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Der Pokal mit glockenförmiger Kuppa besitzt einen kurzen, als Baumstamm ausgebildeten Schaft, der aus einem gewölbten, mit Felsstruktur ausgestalteten Fuß emporwächst. In der Höhlung des Baumstamms kauert ein Wolf − das Wappentier der Herren von der Asseburg −, der zwischen seinen Tatzen eine Plakette mit der Inschrift QUAM BONUM ET IUCUNDUM EST, FRATRES HABITARE IN UNUM („Wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“, Ps 133) hält.

Der Pokal entstand 1743 im Auftrag des Paderborner Freiherrn Hermann Werner von der Asseburg (*1702, †1779), der zuerst als Paderborner Rat, später als Obristhofmeister und Konferenzminister in Diensten des Kölner Kurfürsten Clemens August von Bayern stand. Bekrönt wird der Deckelpokal vom aufsteigenden Wittelsbacher Löwen, der eine Portraitmedaille Kaiser Karls VII. hält. Es handelt sich dabei um den äußerst seltenen Dortmunder Taler auf die Huldigung Kaiser Karls VII. von 1742. Dieser war der Bruder des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln, Clemens August, seit 1719 auch Fürstbischof von Münster und Paderborn.

An der von diesem mit Nachdruck betriebenen, 1742 endlich erfolgreichen Kaisererhebungseines Bruders hatte Hermann Werner durch sein diplomatisches Geschick nicht unwesentlichen Anteil. Am 11. Juli 1742 nahm der Asseburger im Namen des Kaisers – und von diesem eigens entsandt – in Dortmund die Huldigung für Kaiser Karl VII. entgegen, die letzte feierliche Kaiserhuldigung, die in der Freien Reichsstadt Dortmund stattfand. Vermutlich hat er damals den kostbaren Dortmunder Taler mit dem Profilbildnis Karls VII. erhalten, den die Stadt Dortmund zu diesem Anlass herausgegeben hatte. Unterhalb der Medaille Karls VII. auf dem Deckel des Pokals ist die große Porträtmedaille Clemens Augusts‘ von Georg Wilhelm Vester aus dem Jahr 1724 angebracht. Clemens August ließ in Paderborn im Jahr 1736 mit großer Prachtentfaltung das 900-jährige Jubelfest der Translatio des heiligen Liborius von Le Mans nach Paderborn ausrichten. Von der zu diesem Anlass in Nürnberg von Peter Paul Werner gestalteten Gedenkmedaille sind fünf Exemplare in den Deckel eingelassen. Die Zwischenräume sind mit Rocaillewerk verziert. In die Wandung der Kuppa sind wiederum zwölf silberne Medaillen in zwei Reihen im rhythmischen Wechsel von avers und revers gegeneinander versetzt eingelassen, die zugleich die „Augen“ von gestaffelt angeordneten Pfauenfedern bilden. Es ist ein überaus kostbarer, ja einzigartiger Dekor, der mit dem heiligen Liborius und seinen Attributen verknüpft ist, denn seit dem 18. Jahrhundert erscheint der Pfau als Symbol des Heiligen. Hier haben wir einen der frühesten Belege.

Der Pokal ist nach Ausweis der Marken ein Werk des bedeutenden Augsburger Goldschmieds Johann Jakob II. Bruglocher (Meister 1710–1752), der insbesondere in landesherrlichem Auftrag, darunter auch für die bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht und Maximilian III. Joseph gearbeitet hat. Über 260 Jahre befand sich der Augsburger Deckelpokal im Besitz der Familie von der Asseburg auf der Hinnenburg bei Brakel. Er findet Erwähnung im Asseburger Hausinventar, begonnen am 4. November 1767 durch Hermann Werner selbst, das im Archiv Vinsebeck (Signatur A Nr. 358, nicht paginiert) liegt. Im Inventarium über Sämtliche dermahlen vorhandenen Silber Werck, alß nemlich: findet sich der Eintrag unter „Zur Schencke“: Ein großer vergoldeter pocal mit dem deckel, mit Liborius Thalern besetzet 6 Marck 10 Loth. In seinem Testament vom 17. Januar 1779 (Bl.17) hat Hermann Werner den Pokal an seinen Bruder, den Paderborner Fürstbischof Wilhelm Anton von der Asseburg (*1707, †1782) vermacht: Sechß undt zwanzigstens: legire ich zum gnädigen und gütigen andencken meinem Herrn Bruder Wilhelm Anton dermahliger Ihro Hochfürstlichen Gnaden zu Paderborn, wan Hochdieselben mich überleben werden, meinen verguldeten Pocal mit eingefassten Liborius=Thalern, und der unterschrifft: quam bonum et jucundum est, fratres habitare in unum; die beste goldene Tabatiere; im gleich mein bestes Reitpferdt, mit bestem Sattel, Chaberaque, und sonsten dazu gehöriger reitgeschierre.

Nach dem Tod des Fürstbischofs ist der Pokal wieder an die Familie zurückgefallen. (Für Quellenhinweise und Recherche sei Domvikar Hans Jürgen Rade herzlich gedankt!)

Im Jahr 2005 wurde der Deckel-Pokal verkauft. Schon für immer verloren geglaubt, konnte er drei Jahre später ausfindig gemacht und im Oktober 2008 in einer konzertierten Aktion für das Diözesanmuseum erworben werden. Neben der Rudolf-August Oetker Stiftung förderten den Ankauf die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens Kunststiftung, die Bank für Kirche und Caritas sowie das Kunsthauses Lempertz und der Förderkreis des Diözesanmuseums Paderborn.

Deckelpokal für Hermann Werner von der Asseburg
  • Augsburg, 1743; Bz. Augsburg 1743/45; Mz. Johann Jakob Bruglocher II
  • Silber, teilvergoldet, getrieben, gegossen, ziseliert und graviert
  • H. gesamt: 37,5 cm; Deckel: H. 11,5 cm, Dm. 16 cm; Fuß: H. 26 cm, Dm. unten 13,8 cm, Dm. oben 15 cm;
  • 2008 aus dem Kunsthandel erworben
  • Inv. Nr. PR 635
Deckelpokal für Hermann Werner von der Asseburg · Foto: Ansgar Hoffmann
Deckelfigur des Pokals · Foto: Ansgar Hoffmann
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