ersten Sätze in Tatjana Lemlers ungewöhnlichem Text. Auf zwei Seiten – halb (Liebes-)Brief, halb Essay – zeigt die gebürtige Russin aus Kasachstan ihre Gefühle, lässt in „P.“ (= Paderborn) Erlebtes und Erlittenes auch mal mit feiner Ironie aufblitzen. Mit 16 Jahren, 1979, verlässt sie Russland, kommt nach Paderborn, erlernt die fremde Sprache und schafft den Sprung aufs Gymnasium. Nach dem Fachabitur verlässt sie P., doch sie hat Sehnsucht, Heimweh nach der alten, neuen Heimatstadt. In poetischen Worten beschreibt Tatjana Lemler all das, was sie an Paderborn liebt: Mauerfragmente die von früher erzählen, das viele Wasser, den Zauber geschichtsträchtiger Orte, den Dom, die Chöre, denen sie dort zuhören kann, den Trubel der Libori-Woche … „In diesen ca. 20 Jahren habe ich dich kennen und lieben gelernt, und das war überhaupt nicht schwer“, heißt es am Ende ihrer Leibeserklärung an Paderborn.

Aus dem poetischen Text, der auf zwei profanen Druckseiten daher kommt, machte die in Paderborn lebende Kalligrafin Christiane Pucher mit ihrer „Kunst des Schreibens“ ein einzigartiges und wunderschönes Dokument der Erinnerung.

Freundlichkeit kostet nichts und bringt dich immer weiter…
Christelle Lindhauer trifft Kalligrafin Sigrid Artmann

„Ich bin ein karibisches Mädchen“, sagt Christelle Lindhauer und erzählt, dass es für sie nicht so einfach war, die deutsche Pünktlichkeit und Gründlichkeit zu erlernen. Mit 16 Jahren ist sie hergekommen. In ihrer Heimat Haiti war sie nicht mehr sicher. „In meiner Kindheit war es ein Traum dort zu leben“, erzählt sie. Ihre Familie hat deutsche Wurzel, und als sich die Lebenssituation auf der Karibikinsel verschlechterte, wurde Christelle zur Tante nach München geschickt. „Da habe ich mich lange wohl und heimisch gefühlt“, sagt sie und fügt hinzu: „Jetzt fühle ich mich hier zuhause aber ich bin immer noch dabei, diese kleine Stadt, die mir jeden Tag mehr ans Herz wächst, zu entdecken und freue mich auf all die Überraschungen, die auf mich warten.“ Christelle sagt von sich selbst, dass sie sowohl die deutsche Gründlichkeit als auch die karibische Gelassenheit verkörpert und ergänzt: „Ich erziehe meine Kinder nach dem Motto „Freundlichkeit kostet nichts und bringt dich immer weiter.“

Die Schriftkunst der aus dem Süden Deutschlands stammenden Kalligrafin Sigrid Artmanns ist ungezähmt, ein bisschen unberechenbar und fröhlich  – das passt hier sehr gut. Dem „karibische Mädchen“ mit dem „Sonnenscheingemüt“ und der sprichwörtlichen Gelassenheit hat sie in roten Lettern einen besonderen Platz in ihrer Kalligrafie reserviert.

Staunen über Kirche, Kultur und Kirmes
Kalligrafin Joke Boudens bringt Wicher Broers Geschichte zu Papier

Seit mehr als 20 Jahren lebt der Niederländer Wicher Broer in Paderborn, seit 10 Jahren ist er als Stadtführer aktiv. Was war hier fremd für ihn? Was hat ihn erstaunt? In seiner Geburtsstadt Enschede, spielte die Textilindustrie eine große Rolle. „Sie war dadurch stark politisch linksorientiert. Religion hatte in dieser Gesellschaft keinen großen Stellenwert“, schreibt er und ergänzt: „Weil ich u.a. pädagogisch tätig war, kam ich automatisch in Kontakt mit katholischen Trägern. Dadurch beobachtete ich kirchliche Einflüsse auf viele Bereiche dieser Gesellschaft. Besonders prägte mich das große jährliche Liborifest im Sommer.“ Der Umgang mit den Reliquien, die durch die Stadt getragen werden, während nebenan die Menschen auf der Kirmes feiern, aber auch die Kultur der Schützenvereine riefen bei Wicher Broer großes Erstaunen hervor. Doch durch seine Tätigkeit als Gästeführer habe er die vor allem den Dom mit all seinen vielen kulturellen Aspekten lieben gelernt.

Die Kalligrafin Joke Boudens aus Brügge sagt über ihre Arbeit: „Lange Zeit konnte ich mich nicht zwischen Lettering und Illustration entscheiden, bis ich schließlich feststellte, dass ich beides gut miteinander kombinieren kann.“ Und das sieht man auch bei ihrer Arbeit für Wicher Broer, auf der sie zentral – zwischen fast architektonisch anmutenden Schriftblöcken – den Turm des Paderborner Doms platziert hat.

Ich habe hier meinen Platz gefunden…
Jennifer Mc Dormand trifft den Kalligrafen Brody Neuenschwander

Kann ich als Amerikanerin auch auf Deutsch witzig sein? Kann ich als Au Pair europäische Kinder zum Lachen bringen? Mit einem One-Way-Ticket ab Chicago Airport startete die damals 23-jährige Jennifer McDormand ihre Reise ins Ungewisse. Über Österreich geht es ins bayrische Bamberg, Jahre später schließlich nach Paderborn. Dunkel Zeiten habe sie erlebt, berichtet Jennifer, die sich lange sprachlich und kulturell nicht wirklich verstanden und gesehen fühlt. „Ich sehnte mich danach, Teil von irgendetwas zu sein“, erzählt sie. Es ist die Paderborner Familie ihres späteren Ehemannes, die ihr die lange vermisste Geborgenheit und Akzeptanz geben kann. „Ich werde immer einen besonderen Platz in meinem Herzen für andere ‚Ausländer‘ haben“, schreibt Jennifer McDormand in ihrem Text. „Wenn wir uns treffen, werden wir intuitiv ein kleines Stück voneinander verstehen. Wir werden ein wissendes Lächeln teilen, ein Nicken oder auch nur einen flüchtigen Blick. Denn wir wissen, was es bedeutet, ein ‚Ausländer‘ zu sein.“

Der Kalligraf und Künstler Brody Neuenschwander hat Jennifers Geschichte in großen Bögen, mit vielen Farben und ganz unterschiedlichen Lettern festgehalten. „Als Künstler sind es die Sprache und die Probleme von Sprache, die mich interessieren“, sagt Brody Neuenschwanger. „Schreiben oder Textkunst sind für mich Möglichkeiten, die Spannung zwischen dem, was wir zu wissen glauben, und dem, was wir tatsächlich wissen, zu untersuchen oder aufzuzeigen. Und natürlich ist es auch ein Prozess der Kommunikation.“

Der Gesang der Muse geht weiter

Für alle Teilnehmer*innen war es ein inspirierender und bewegender Abend und es wurden Kontaktdaten ausgetauscht, um zukünftig in Verbindung zu bleiben.

Alle Fotos: ©Harald Morsch

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