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Köln, Dom, Verpacken des Rubensteppichs „Sieg der Eucharistischen Wahrheit über die Häresie (Irrlehre)“. ©Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte; Foto: M. Deml
Nach der Ankunft in Paderborn wird der kostbare Rubensteppich ganz vorsichtig abgerollt und ausgelegt.
Nach der Ankunft in Paderborn wird der kostbare Rubens-Teppich ganz vorsichtig abgerollt und ausgelegt.
Restauratorin Sabine Heitmeyer-Löns mit ihrer Kollegin Ursula Pütz vom Diözesanmuseum Paderborn vor der Aufhängung des Kölner Rubens-Teppichs.
Restauratorin Sabine Heitmeyer-Löns mit ihrer Kollegin Ursula Pütz vom Diözesanmuseum Paderborn vor der Aufhängung des Kölner Rubens-Teppichs.
Der große Moment: Ganz sacht hebt sich das textile Kunstwerk, um seinen Platz auf Höhe der obersten Museumsebene einzunehmen.
Der große Moment: Ganz sacht hebt sich das textile Kunstwerk, um seinen Platz auf der obersten Museumsebene einzunehmen.

Ein monumentaler Bildteppich mit einer verstörenden Szene! Sein Titel: „Sieg der Eucharistischen Wahrheit über die Irrlehre (Häresie)“. Da tobt ein wilder Kampf! Zu sehen sind herabstürzende Gestalten, ein sich windender Drache, und angstvoll blickend die beiden Reformatoren Calvin und Luther, die die eucharistische Wahrheit in Frage stellten. Es war Peter Paul Rubens, der geniale Meister des Barock, der das imposante Werk entwarf. Mit der Botschaft dieser dynamischen Darstellung verband sich seinerzeit auch eine politische Positionierung gegen die Reformation und für die Stärkung der katholischen Kirche und des katholischen Glaubens.

Vom Rhein zur Rubens-Ausstellung an die Pader

Gut 4 x 5 Meter misst die Rubens-Tapisserie aus dem Besitz des Metropolitankapitels Köln. Sie ist Teil der achtteiligen Serie „Triumph der Eucharistie“. Normalerweise schlummern diese kostbaren Werke in einem Depot, nur in der Zeit von Ostern bis Fronleichnam werden sie im Kölner Dom, zwischen den Pfeilern des Mittelschiffs, aufgehängt. Für die Ausstellung „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ durfte einer dieser großartigen Bildteppiche ausnahmsweise reisen.

Brüsseler Weber schufen Rubens-Meisterwerk

Das textile Kunstwerk aus Wolle und Seide wurde um 1640 in der Brüsseler Manufaktur des Frans van der Hecke gewebt. Dort standen die Webstühle aufrecht im Raum und hinter der Kette hing in originaler Größe das auf Leinwand gemalte Bild oder eine Pause des Motives. Tapisserien waren äußerst wertvolle Repräsentationsobjekte, die in Fürstenhäusern und Domkirchen hingen. „Rubens musste bei der Teppichweberei eine ganz andere Oberfläche mitdenken“, erklärt die Textilrestauratorin Sabine Heitmeyer-Löns. „Eine große Herausforderung. Wie setzt man zum Beispiel Lichtreflexe in einem gewebten Bild? Rubens hat bei seiner Vorlage die ganze Handwerklichkeit mitgedacht.“

Erhalten ohne zu interpretieren

Sabine Heitmeyer-Löns betreut die Kölner Rubens-Tapisserien schon seit mehr als 20 Jahren: „Wir kennen jeden Quadratzentimeter, weil wir sie alle nacheinander in der Werkstatt hatten“. Und so ist die Fachfrau auch dabei, als das fast 400 Jahre alte Großexponat im Diözesanmuseum Paderborn eintrifft. Sehr vorsichtig wird es ausgepackt und schließlich behutsam nach oben gezogen, an seinen Platz auf Höhe der obersten Museumsebene.

Mehr als 1.500 Stunden haben Sabine Heitmeyer-Löns und ihre Kolleginnen an dem Bildteppich gearbeitet, der jetzt in Paderborn zu sehen ist, dabei war das nicht seine erste Restaurierung. Mit der Sicherung und Erhaltung der kompletten Kölner Serie wurde Mitte der 1970er Jahre bereits die Nürnberger Gobelin-Manufaktur beauftragt. Damals dauerte die aufwändige Prozedur gut 10 Jahre. „Die Substanz der Rubens-Teppiche war schon arg mitgenommen. Die Nürnberger haben das Beste gemacht, was man tun konnte, nämlich einen sehr schönen farblich einheitlichen Baumwollstoff mit Rippen zur Stabilisierung ganzflächig hinter die Teppiche genäht. Sie haben dazu eine Technik verwendet, die wir Restauratoren heute noch als optimal ansehen“, erzählt Heitmeyer-Löns bewundernd. „Wir versuchen ja immer das Objekt so originalgetreu wie möglich zu erhalten, ohne irgendwelche Interpretationen einzutragen. Das ist wie bei Gemälden, wenn man anfängt zu retuschieren, dann fängt man auch an zu fabulieren. Das heißt, wir ergänzen, wenn es eben geht, neutral.“

Zeitgeschmack und Straßenstaub

Als die acht Rubens-Teppiche als noble Schenkung des Domdechanten Wilhelm Egon von Fürstenberg aus Brüssel in den Kölner Dom kamen, hingen sie zunächst über den gotischen Malereien der Chorschranken. Doch der Zeitgeschmack änderte sich, am Dom wurde weitergebaut, 1842 entfernte man die Tapisserien, schließlich wurden sie sogar als Bodenteppiche bei Prozessionen genutzt. Und schwer beschädigt? „Das muss man differenziert sehen, denn neue Textilen halten viel aus“, berichtet Frau Heitmeyer-Löns. „Diese Teppiche waren aber bereits alt und vorgeschädigt. Kommen dann mechanische Belastungen wie Zug, Druck oder Bewegung hinzu, reißen oder brechen die Fasern und es entstehen Löcher. Der Hauptschädigungsfaktor bei historischen Textilien ist das Licht, und eine Tapisserie, die man zeigt, ist nun einmal dem Licht ausgeliefert. Wenn sie 1000 Jahre alte Stoffe aus Reliquiaren entnehmen, die ohne Licht und Luft überdauert haben, dann sind die wie neu. Textilien leiden im Wesentlichen durch den Oxidationsprozess unter Beteiligung von Lichtwellen.“

Mit Hydraulik und Fangstich

Trotz aller Vorsicht, beim Aufhängen und Abnehmen, beim Einrollen und beim Transport könnte es zu mechanischen Belastungen kommen. Deshalb sind präventive Techniken besonders wichtig. Für die alljährliche Präsentation der Rubens-Teppiche im Kölner Dom hat Sabine Heitmeyer-Löns Hand in Hand mit dem erfahrenen technischen Team vor Ort ein modernes und schonendes Verfahren entwickelt: „Die Kirchenbänke werden verschoben, so dass Folien ausgelegt werden können, auf denen man die Teppiche vollständig ausrollen kann. Oben ist ein Tunnel eingearbeitet, durch den ziehen wir eine Gerüststange. Dann kommen Geräte aus der Veranstaltungstechnik zum Einsatz, die nehmen mit ihren hydraulischen Armen den Teppich auf und fahren ihn durch das Kirchenschiff zum jeweiligen Platz. An Drähten können die Tapisserien dann schonend auf die richtige Höhe gezogen werden.“

Eine weitere Gefahr für die frei hängenden Teppiche ist das eigene Gewicht und so müssen alte Restaurierungen immer wieder überprüft und manchmal auch erneuert werden. „An diesem Rubens-Teppich gab es große Partien, die nachgenäht werden mussten, was vielleicht daran liegt, dass der in den 1970er Jahren unterlegte Stoff nicht sehr zugfest ist. Die Technik, die wir dann verwenden, ist der Spannstich, der in der Stickerei als Klosterstich bekannt ist. Wir arbeiten ihn mit dünnem, stabilem Garn und farblich so unauffällig ein, dass er im Gesamtbild kaum wahrzunehmen ist.“ Die Museumbesucher in Paderborn können diese wunderbare Tapisserie von einer Galerie aus quasi auf Augenhöhe bewundern, ohne etwas von der aufwändigen Restaurierungsarbeit zu ahnen.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

Aufbau der Rubens-Ausstellung: Vitrine mit Kapitell und Kopf eines Engels.

… oder wie entsteht eine Ausstellung in Zeiten der Pandemie?

Gestaltungsentwurf für die Rubens-Ausstellung 2020 im Diözesanmuseum Paderborn von ©Ludger Schwarze-Blanke

Wenn Kuratorinnen zu Krisenmanagerinnen werden. Ein Gespräch mit den Ausstellungsmacherinnen Christiane Ruhmann und Petra Koch-Lütke Westhues über Kuriere im Corona-Modus, Restaurator*innen mit Maske, komplizierte Kunsttransporte, aber auch mehr Muße für Text und Buch zur Rubens-Ausstellung.

Shutdown auf der Zielgeraden

Das Diözesanmuseum Paderborn ist bekannt für seine internationalen Themenausstellungen. Es hat gute Kontakte zu großen Museen in ganz Europa und Übersee. Man kennt und vertraut sich. Doch Corona brachte auch in den Museen eingespielte Systeme aus dem Takt. Nach gut zwei Jahren Vorbereitungszeit war das Team auf der Zielgeraden, der Umbau für „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ lief bereits. Dann kam der Shutdown. Eröffnung am 29. Mai? Illusorisch. Doch man blieb ruhig. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“, schrieb Museumsdirektor Christoph Stiegemann optimistisch in seinem Blogbeitrag. Aber was heißt das für die praktische Museumsarbeit, für die Ausstellung, die jetzt am 25. Juli ihre Türen für Besucher öffnen wird?

Freude über kollegiale Empathie und europäische Solidarität

Petra Koch-Lütke Westhues beim vermessen des barocken Chorgitters aus dem Paderborner Dom in der Restaurierungswerkstatt. ©DiözesanmuseumPaderborn

„Die europäische Zusammenarbeit hat bei uns wunderbar funktioniert“, sagt Christiane Ruhmann. „Alle Kollegen und Kolleginnen waren hilfsbereit und verständnisvoll. Wir können fast alles wie geplant zeigen.“ Flexibilität ist trotzdem gefragt, über 70 Leihgeberinnen und Leihgeber hat Petra Koch-Lütke Westhues erneut kontaktieren müssen. „Ich hoffe, es geht Ihnen gut! Das war immer mein erster Satz und es kamen ganz viele persönliche und ermutigende Nachrichten zurück: ‚Alles in Ordnung bei uns. Ich hoffe, Ihnen und Ihren Lieben geht es auch gut. Wenn es eben möglich ist, bekommt ihr unsere Leihgaben. Wir unterstützen Euch!‘ Man hat gegenseitig mitempfunden, in dieser Form habe ich das noch nicht erlebt.“

Mit Lupe, Maske und Abstand

Die kostbaren Exponate werden auf ihrer Reise von wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen oder Restaurator/innen begleitet. Im Diözesanmuseum erwartet sie dann ein spezialisiertes Team mit Rollwagen, Hebebühne, Flaschenzug für die Großen und Schweren, weißen Handschuhen und passgenau angefertigten Vitrinen für die Kleineren und Empfindlichen. Wenn die Kunst kommt, muss jeder Handgriff sitzen. Wie wird das dieses Mal gehen, Frau Ruhmann? „Alles wie immer, nur mit Maske und zwei Metern Abstand. Der Restaurator wird jeden Zentimeter des angelieferten Objekts unter die Lupe nehmen, das Zustandsprotokoll anfertigen und alle andern müssen zurückbleiben.“ Darf Corona-bedingt kein Kurier mitreisen, werden die Paderborner zusätzlich filmen und noch intensiver fotografieren als sonst.

Expertenwissen und Fleißarbeit

Wie finden Sie eigentlich Ihre Leihgaben? „Als Kuratorin macht man zunächst ein Grobkonzept“, erklärt Christiane Ruhmann, „dabei hat man schon ein paar wichtige Exponate im Kopf. Das Grobkonzept kam für die Rubensausstellung von unserer Kollegin Karin Wermert. Wir intensivieren dann die Literatur-, Museums- und Internetrecherche, sichten Ausstellungskataloge und wenn das ausführliche Konzept steht, folgt bei uns eine Beiratssitzung“, beschreibt die Kuratorin das weitere Prozedere. „Wir haben das Glück, dass wir dazu oft Experten aus ganz Europa einladen können.“ Meistens sind neben renommierten Forschern und Wissenschaftlern auch Kollegen aus den Museen dabei, die Objekte vorschlagen, die kaum bekannt sind oder noch nie gezeigt wurden. „Das ist uns wichtig“, sagt Christiane Ruhmann, „denn wir wollen immer auch Neues, Unerwartetes zum jeweiligen Thema ausstellen.“

„Von Nagel zu Nagel“ in geheimnisvollen Kisten

Erste Kunsttransporte sind eingetroffen.
Erste Kunsttransporte sind eingetroffen. ©Diözesanmuseum Paderborn

Sind die Exponate zugesagt, wird mit den Kunsttransporteuren verhandelt, die auch über Sondergenehmigungen verfügen. „Das ist eine sehr spezialisierte Branche und die Kurierfahrzeuge brauchen eine spezielle Ausstattung und natürlich eine fachkundige Besatzung. Allerdings ohne Versicherung kein Transport – „von Nagel zu Nagel“ muss die Police gelten. Also von der Abnahme im heimischen Museum bis zum Ende der Rückreise. Durch die Verschiebung der Rubens-Ausstellung mussten alle Leih- und alle Versicherungsverträge neu verhandelt werden. Jetzt ist es geschafft und die Transportplanung in vollem Gange: Wann kommt welches Werk? Welcher Kurier ist dabei, welche Restauratoren werden gebraucht? Und dabei muss darauf geachtet werden, dass nie zu viele Menschen gleichzeitig im Museum sind.

Gute Organisation und ein bisschen Geduld

Anlieferung der Arbeit „It is, it isn’t“ von Tony Cragg, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Anlieferung der Arbeit „It is, it isn’t“ von Tony Cragg, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Und auf was müssen sich die Besucher/innen der Rubens-Ausstellung einstellen, Frau Ruhmann? „Maske tragen, Hände desinfizieren, persönliche Daten angeben und Abstand halten – das kennen wir ja unterdessen alle. Unser Haus hat 800 m² und so dürfen 80 Menschen gleichzeitig in die Ausstellung, Aufsichten mitgezählt. Wir haben eine Zähleinrichtung und wenn die Obergrenze erreicht ist, müssen die Leute leider warten. Ich denke, das wird ganz gut klappen, denn wir werden geführte Gruppen und Einzelbesucher trennen.“ So bleiben Dienstag- und Mittwochvormittag sowie Freitagnachmittag den Gruppen vorbehalten. „Natürlich rechnen wir mit weniger Besuchern, aber wir wollten auf keinen Fall aufgeben, nicht absagen. Kultur ist gerade jetzt wichtig.“

 

„Rubens, Baby!“ und Ölmalerei

Die Veranstaltungen und museumspädagogischen Programme zur Rubens-Ausstellung sollen so weit wie möglich stattfinden. An den speziellen Themenführungen mit Kuratoren und Restauratoren dürfen dann nur 9 bis 10 statt 20 Personen teilnehmen. Für Kurse wie den Workshop zur Ölmalerei gibt es Hygieneregeln und man hofft, dass auch ‚Rubens, Baby!‘ – das neue Angebot für junge Eltern mit Kleinkindern trotz Corona angenommen wird. „Schulklassen, für die unsere Museumspädagogin Britta Schwemke wirklich ein schönes Programm zusammengestellt hat, werden sich in diesem Jahr vermutlich erst mal selbst wieder im Unterreicht organisieren müssen und nicht an einen Museumsbesuch denken“, bedauert Christiane Ruhmann, „sollte es aber von dieser Seite doch Interesse geben, sind alle herzlich willkommen!“.

Ruhe vor dem Endspurt

Aufbau der Rubens-Ausstellung.
Aufbau der Rubens-Ausstellung: Jetzt wird aus virtueller Planung reale Raumgestaltung. ©DiözesanmuseumPaderborn

Hatte die Ausnahmesituation der letzten Monate auch etwas Positives? „Manches konnten wir mit weniger Druck angehen, die Vitrinen-Planung und die Ausstellungsgestaltung waren entspannter und wir hatten mehr Zeit für die Texte und den Katalog“, sagt Petra Koch-Lütke Westhues. Doch am Ende wird es wie immer eng, denn jeder nimmt sein Bild erst im letzten Moment vom Nagel. Alle Objekte kommen innerhalb weniger Tage an, es wird also trubelig – aber mit Abstand!“

Viel Erfolg, gute Nerven und vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

Dr. Christiane Ruhmann gehört seit 1999 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin zum Team des Diözesanmuseums Paderborn. Sie studierte Vor- und Frühgeschichte, Geschichte und Klassische Archäologie an der Christian-Albrechts Universität Kiel und der Westfälischen Wilhelms Universität Münster, wo sie auch promovierte.

Dr. PetraKoch-Lütke Westhues kam 1996 zur Vorbereitung der im Jahr 1999 gezeigten Karolingerausstellung nach Paderborn und ist seitdem – mit Unterbrechungen – als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin am Diözesanmuseum tätig. Sie studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Volkskunde und Kunstgeschichte an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster, wo sie auch promovierte.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

 

 

Fotograf Ansgar Hoffmann hat im Zuge der Vorbereitungen für die Rubens-Ausstellung einiges zu tun! Im Fotoatelier aber auch im Dom fotografiert er Kunstwerke für den Ausstellungskatalog. Worauf es dabei ankommt, erfahren Sie in diesem Video.
Kontakt: www.hoffmannfoto.de

Dieses Porträt des Malerfürsten mit dem ernsten Blick und dem imposanten Schnurrbart zeigen wir in unserer kommenden Sonderausstellung „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“.

Wie wäre es, einmal selbst in die Rolle des Superstars mit dem breitkrempigen Hut zu schlüpfen und das Bild nachzustellen? Ob größtmögliche Ähnlichkeit oder zeitgenössische Interpretation, wir sind neugierig auf alle Formen der kreativen Auseinandersetzung.

zum Beispiel …

Einfach das eigene „Rubens-Selfie“ bis zum 25. Mai auf unseren Sozialen Medien posten (#dioezesanmuseum_paderborn) oder uns per Mail schicken (museum@erzbistum-paderborn.de). Die Einsendungen werden in einer speziellen Rubens-Gallery auf unserer Website veröffentlicht.

Los geht’s, wir sind gespannt…

Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum.
Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen

Bildergalerie mit Ihren Einsendungen – Dankeschön !

Mit dem Perspektivischen Gitter im Paderborner Dom fand der Barock Einzug in Westfalen. Museumsdirektor Christoph Stiegemann erläutert die Bedeutung des Gitters für den barocken Chorraum und macht auf einige spannende Details aufmerksam.

Zeichnen nach dem Original – dies führt uns Kunstpädagogin Claria Stiegemann anhand einer vom flämischen Barock beeinflussten Büste vor. Mithilfe von Proportionslinien entsteht nach und nach das verträumte Gesicht des Heiligen.

Bei einem Bombenangriff  am 17. Januar 1945 wurden die barocken Altargemälde des Paderborner Doms zerstört, nur einzelne Fetzen blieben erhalten. Gisela Tilly berichtet über die Maßnahmen der Restaurierung und lässt sich bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen.

Ein Beitrag von Museumdirektor Christoph Stiegemann

 

Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum Bild: Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen
Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum Bild: Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen

Liebe, Sinnenlust und pralles Leben! Solche Begriffe kommen einem in den Sinn, wenn man an Peter Peter Paul Rubens (1577-1640) und seine Kunst denkt. Die sinnlich-opulente „Rubens-Figur“ ist geradezu sprichwörtlich geworden. Rubens – der Superstar des flämischen Barock: großartig sein Auftritt als Malerfürst mit riesigem Atelier und europaweiter Ausstrahlung, seine Karriere als Hofmaler und Diplomat.

Nicht nur Sinnlichkeit und Glamour

Doch es gab nicht nur fortune and glory in Rubens’ Leben. Das ist nur die eine Seite der Medaille, die glanzvolle Fassade, die unseren Wunsch nach Glamour befriedigt, letztlich aber nur Klischees bedient. Die Lebenswirklichkeit jener Zeit sah anders aus. Antwerpen und die spanischen Niederlande unter der Furie des 80jährigen Spanisch-niederländischen Krieges litten unter extremer wirtschaftlicher Not und furchtbaren Seuchen. 1608 wurde endlich ein Waffenstillstand ausgehandelt; Rubens der in Italien weilte, kehrte nach Antwerpen zurück.

Die große Liebe und der schwarze Tod

Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube; Peter Paul Rubens, um 1609; Öl auf Leinwand 179 × 136,5 cm; Alte Pinakothek
Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube; Peter Paul Rubens, um 1609; Öl auf Leinwand 179 × 136,5 cm; Alte Pinakothek; Quelle: Pinakothek – Bayerische Staatsgemäldesammlungen  (CC BY-SA 4.0)

Er heiratete Isabella Brant am 3. Oktober 1609. Mit dem Verlobungsgemälde, dem berühmten Doppelbildnis in der Geißblattlaube, heute in der Alten Pinakothek in München,  hat er dem jungen Glück ein Denkmal gesetzt und sie dadurch unsterblich gemacht. Isabella  schenkte ihm drei Kinder. Ihr erstes Kind Clara Serena, 1611 geboren und von Rubens liebevoll porträtiert starb bereits im Kindesalter mit 12 Jahren im Jahr 1623. Der Tod des Mädchens hat den Familienmenschen Rubens schwer getroffen. Drei Jahre später 1626 starb dann auch noch seine Frau Isabella, vermutlich an der Pest. Sie war erst 34 Jahre alt. Durch ihren Tod wurde die harmonische Ehe abrupt beendet. Rubens war untröstlich. Er schrieb an einen Freund: „Ich hoffe, dass mir die Zeit gibt, was eigentlich der Verstand tun sollte, denn ich kann mir nicht vorstellen, jemals stoischen Gleichmut zu erlangen… ich habe eine hervorragende Lebensgefährtin verloren, die man wirklich aus tiefstem Herzen liebhaben konnte, ja musste…”.

Pest in Paderborn

Gedenkkreuz auf Pestfriedhof bei Leiberg
Gedenkkreuz auf Pestfriedhof bei Leiberg/Kreis Paderborn. Foto Kalle Noltenhans

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie horcht man auf: Isabella Brant verstarb an der Pest! Neben den Kriegsgräuel waren es auch in der frühen Neuzeit insbesondere die Seuchenzüge, allen voran die Pest, die während des Dreißigjährigen Krieges die ohnehin ausgebluteten Länder des Reiches heimsuchte und die Mortalität in die Höhe trieb. In Corona-Zeiten ist es gut, daran zu erinnern. 1635/36 grassierte die Pest auch im Hochstift. Allein in der Markkirchpfarrei St. Pankratius in Paderborn wurden in der Zeit vom 16. Mai bis zum 7. November 1636 insgesamt 431 Menschen von der Seuche hinweggerafft. Eine Pestordnung gab es nicht, das einzige Gegenmittel bestand darin, dass die Beerdigung der Pesttoten innerhalb der Stadt auf dem Domkirchhofe untersagt wurde. Noch heute gibt es Pestfriedhöfe bei Neuenbeken, Dörenhagen und Leiberg, wo ein eindrucksvolles Pestkreuz an das große Sterben des Jahres 1635 erinnert, als Leiberg  – der Überlieferung zufolge – 400 Menschen durch die Seuche verlor.

Sechs Jahre genügten, um die Kunst zu revolutionieren …

Umso erstaunlicher der Aufbruch nur sieben Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, als der durch den Großmeister Peter Paul Rubens geprägte flämische Barock seinen Einzug in Paderborn hielt, wo die beiden aus Antwerpen stammenden Künstler-Brüder, der Bildhauer Ludovicus Willemssens und der Maler Antonius Willemssens in den Jahren 1655-1661 die großartigen Barockaltäre für den Paderborner Dom schufen. Sechs Jahre genügten, um die Kunst zu revolutionieren. Von  hier aus verbreitete sich der flämisch geprägte Barock in ganz Nordwestdeutschland. Damals war Paderborn on top – seiner Zeit voraus, international vernetzt; was wieder einmal beweist, wie wichtig der Austausch über Grenzen hinweg ist, die Kontaktpflege zwischen Auftraggebern und Künstlern – damals wie heute Kunsttransfer im großen Stil im europäischen Kontext!

Bildfragmente im Kartoffelregal

Vorlage für Anzeige zur Ausstellung "Peter Paul Rubens und der Barock im Norden"
Vorlage für eine Anzeige zur Ausstellung “Peter Paul Rubens und der Barock im Norden”

Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ sollte die letzte große internationale Ausstellung werden, die wir mit dem hervorragenden Team des Museums in meiner Amtszeit als Museumsleiter im Diözesanmuseum realisieren. Das Thema hat mich bereits als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter fasziniert, als der damalige Dompropst Hans Leo Drewes 1984 die Fragmente der  kriegszerstörten Altärblätter in den Kartoffelregalen der Dompropstei wiederfand. Also dachte ich, ich höre auf wie ich angefangen habe, mit einer großen Ausstellung. Ursprünglich war die Eröffnung für den 29. Mai 2020 geplant; hochbedeutende Werke des großen Antwerpener Meisters sind zugesagt; insbesondere die Modelli für seine großen Altarwerke verraten seine überragende künstlerische Meisterschaft. Besonders gefreut haben wir uns über die Zusage des großen Engels von Peter Paul Rubens von 1610/11 aus der Walburga-Kirche in Antwerpen, der sich heute im Institut of  Arts in Flint, Michigan /USA befindet und der als ‚key visual‘ für die Ausstellung wirbt. Neben grandiosen Werken Rubens‘ und seiner Schüler sollte die Rekonstruktion des durch die Bomben vor 75 Jahren zerfetzten Hochaltargemäldes der „Anbetung der Hirten“ von Antonius Willemssens aus dem Dom den regionalen Bezugspunkt bilden.

 Rubens auf Reisen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Corona macht uns da einen Strich durch die Rechnung. Wir werden die Eröffnung in den Sommer verschieben, wenn Kunsttransporte und Kurier-Reisen aus den USA und in Europa aus Frankreich, England, Dänemark, den Niederlanden, Belgien  und Österreich wieder möglich sein werden und endlich der Corona-Albtraum weicht. Mit entsprechender Besucher-Kontingentierung, Maskenpflicht und Sicherheitsabstand wird der Besuch der Rubens-Ausstellung möglich sein. Also: aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Wir brauchen die Kunst und die Kunst braucht uns.

I have a dream: wo uns schon das weltliche Liborifest in diesem Jahr versagt bleibt – „ein Stich ins Herz des Paderborners“, wie Bürgermeister Michael Dreier es auf den Punkt brachte –  kann Peter Paul Rubens in Paderborn vielleicht ein Hoffnungsschimmer sein, der Mut macht auch heute wie damals in den schweren Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg das Schicksal zu wenden. Nichts ersehnen wir mehr, als dass die Zeit der virtuellen Surrogate endlich vorbei sei. Wir brauchen die Kunst und die Kunst braucht uns. Die Künste vermögen es, durch Wahrnehmung zu kommunizieren und komplexe Themen zu veranschaulichen. Fehlt die Kunst, dann fehlen neue Perspektiven und Utopien. Beides brauchen wir gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir Kontakte meiden sollen. Umso mehr brauchen wir die Künste. I have a dream: Peter Paul Rubens zu Libori in Paderborn!

Christoph Stiegemann, 2019, Foto: Noltenhans
Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Foto: Noltenhans

Prof. Dr. Christoph Stiegemann ist seit 1990 Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn. Er übernahm 1994 zusätzlich die Leitung der Fachstelle Kunst im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn sowie den Vorsitz der Kunstkommission. 1998 wurde er zum Kustos des Paderborner Domes ernannt. Im Sommer 2020 endet Christoph Stiegemanns langjährig Tätigkeit als Direktor des Diözesanmuseums.


Titelbild: Peter Paul Rubens: Das Martyrium der hl. Lucia, um 1610/1620, Quimper, Musée des Beaux-Arts de Quimper; Bildnachweis: bpk / RMN-Grand Palais / Mathieu Rabeau

Warum seine Liebsten nicht einmal mit selbst gestalteter Frühlingspost überraschen? Kalligraphin Christiane Pucker zeigt, wie man mit wenigen Mitteln und einfachen Formen wunderschöne frühlingshafte Karten gestalten kann.

Tauchen Sie ein in die Welt der Englischen Schreibschrift und beobachten Sie Kalligraphin Christiane Pucker beim Niederschreiben eines Rubens-Briefs. 

Für alle, die es lernen möchten: Im Zuge der Rubens-Ausstellung bietet das  Diözesanmuseum gemeinsam mit Christiane Pucker Kalligraphiekurse an. Schauen Sie dafür in unser Programm.

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