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Zeichnen nach dem Original – dies führt uns Kunstpädagogin Claria Stiegemann anhand einer vom flämischen Barock beeinflussten Büste vor. Mithilfe von Proportionslinien entsteht nach und nach das verträumte Gesicht des Heiligen.

Bei einem Bombenangriff  am 17. Januar 1945 wurden die barocken Altargemälde des Paderborner Doms zerstört, nur einzelne Fetzen blieben erhalten. Gisela Tilly berichtet über die Maßnahmen der Restaurierung und lässt sich bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen.

Ein Beitrag von Museumdirektor Christoph Stiegemann

 

Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum Bild: Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen
Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum Bild: Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen

Liebe, Sinnenlust und pralles Leben! Solche Begriffe kommen einem in den Sinn, wenn man an Peter Peter Paul Rubens (1577-1640) und seine Kunst denkt. Die sinnlich-opulente „Rubens-Figur“ ist geradezu sprichwörtlich geworden. Rubens – der Superstar des flämischen Barock: großartig sein Auftritt als Malerfürst mit riesigem Atelier und europaweiter Ausstrahlung, seine Karriere als Hofmaler und Diplomat.

Nicht nur Sinnlichkeit und Glamour

Doch es gab nicht nur fortune and glory in Rubens’ Leben. Das ist nur die eine Seite der Medaille, die glanzvolle Fassade, die unseren Wunsch nach Glamour befriedigt, letztlich aber nur Klischees bedient. Die Lebenswirklichkeit jener Zeit sah anders aus. Antwerpen und die spanischen Niederlande unter der Furie des 80jährigen Spanisch-niederländischen Krieges litten unter extremer wirtschaftlicher Not und furchtbaren Seuchen. 1608 wurde endlich ein Waffenstillstand ausgehandelt; Rubens der in Italien weilte, kehrte nach Antwerpen zurück.

Die große Liebe und der schwarze Tod

Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube; Peter Paul Rubens, um 1609; Öl auf Leinwand 179 × 136,5 cm; Alte Pinakothek
Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube; Peter Paul Rubens, um 1609; Öl auf Leinwand 179 × 136,5 cm; Alte Pinakothek; Quelle: Pinakothek – Bayerische Staatsgemäldesammlungen  (CC BY-SA 4.0)

Er heiratete Isabella Brant am 3. Oktober 1609. Mit dem Verlobungsgemälde, dem berühmten Doppelbildnis in der Geißblattlaube, heute in der Alten Pinakothek in München,  hat er dem jungen Glück ein Denkmal gesetzt und sie dadurch unsterblich gemacht. Isabella  schenkte ihm drei Kinder. Ihr erstes Kind Clara Serena, 1611 geboren und von Rubens liebevoll porträtiert starb bereits im Kindesalter mit 12 Jahren im Jahr 1623. Der Tod des Mädchens hat den Familienmenschen Rubens schwer getroffen. Drei Jahre später 1626 starb dann auch noch seine Frau Isabella, vermutlich an der Pest. Sie war erst 34 Jahre alt. Durch ihren Tod wurde die harmonische Ehe abrupt beendet. Rubens war untröstlich. Er schrieb an einen Freund: „Ich hoffe, dass mir die Zeit gibt, was eigentlich der Verstand tun sollte, denn ich kann mir nicht vorstellen, jemals stoischen Gleichmut zu erlangen… ich habe eine hervorragende Lebensgefährtin verloren, die man wirklich aus tiefstem Herzen liebhaben konnte, ja musste…”.

Pest in Paderborn

Gedenkkreuz auf Pestfriedhof bei Leiberg
Gedenkkreuz auf Pestfriedhof bei Leiberg/Kreis Paderborn. Foto Kalle Noltenhans

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie horcht man auf: Isabella Brant verstarb an der Pest! Neben den Kriegsgräuel waren es auch in der frühen Neuzeit insbesondere die Seuchenzüge, allen voran die Pest, die während des Dreißigjährigen Krieges die ohnehin ausgebluteten Länder des Reiches heimsuchte und die Mortalität in die Höhe trieb. In Corona-Zeiten ist es gut, daran zu erinnern. 1635/36 grassierte die Pest auch im Hochstift. Allein in der Markkirchpfarrei St. Pankratius in Paderborn wurden in der Zeit vom 16. Mai bis zum 7. November 1636 insgesamt 431 Menschen von der Seuche hinweggerafft. Eine Pestordnung gab es nicht, das einzige Gegenmittel bestand darin, dass die Beerdigung der Pesttoten innerhalb der Stadt auf dem Domkirchhofe untersagt wurde. Noch heute gibt es Pestfriedhöfe bei Neuenbeken, Dörenhagen und Leiberg, wo ein eindrucksvolles Pestkreuz an das große Sterben des Jahres 1635 erinnert, als Leiberg  – der Überlieferung zufolge – 400 Menschen durch die Seuche verlor.

Sechs Jahre genügten, um die Kunst zu revolutionieren …

Umso erstaunlicher der Aufbruch nur sieben Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, als der durch den Großmeister Peter Paul Rubens geprägte flämische Barock seinen Einzug in Paderborn hielt, wo die beiden aus Antwerpen stammenden Künstler-Brüder, der Bildhauer Ludovicus Willemssens und der Maler Antonius Willemssens in den Jahren 1655-1661 die großartigen Barockaltäre für den Paderborner Dom schufen. Sechs Jahre genügten, um die Kunst zu revolutionieren. Von  hier aus verbreitete sich der flämisch geprägte Barock in ganz Nordwestdeutschland. Damals war Paderborn on top – seiner Zeit voraus, international vernetzt; was wieder einmal beweist, wie wichtig der Austausch über Grenzen hinweg ist, die Kontaktpflege zwischen Auftraggebern und Künstlern – damals wie heute Kunsttransfer im großen Stil im europäischen Kontext!

Bildfragmente im Kartoffelregal

Vorlage für Anzeige zur Ausstellung "Peter Paul Rubens und der Barock im Norden"
Vorlage für eine Anzeige zur Ausstellung “Peter Paul Rubens und der Barock im Norden”

Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ sollte die letzte große internationale Ausstellung werden, die wir mit dem hervorragenden Team des Museums in meiner Amtszeit als Museumsleiter im Diözesanmuseum realisieren. Das Thema hat mich bereits als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter fasziniert, als der damalige Dompropst Hans Leo Drewes 1984 die Fragmente der  kriegszerstörten Altärblätter in den Kartoffelregalen der Dompropstei wiederfand. Also dachte ich, ich höre auf wie ich angefangen habe, mit einer großen Ausstellung. Ursprünglich war die Eröffnung für den 29. Mai 2020 geplant; hochbedeutende Werke des großen Antwerpener Meisters sind zugesagt; insbesondere die Modelli für seine großen Altarwerke verraten seine überragende künstlerische Meisterschaft. Besonders gefreut haben wir uns über die Zusage des großen Engels von Peter Paul Rubens von 1610/11 aus der Walburga-Kirche in Antwerpen, der sich heute im Institut of  Arts in Flint, Michigan /USA befindet und der als ‚key visual‘ für die Ausstellung wirbt. Neben grandiosen Werken Rubens‘ und seiner Schüler sollte die Rekonstruktion des durch die Bomben vor 75 Jahren zerfetzten Hochaltargemäldes der „Anbetung der Hirten“ von Antonius Willemssens aus dem Dom den regionalen Bezugspunkt bilden.

 Rubens auf Reisen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Corona macht uns da einen Strich durch die Rechnung. Wir werden die Eröffnung in den Sommer verschieben, wenn Kunsttransporte und Kurier-Reisen aus den USA und in Europa aus Frankreich, England, Dänemark, den Niederlanden, Belgien  und Österreich wieder möglich sein werden und endlich der Corona-Albtraum weicht. Mit entsprechender Besucher-Kontingentierung, Maskenpflicht und Sicherheitsabstand wird der Besuch der Rubens-Ausstellung möglich sein. Also: aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Wir brauchen die Kunst und die Kunst braucht uns.

I have a dream: wo uns schon das weltliche Liborifest in diesem Jahr versagt bleibt – „ein Stich ins Herz des Paderborners“, wie Bürgermeister Michael Dreier es auf den Punkt brachte –  kann Peter Paul Rubens in Paderborn vielleicht ein Hoffnungsschimmer sein, der Mut macht auch heute wie damals in den schweren Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg das Schicksal zu wenden. Nichts ersehnen wir mehr, als dass die Zeit der virtuellen Surrogate endlich vorbei sei. Wir brauchen die Kunst und die Kunst braucht uns. Die Künste vermögen es, durch Wahrnehmung zu kommunizieren und komplexe Themen zu veranschaulichen. Fehlt die Kunst, dann fehlen neue Perspektiven und Utopien. Beides brauchen wir gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir Kontakte meiden sollen. Umso mehr brauchen wir die Künste. I have a dream: Peter Paul Rubens zu Libori in Paderborn!

Christoph Stiegemann, 2019, Foto: Noltenhans
Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Foto: Noltenhans

Prof. Dr. Christoph Stiegemann ist seit 1990 Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn. Er übernahm 1994 zusätzlich die Leitung der Fachstelle Kunst im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn sowie den Vorsitz der Kunstkommission. 1998 wurde er zum Kustos des Paderborner Domes ernannt. Im Sommer 2020 endet Christoph Stiegemanns langjährig Tätigkeit als Direktor des Diözesanmuseums.


Titelbild: Peter Paul Rubens: Das Martyrium der hl. Lucia, um 1610/1620, Quimper, Musée des Beaux-Arts de Quimper; Bildnachweis: bpk / RMN-Grand Palais / Mathieu Rabeau

Warum seine Liebsten nicht einmal mit selbst gestalteter Frühlingspost überraschen? Kalligraphin Christiane Pucker zeigt, wie man mit wenigen Mitteln und einfachen Formen wunderschöne frühlingshafte Karten gestalten kann.

Tauchen Sie ein in die Welt der Englischen Schreibschrift und beobachten Sie Kalligraphin Christiane Pucker beim Niederschreiben eines Rubens-Briefs. 

Für alle, die es lernen möchten: Im Zuge der Rubens-Ausstellung bietet das  Diözesanmuseum gemeinsam mit Christiane Pucker Kalligraphiekurse an. Schauen Sie dafür in unser Programm.

Die Vorbereitungen für die große Rubens-Ausstellung liefen auf Hochtouren. „Doch Corona hat auf einen Schlag alles verändert“, so Christoph Stiegemann. Der Museumsdirektor spricht über den Stand der Ausstellung, deren Verschiebung und stellt das neue Online-Programm #closedbutopen vor.

Kunst-Geschichten - Titelbild

Madonnen suchen, Engel finden, Malen, Drucken und Entdecken —
das Diözesanmuseum als Erlebnisraum!

 

Kunst-Geschichten - Titelbild
Foto: Diözesanmuseum Paderborn

„Museum ist langweilig“, sagt Britta Schwemke, „das denken jedenfalls viele Schülerinnen und Schüler.“ Die Museumspädagogin hebt die Schultern und lächelt. „Dabei kann man ihnen sehr schnell zeigen, dass das hier ein toller Ort ist, voller interessanter Kunstwerke, die nur darauf warten, entdeckt zu werden und ihre Geschichten zu erzählen.“ Seit einem dreiviertel Jahr gehört die Fachfrau für Kunstvermittlung zum Team des Diözesanmuseums und bereitet sich gerade auf ihre erste große Sonderausstellung vor: „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ (ab 29. Mai 2020).

Zwischen thronenden Madonnen, lächelnden Engeln, opulenten Gemälden und eindrucksvoller Schatzkunst erzählt Britta Schwemke, wie sie im Diözesanmuseum mit kleinen und großen Besucher/innen auf Entdeckungsreise geht. „Toll sind die Geschichten hinter den Werken. Um die zu erfahren, reichen die kleinen Infoschildchen neben den Objekten nicht aus“, erklärt sie. „Ich finde es am schönsten, wenn man im Museum wirklich aus dem Alltag aussteigen kann, überrascht wird, in eine andere Welt eintaucht, zufrieden und auch klüger nach Hause geht.“ Und so denkt sich Britta Schwemke immer neue „Entdeckungsreisen“ für große und kleine Besucher/innen des Diözesanmuseums aus.

Madonna und Drachentöter erzählen Geschichten

Ein besonderer Sympathieträger ist für Britta Schwemke die Figur des hl. Georg mit dem Drachen: „Die eignet sich hervorragend für die Vermittlung, denn es gibt

Museumspädagogin Britta Schwemke
Museumspädagogin Britta Schwemke; ©Diözesanmuseum Paderborn

eine schöne Geschichte und eine tolle Skulptur. Sie erzählt eine spannende Rittergeschichte, aber noch spannender ist die Figur selbst: Was hielt dieser Ritter ursprünglich in seinen Händen? Kann man Farbreste entdecken? Und wer scheint den Kampf hier zu gewinnen? Auch bei unserem ‚After work chill out‘, dem abendlichen Zeichnen im Museum, ist der kleine Drache ein sehr beliebtes Motiv.“

Rubens!

Für die kommende große Rubens-Ausstellung hat sich Britta Schwemke gemeinsam mit dem Team des Diözesanmuseums ein vielfältiges Programm für alle ausgedacht: Das Museum als Erlebnisraum für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, Einzelbesucher/innen, Gruppen, Schulklassen und Familien. Das Ausprobieren, Selbermachen und kreativ sein wird dabei groß geschrieben. „Es gibt viele Workshops — von Kalligraphie über Ölmalerei bis zum Drucken. Dabei haben wir bewusst Experten eingeladen, die diese Kurse leiten werden“, erklärt die Museumspädagogin.

Drucken und Malen — wie im Barock

So bietet beispielsweise der Künstler Friedrich Hokamp einen Tiefdruckkurs an: „Eingeritzt und abgedruckt“. Der Druck war das Medium mit dem sich die neuen

Drucken im Museum
Drucken im Museum, ©Diözesanmuseum Paderborn

Bildideen, die Peter Paul Rubens für seine großformatigen Gemälde entwickelte, schnell in ganz Europa verbreiten ließen. Auch die Künstler Antonius und Ludovicus Willemssens werden mit solchen Vorlagen gearbeitet haben, als sie sich an der barocken Umgestaltung des Paderborner Doms beteiligten. Sie hatten ihr Handwerk in Antwerpen, im direkten Umfeld von Peter Paul Rubens erlernt.

Der barocken Farbenpracht der Rubens-Zeit will sich ein maltechnisches Experiment nähern: der zweiteilige Wochenendkurs „Aus der Farbe geboren“. Hier geht es um die Königsdisziplin, die „Ölmalerei“. In ihren Seminaren vermitteln der Künstler Bernd Ikemann und die Künstlerin Anja Hoinka Grundkenntnisse und es geht speziell um Rubens‘ Maltechnik.

Kunst und Krabbeldecke: Rubens, Baby!

„Ganz neu ist auch unser Angebot Rubens, Baby!“, erzählt Britta Schwemke. „Rubens war ja ein Familienmensch. Er hatte acht Kinder und einige verewigte er in seinen Bildern. Ein schöner Anlass, um auch einmal Eltern zusammen mit ihren Babys in die Ausstellung einzuladen.“ Das Format mit Kurzführungen zu unterschiedlichen Themen findet außerhalb der Öffnungszeiten statt. Krabbeldecken vorhanden!

„Wir haben viel vor“, sagt Britta Schwemke. „Und ich freue mich sehr auf meine erste große Sonderausstellung hier in Paderborn.“ Es wird verschiedene Themenführungen mit dem Rubens-Team geben, auch mit Restauratoren. Am 28. Juni feiert das Museum Rubens‘ Geburtstag mit einem großen Familienfest! Es gibt Sommerferienprogramme und für Schulklassen ist das Themenspektrum dieser Ausstellung besonders üppig – Barock eben. Genau wie der Workshop „Kunst beflügelt! Engel in der Ausstellung“ (geeignet für Grundschulen), den hat Britta Schwemke – allerdings ganz ohne barocke Kunst — bereits im letzten Jahr ausprobiert.

Einmal Engel sein …

„Engel sind multikulturell“, sagt die Museumspädagogin. „Es gibt sie auch im Judentum und im Islam. Wir sind mit einer internationalen Gruppe ins Museum gegangen und haben uns Engel-Skulpturen, Engel auf Gemälden, Engel als feine, kleine Goldschmiedearbeiten angeschaut. Dabei haben die Kinder schnell festgestellt, dass Engel nicht immer gleich aussehen, es gibt männliche, weibliche, Kinder und Erwachsene, welche mit langen und andere mit kurzen Haaren. Manche tragen ein langes, helles Gewand, andere haben bunte Flügel — diese Vielfalt war überraschend.“ Mit Wachsmalstiften malten die Kinder große, phantasievolle Flügel auf Tapetenbahnen, legten sich darauf und die Museumspädagogin zückte den Fotoapparat fürs Erinnerungsfoto …

Engel-Workshop, Fotos: Britta Schwemke

Britta Schwemke hat Kunstgeschichte in Münster und Düsseldorf studiert, zuletzt mit dem Schwerpunkt „Kunstvermittlung“. Nach der Ausbildung absolvierte sie ein wissenschaftliches Volontariat im Bereich der Museumspädagogik am Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. Seit Mitte 2019 gehört sie zum Team des Diözesanmuseums Paderborn.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

 

Reliquienbüsten Heinrichs II. und Kunigundes, wohl Böhmen, um 1430/40, Diözesanmuseum Paderborn, ©Foto Diözesanmuseum

Ein Blick auf die beeindruckende Sammlung des Diözesanmuseums Paderborn

Reliquienbüsten Heinrichs II. und Kunigundes, wohl Böhmen, um 1430/40, Diözesanmuseum Paderborn, ©Foto Diözesanmuseum
Reliquienbüsten Heinrichs II. und Kunigundes, um 1430/40, Diözesanmuseum Paderborn, ©Diözesanmuseum/A. Hoffmann

Kaiser Heinrich II. und Ehefrau Kunigunde sind gerade von einem „Gastspiel“ aus Basel ins Diözesanmuseum zurückgekehrt. Die beiden Reliquienbüsten aus dem 15. Jahrhundert waren drei Monate lang in der Ausstellung „Gold und Ruhm – Geschenke für die Ewigkeit“ zu sehen. Sie gehören unumstritten zu den Schätzen der Sammlung. So wie auch die Imad-Madonna (11. Jh.), eine der ältesten thronenden Madonnen in der abendländischen Kunst, der Tragaltar des Rogerus von Helmarshausen aus dem 12. Jahrhundert oder der barocke Libori-Festaltar.

„Gastspiel“ in Basel

„Wir haben ca. 12.000 Objekte und wenn wir alle kleinen Teile, wie Münzen und Gegenstände der religiösen Volkskunst, hinzuzählen sind es noch viel mehr“, sagt die Kunsthistorikerin Ursula Pütz, die gerade die kaiserlichen Reisenden in Basel abgeholt hat. Die Wissenschaftlerin hat die Reliquienbüsten als Kurierin begleitet. Eine wichtige Aufgabe, denn gerade bei so alten und wertvollen Exponaten muss bei Transport und Aufstellung vieles beachtet werden. Vor und nach der Reise wird der Zustand der Kunstwerke genauestens dokumentiert, unterwegs und am Ausstellungsort muss das Klima stimmen und auch das Licht, denn insbesondere bei alten Schriften kann eine zu intensive Beleuchtung Schäden verursachen.

Rettungsstation für christliche Kunst

Die Kunsthistorikerin Ursula Pütz gehört seit 1994 zum Team des Museums und kennt die umfangreiche Sammlung bestens. „Das Museum in dieser Form wurde 1913 gegründet, sozusagen als Sammelstelle für Objekte aus dem sakralen Bereich“, erklärt sie. „Wir verwahren und präsentieren Skulpturen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, Malerei, Goldschmiede- und Textilkunst, Handschriften und einen großen Bestand an Graphik. Die meisten Stücke kamen und kommen aus den Pfarrgemeinden hierher – als Dauerleihgaben.“ Das Diözesanmuseum sammelt also nicht nur Hochkunst, sondern auch volksfrommes Kunstgut, das oft erstaunliche Einblicke in regionale Traditionen gibt. Es ist eins der größten Diözesanmuseen in Deutschland und das älteste, denn bereits am 22. März 1853 genehmigte das Generalvikariat des Erzbistums Paderborn die „Errichtung eines Diöcesan-Museums kirchlicher Kunstgegenstände“ im ehemaligen Kapitelsaal der Busdorfkirche. Gedacht war an eine Art “Rettungsstation” für christliche Kunstwerke. Man sammelte Objekte, die nicht mehr im kirchlichen Gebrauch, beschädigt oder gefährdet waren, sicherte sie und stellte sie aus. Die Idee war ambitioniert, aber das Vorhaben entwickelte sich schleppend und so wurde das Projekt „Diözesanmuseum“ schon ein paar Jahren später vorerst beendet.

Sicherheit für wertvolle Originale

„Jedes Diözesanmuseum hat ein Alleinstellungsmerkmal. Wir kommen aus einer Geschichte des Sammelns und Bewahrens“, erklärt Ursula Pütz. „Besonders in den 60er- und 70er-Jahren ist unser Bestand stark angewachsen, weil es damals vermehrt Diebstähle in Kirchen gab. Außerdem gehören zum Erzbistum Paderborn neben den Kirchen viele Kapellen, auch abgelegene Waldkapellen, zu denen früher Prozessionen führten, und die teilweise eine mittelalterliche

Hl. Dorothee, Johann Brabender, um 1540/50, Foto: Ansgar Hoffmann

Ausstattung hatten.“ So kamen häufig die Originale ins Museum und vor Ort stellte man Kopien oder Abgüsse auf. Das ist der Grund dafür, dass ein großer Teil der Sammlung aus Leihgaben besteht, die Eigentum der Pfarreien bleiben. Im Lauf der letzten 100 Jahre sind zusätzlich viele Objekte aus Nachlässen, Schenkungen und Ankäufen hinzugekommen.

Die Sammlung wächst immer weiter

Federführend beim Aufbau und der wissenschaftlichen Erschließung der Sammlung war Gründungsdirektor Alois Fuchs (1877-1971). Unter seiner Leitung gewann das Museum an Profil und Bedeutung. Ein Schwerpunkt seiner Sammeltätigkeit lag im Bereich der mittelalterlichen Skulptur und Schatzkunst.

Einen ganz außergewöhnlichen Neuzugang gab es 2016, als dem heutigen Direktor Christoph Stiegemann der Ankauf von herausragenden Werken des Münsteraner Bildhauers Johann Brabender gelang. Insbesondere eine Gruppe seiner schönen Sandsteinfiguren ergänzt die Skulpturensammlung des Hauses auf ideale Weise.

Begehrte Leihgaben

Das Diözesanmuseum hütet noch so manchen wenig bekannten Schatz und sicher auch Lieblingstücke…? „Ja, natürlich“, sagt Ursula Pütz.

Unterweisung Mariens,  Anfang 15. Jh., ehem. Zisterzienserkloster Paderborn, Foto: Ansgar Hoffmann

„Zum Beispiel die ‚Unterweisung Mariens‘, das ist ein wunderschönes Werk. Im März bringe ich es zur Ausstellung ‚Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter‘ ins Landesmuseum Zürich.“ Die kleine Sandstein-Statue stammt aus dem frühen 15. Jahrhundert und gehörte zur Ausstattung des ehemaligen Paderborner Zisterzienserinnenklosters. Man sieht hier eine Szene, in der Mutter Anna ihrer Tochter Maria, der späteren Gottesmutter, das Lesen im Buch der Bücher, der Heiligen Schrift, beibringt. „Die Bildkomposition ist von großer Lebendigkeit“, beschreibt Ursula Pütz begeistert, „und sie gilt als eine der ersten Darstellungen pädagogischer Unterweisung überhaupt. Es ist bemerkenswert, wie widerspenstig hier das feste Material des Pergaments dargestellt wird. Man sieht, wie sich die Seiten des aufgeschlagenen Buches wölben, so wie es auch unsere Handschriften tun, wenn wir sie für die Präsentation in der Ausstellungsvitrine aufbinden. Das ist hier sehr schön dargestellt und auch die Neigung der Figuren zueinander ist besonders. Sie bilden quasi den Rahmen für die Heilige Schrift im Zentrum dieser Figurengruppe. Ich finde die Komposition einmalig.“

Kunsthistorikerin Ursula Pütz
Kunsthistorikerin Ursula Pütz in der Ausstellung

Ursula Pütz kümmert sich heute vorwiegend um die Sammlung, von der Pflege bis zur Inventarisierung. Sie war an rund 70 Ausstellungen im Diözesanmuseum und in verschiedenen Gemeinden des Erzbistums beteiligt. Kleine, feine Schauen mit mittelalterlichen Elfenbeinschnitzereien oder sakraler Glaskunst gehörten ebenso dazu, wie Präsentationen zeitgenössischer Werke und auch die ganz großen, internationalen Ausstellungen: 799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit (1999), Wunder Roms im Blick des Nordens (2017) oder die „Gotik-Ausstellung (2018/19). Immer sind besondere Stücke der eigenen Sammlung in diese Präsentationen integriert oder Besonderheiten der Region bilden Bezugspunkte zu den bedeutenden Leihgaben aus ganz Europa und Übersee. Seit mehr als zwei Jahrzehnten lenkt Direktor Christoph Stiegemann mit solchen Sonderausstellungen regelmäßig den Blick auf das Diözesanmuseum und seine Schätze, auf die Charakteristika das Erzbistums Paderborn, der Stadt und der Region.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

Brody Neuenschwander bei einer Veranstaltung im Diözesanmuseum, Dezember 2019

Eine Reise zu den Ursprüngen der Schrift mit dem Star-Kalligraphen Brody Neuenschwander

Brody Neuenschwander in der Veranstaltung “Word History” im Diözesanmuseum, 9. Dezember 2019; Foto: Diözesanmuseum Paderborn

„In China galt das Schreiben als große Kunst, die die mächtigen Mandarine beherrschten und kultivierten. Die Kalligraphie blieb den gebildeten, hochangesehenen, kaiserlichen Beamten, den Richtern und Gelehrten vorbehalten. Wenn sie ihre Examen ablegten, war Kalligraphie das wichtigste Fach. Die Art wie jemand schrieb, zeigte, ob der Mensch ehrlich, streng, faul oder fleißig war. In Europa dagegen waren es bis zum 12. Jahrhundert die (unbezahlten) Mönche, die das gesprochene Wort verschriftlichten. An den Höfen und in den Städten gab es professionelle Schreiber. Sie hatten aber keine hohe Stellung in der Gesellschaft. Die Adligen und Mächtigen des frühen Mittelalters beherrschten das Schreiben nicht.“ Auf anschauliche Weise bringt Brody Neuenschwander dem Publikum bei seinem Vortrag im Diözesanmuseum die kulturellen Unterschiede und die Bedeutung der Schriftkunst im Westen und im Osten nahe.

Als ein Buch so viel kostete wie ein Haus

Der aus Amerika stammende Künstler lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Brügge. Die kleine Stadt in Westflandern war und ist eine Stadt der Bücher und der Kalligrafie. Im Mittelalter war sie ein wichtiges Zentrum der europäischen Buchproduktion. „Hier kostete im 14./15. Jahrhundert ein Buch so viel wie ein stattliches Haus“, erzählt Neuenschwander. Etwa 150 Kühe mussten ihr Leben lassen, damit genügend Pergament für eine Bibel produziert werden konnte. Ein exklusives Gut. Anhand von vielen Beispielen wird deutlich, wie aufwändig nicht nur das Schreiben, sondern auch die Produktion der unterschiedlichen Materialien war — überall auf der Welt.

Auf den Spuren der Schriftkultur

Seit Jahrzehnten ist Brody Neuenschwander international tätig, und der renommierte Kalligraph hat in den letzten zehn Jahren eine Vielzahl von Projekten mit dem Diözesanmuseum realisiert. Zurzeit arbeitet er im Auftrag von arte und BBC an einem Film über die Entstehung der Schriftkultur, und so wurde sein Vortrag mit dem Titel „Word History“ zu einer spannenden Zeit- und Weltreise, die eindrücklich zeigte, welche Macht dem geschriebenen, gedruckten Wort zukam.

Kalligraphie von Brody Neuenschwander. entstanden beim Vortrag im Diözesanmuseum Paderborn, Dezember 2019
Kalligraphie von Brody Neuenschwander. entstanden beim Vortrag im Diözesanmuseum Paderborn, Dezember 2019

Vom „Wischen“ zum kreativen Wort-Bild

Gerade in unserem Zeitalter des „Wischens und Tippens“ scheint das „schöne Schreiben“ mit der Hand immer beliebter zu werden. Das zeigt sich auch immer wieder bei den Schreib-Workshops im Museum, die in kürzester Zeit ausgebucht sind. Was macht die Faszination der Kalligraphie aus?

„Die Kalligraphie, die historische, grafische Wortkunst ist eigentlich von allen Künsten die vielseitigste. Sie ist ein Grenzgebiet, ist Wort und Bild zusammen“, erklärt Brody Neuenschwander. Zudem könne jeder schreiben, also etwas mit einem Stift zu Papier bringen, es gäbe keine feste Grenze zwischen Alltagsschrift und Kalligraphie. Aber natürlich ist es auch das Exotische, das Geheimnisvolle und die besondere Ästhetik gerade fremder Schriftzeichen, die die Menschen heute fasziniert. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Street-Art mit ihren kreativen Wortbildern.

Die Schrift, der Druck und die Macht

Neun Länder hat Brody Neuenschwander in den vergangenen eineinhalb Jahren auf der Suche nach den Ursprüngen der Schrift bereist. „In unserer Kultur ist Schrift funktional, regelmäßig, geometrisch streng“, sagt er, ganz anders als im arabischen Kulturkreis oder in China. Für die Verbreitung von Wissen und für politische Zwecke hatte die Beschränkung auf die 26 Buchstaben der lateinischen Schrift große Vorteile: „Schrift hat mehr Einfluss auf unsere Kulturgeschichte gehabt, als wir denken“ so Neuenschwander. „Zum Beispiel haben die Chinesen immer gedruckt, zuerst mit Holzblöcken und schon 150 Jahre vor Guttenberg mit beweglichen Zeichen. Allerdings hatten sie nie eine moderne, industrielle Druckproduktion, denn sie haben 100.000de Schriftzeichen, und es waren Gänge voller Druckplatten nötig. Es war also praktisch nicht möglich, schnell zu reagieren. Gutenberg war allein, und sein Verfahren hat die ganze Welt verändert. Es waren die einfachen Buchstaben, die das ermöglicht haben. Sie passten in einen Setzkasten von vielleicht 80 x 40 Zentimetern. Ein Mann allein konnte ein Blatt Text setzen. Wir wissen, was das bedeutet hat, als Luther seine Thesen verbreitete.“ Das einfache lateinische Alphabet ist die Schöpfung einer Kultur, in der Schrift vor allem eine praktische Sache war. In China dagegen hat sich eine sehr elaborierte Kunstform entwickelt, auch deshalb ist die chinesische Schrift nicht einfach zu drucken.

Im Grenzgebiet zwischen Text und Kunst

"Goldener Saal", Kalligraphie von Brody Neuenschwander in der Ausstellungsgestaltung: „Gehorsam“ Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway, 2015 im Jüdischen Museum Berlin
“Goldener Saal”, Kalligraphie von Brody Neuenschwander in der Ausstellungsgestaltung: „Gehorsam“ – eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway, 2015 im Jüdischen Museum Berlin

„In allen Kulturen, in denen es wirklich eine Kalligraphie gibt — wie China, Japan, der arabischen Welt, den ost- und südslawischen Ländern Europas und Asiens mit ihrer kyrillischen Schrift – gibt es diese große und alte Tradition der Schriftkunst. Die Funktion und der gesellschaftliche Stellenwert der Kalligraphie sind in all diesen Kulturen sehr unterschiedlich, aber immer bewegt sie sich im Grenzgebiet zwischen Wort und Bild — dort, wo das Wort, wo der Klang eine visuelle Form bekommt“, sagt Brody Neuenschwander.

Und wann wurde in seiner Arbeit das kunstvoll gestaltete Wort-Bild zur (zeitgenössischen) Kunst? „Ich musste für den Peter Greenaway-Film „Prospero’s Books“ live eine Handschrift von Shakespeare umsetzen. Wir haben von Shakespeare sehr wenig, deshalb musste ich andere Handschriften seiner Zeit studieren und habe daraus eine lebendige Schrift entwickelt, die aus dem späten 16./17. Jahrhundert stammen könnte. Vor der Kamera haben wir dann aber gesehen, das reicht nicht aus. Es musste dramatischer werden, meine Feder musste zum Schauspieler werden, und sie musste die Tusche mit Emotion, Bewegung, Spannung und Dramatik aufs Papier bringen. Dann erst wurde es spannend. Das war für mich der erste Schritt, der zweite war es, meine eigenen Worte zu schreiben. Worte, die in meinen Kopf hinein springen, es ist eine automatische Schrift, eine Art ‚Automatic Writing‘. Es geht quasi eine Tür in mir auf, und es kommen Gedanken, die auf keine andere Weise herauskommen können. So entsteht Textkunst, für die es überhaupt keine Vorlagen gibt.“

Die Digitalisierung eröffnet völlig neue Möglichkeiten

In Zeiten der Digitalisierung hat sich die Bedeutung von Schrift und Druck verändert. Welche Rolle spielen die digitalen Möglichkeiten für Brody Neuenschwander? „Eigentlich hat die digitale Technologie sogar meine Karriere befördert“ sagt er. „Ich arbeite sehr viel mit dem Computer. Ich mag die Stahlfeder, den Gänsekiel, den Pinsel … man kann damit auf Papier, Leinwand, Pergament, Wänden und auch auf Körpern arbeiten. Aber wenn ich zum Beispiel mit Metall oder Textil arbeiten will, brauche ich die digitale Technik. Dann entwickele ich etwas, was mit dem Laser ausgeschnitten oder mit einer digitalen Webmaschine realisiert wird. Durch die digitalen Mittel kann ich alle Materialien nutzen, die es gibt. Das ist unglaublich gut für mich und eröffnet ganz viele Möglichkeiten.“

 

Brody Neuenschwander während einer Presse-Vorführung seiner Text-Kunst zur Meinwerk-Ausstellung in Paderborn und zur Performance "a Brush with Silence"
Brody Neuenschwander während einer Presse-Vorführung seiner Text-Kunst zur Meinwerk-Ausstellung in Paderborn und zur Performance “a Brush with Silence”; Foto: Diözesanmuseum Paderborn/Noltenhans

Brody Neuenschwander zählt zu den bedeutendsten Schriftkünstlern der Gegenwart. Geboren wurde er 1958 in Houston/Texas. Er studierte an der Princeton University Kunstgeschichte und promovierte am Courtauld Institute in London. Anschließend arbeitete er ein Jahr lang als Assistent des Kalligraphen Donald Jackson. Anfang der 1990er-Jahre begann seine Zusammenarbeit mit dem britischen Filmregisseur und Experimentalkünstler Peter Greenaway und eine intensive Auseinandersetzung mit zentralen Fragen zur Kunst der Kalligraphie. Heute lässt Neuenschwanders Werk die gängigen Definitionen der Kalligraphie weit hinter sich.

Zu seinen Auftraggebern zählen u.a. das Rijksmuseum Amsterdam und das Jüdische Museum Berlin. Zusammen mit dem Diözesanmuseum Paderborn hat er eine Vielzahl an Projekten umgesetzt, darunter die Kunstaktion A brush with silence, die eine Nacht lang im Kreuzgang des Paderborner Doms und im Diözesanmuseum stattfand. 2018 gestaltete er die Zier der neuen Glocken des Paderborner Doms.

Brody Neuenschwander lebt gemeinsam mit seiner Frau in Belgien.

 

Foto: © Video-Still aus aus Christoph Brechs Videoarbeit “Alpensinfonie” – 50´, colour, 16:9, Full HD, Germany, 2016

Ein Gespräch mit Christoph Brech über seine Videoarbeit „Alpensymphonie“,
die Wahrnehmung von Zeit und ein neues Buch.

Foto: © Video-Still aus aus Christoph Brechs Videoarbeit "Alpensinfonie" – 50´, colour, 16:9, Full HD, Germany, 2016; auf dem Seil,:Wire-Walker Oliver Zimmermann
Foto: © Video-Still aus aus Christoph Brechs Videoarbeit “Alpensinfonie” – 50´, colour, 16:9, Full HD, Germany, 2016; auf dem Seil: Wire-Walker Oliver Zimmermann

“Alpensinfonie im Diözesanmuseum”, am Do. 24. Oktober 2019 | 19 Uhr

Der Künstler Christoph Brech war schon mehrfach im Diözesanmuseum zu Gast, dieses Mal bringt er eins seiner spektakulärsten Videoprojekte mit – die „Alpensymphonie“– und stellt gemeinsam mit dem Museumsteam ein neues Buch vor.
In seiner  thematisiert Richard Strauss’ eine Bergwanderung, bei der er selbst in ein Gewitter gekommen ist. Eine einschneidende Erfahrung  und anscheinend hat Strauss den Weg, der auf den Gipfel und wieder zurückführt führte, auch als Darstellung eines menschlichen Lebens betrachtet. Dabei soll ihn Friedrich Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“ beeinflusst haben.

Herr Brech, wie kam es, dass Sie dieses Thema aufgegriffen haben?

Ich bin vor ein paar Jahren vom Landesjugendsinfonieorchester Hessen eingeladen worden, die „Alpensymphonie“ bei deren Jubiläumskonzert zum 40-jährigen Bestehen mit einem Video zu begleiten. Anfangs reizte mich die Idee nicht besonders, ich kannte das Stück auch nicht gut. Ich habe dann aber im Internet nach Bildern und Videos zur „Alpensymphonie“ gesucht und sah, dass immer auf die gleichen Motive zurückgegriffen wurde. Fast jeder orientierte sich an den Titeln der einzelnen Abschnitte dieser Tondichtung, die sich auf eine Bergwanderung beziehen. Alle haben also Fotos und Videoaufnahmen gemacht vom Sonnenaufgang in den Bergen, vom Aufstieg, dem Gipfel, dem Abstieg, dem Sonnenuntergang, usw.. Ich sehe darin eine Reduzierung der Musik, eine Rückholung der Musik aus ihrer teils sehr abstrakten Form. Ich dachte, das kann man Strauss doch nicht zumuten, dass man sein Werk auf naturalistische Bilder beschränkt. Das war dann mein Impuls doch etwas zur „Alpensymphonie“ zu entwickeln. Ich habe das komplette Projekt auf die Bühne verlegt und analog zu Strauss‘ Bergwanderung einen korrespondierenden Drahtseilspaziergang inszeniert, damit wollte ich Bilder finden, die allgemeingültiger sind als naturbezogenen Fotografien.

Wie sind Sie denn gerade auf das Bild des Seiltänzers gekommen?

Das war relativ schnell da, weil Strauss ein großer Verehrer von Nietsche war. Bei Nitsche kommt der Seiltänzer häufiger vor, auch in „Also sprach Zarathustra“. Der Seiltänzer spielt quasi die Hauptrolle: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde“. Er begibt sich also in die Gefahr abzustürzen, und nur dann ist er ein wahrer Mensch, wenn er etwas wagt, etwas riskiert und nicht einfach sein sicheres bürgerliches Leben weiterführt. Weil Strauss ganz nahe bei Nietsche war, fand ich das Bild treffend für die „Alpensymphonie“, zumal es auch hier einen Auf- und einen Abstieg gibt und man parallele Bilder finden kann. Da ich diese Bilder aber auf der Bühne aufgenommen habe, wurden sie abstrakt. Es gibt keinen natürlichen Umraum, das Bergklischee fällt weg, dadurch, so denke ich, wird die Musik anders hörbar, herausgelöst aus alten Klischees.

Der Seiltänzer ist auch auf der Startseite Ihrer Homepage zu sehen. In einer Super-Zeitlupe bewegt er sich voran. Ein künstlerisches Mittel, dass Sie häufiger einsetzen. Welche Bedeutung hat Zeit und auch die Verlangsamung von Zeit in Ihrer Arbeit, für Sie selbst?

Wir haben für die „Alpensymphonie“ mit 100 Bildern pro Sekunde gefilmt, anstelle von 25, wie es normalerweise gemacht wird. So konnten wir Bewegungen sehr verlangsamen, ohne dass sie ruckelig wurden – rein technisch gesehen. Auch der Seiltänzer – ein „Wire-Walker“ –, der sonst beispielsweise über ein Seil läuft, das von Kirchturm zu Kirchturm gespannt ist, bewegte sich manchmal sehr langsam. Besonders an der Stelle „Auf dem Gletscher“, da führte er ein Kunststück aus, in extremer Langsamkeit, das hat ihm viel abverlangt, und es war grandios, wie er das gemeistert hat, ohne Netz, also ohne abgesichert zu sein. Für „Auf dem Gletscher“ fand ich diese Langsamkeit besonders eindrücklich, dieses langsamer werden wenn es eiskalt ist, fast bis zum Erstarren.

In dem speziellen Fall der „Alpensinfonie“ war das Mittel der starken Zeitlupe der Vorlage geschuldet. Jetzt sagen Sie, ich mache das öfter, das stimmt, weil ich denke, wenn wir immer so schnell schauen‘, wie wir das normalerweise tun, dann übersehen wir leicht etwas. Wenn ich ein bisschen von der Geschwindigkeit rausnehme, dann hilft es unserem Auge, unserem Hirn, zu kapieren, was wirklich vor sich geht. Meistens nehme ich nur wenig Tempo weg, das reicht schon, oder ich filme überhaupt etwas Langsames, damit man das, was man sieht, anders begreifen kann.

Auch in dem neuen Buch spielt die Zeit eine große Rolle. Es heißt von „Korrespondenzen und Zeitschichten“. Können Sie uns etwas zum Inhalt und zur Entstehung erzählen?

Das Buch besteht aus einem Gespräch, das der Philosoph Rüdiger Safranski und ich 2017, in der Paderborner Ausstellung MORE THAN ROME, geführt haben. Wir sind dabei durch das Diözesanmuseum gegangen, haben uns über einige meiner Arbeiten, deren Beziehungen zueinander und zu den Exponaten der Museumssammlung unterhalten. Es ging um die Wirkung, die diese Exponate auf die Besucher haben und darum, welche Geflechte entstehen können, wenn man so ein offenes Haus hat wie dieses hier. Das meine ich im übertragenen und im wörtlichen Sinne, weil man teilweise von Ebene zu Ebene schauen kann und ungewöhnliche Blickachsen entstehen. Das ist sehr spannend. Rüdiger Safranski und ich haben uns einen Roten Faden durch die Ausstellung gesucht, an dem klar wurde, was ich wollte und was auch Erstseher dieser Ausstellung – wie Safranski es an diesem Abend war – sich dabei denken könnten. In diesem Gedankenaustausch ging es auch immer wieder um Zeit, Zeitpunkte, Zeitspannen, Zeitlosigkeit … Dieses Gespräch wurde mitgeschnitten und liegt jetzt in Buchform vor, mit sehr schönen Fotografien von der bekannten Fotografin Barbara Klemm.

Foto: © Video-Still aus aus Christoph Brechs Videoarbeit "Alpensinfonie", Ausklang, 50´, colour, 16:9, Full HD, Germany, 2016
Foto: © Video-Still aus aus Christoph Brechs Videoarbeit “Alpensinfonie”, Ausklang, 50´, colour, 16:9, Full HD, Germany, 2016
Was erwartet die Besucher bei der Veranstaltung im Diözesanmuseum? Wie ist die „Alpensymphonie“ dort zu erleben? Ursprünglich haben Sie das Musikstück ja live bei einem Konzert begleitet.

Es gibt meinen Videofilm zur „Alpensymphonie“ auch als Konserve. Ein Orchester mit über 120 Musikern könnte im Museum ja nicht spielen, weil sie keinen Platz finden würden. Wir werden das 50-minütige Video zeigen und ich erläutere vorab meine Gedanken dazu. Ich möchte auch über die Zusammenarbeit mit dem Seiltänzer sprechen, der in meinem Film zuerst Kind war, dann Jugendlicher und schließlich zum alten Mann wird. Vielleicht werden anschließend Fragen gestellt und es kommt zu einem Gespräch mit dem Publikum. Danach stellen wir das Buch vor und natürlich signiere ich es gerne.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Brech!

 

25. Oktober 2019: Unser neues, kleinformatiges Buch ist ein bibliophiles Kleinod geworden. Am 24. Oktober haben wir es gemeinsam mit Christoph Brech und im Anschluss an die Vorführung der “Alpensinfonie” vorgestellt.  “Von Korrespondenzen und Zeitschichten” fasst einen Dialog zwischen dem Philosophen Rüdiger Safranski und dem Künstler Christoph Brech zusammen. Die eindrücklichen Schwarz-Weiß-Bilder stammen von Barbara Klemm, einer “Grande Dame” der Fotografie. Erschienen ist es im Michael Imhof Verlag und zum Preis von 11,50 Euro bei uns im Museum erhältlich.

Christoph Brech: Einführung zur "Alpensinfonie" im Diözesanmuseum Paderborn; ©DiözesanmuseumPaderborn
Christoph Brech: Einführung zur “Alpensinfonie” im Diözesanmuseum Paderborn; ©DiözesanmuseumPaderborn
Alpensinfonie von Christoph Brech im Diözesanmuseum Paderborn; ©DiözesanmuseumPaderborn
Alpensinfonie von Christoph Brech im Diözesanmuseum Paderborn; ©DiözesanmuseumPaderborn
Christoph Brech signiert das neue Buch; ©DiözesanmuseumPaderborn
Christoph Brech signiert das neue Buch; ©DiözesanmuseumPaderborn
 "Von Korrespondenzen und Zeitschichten", Imhoff Verlag 2019; ©DiözesanmuseumPaderborn
“Von Korrespondenzen und Zeitschichten”, Imhoff Verlag 2019; ©DiözesanmuseumPaderborn
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