
Die Prozessionsfiguren im Diözesanmuseum Paderborn
Im Rahmen ihrer Masterarbeit am Lehrstuhl Kulturerbe der Universität Paderborn widmete sich Maria Weiland einem besonderen Sammlungsbestand des Diözesanmuseums: den Prozessionsfiguren. Teile ihrer Forschungsergebnisse hat sie in diesem Beitrag zusammengefasst.
Die Prozessionsfiguren des Diözesanmuseums Paderborn sind eindrucksvolle Zeugnisse frühneuzeitlicher Frömmigkeits- und Bildkultur. Der Bestand umfasst insgesamt 17 Figuren, von denen derzeit drei ausgestellt sind. Ihre besondere Wirkung entfaltet sich durch eine würdevolle Ausstrahlung, die sich aus Gestaltung, Materialität und historischer Funktion ergibt.
Die meisten Figuren stammen aus dem 18. Jahrhundert, wenige aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind Zeugnisse des Rekatholisierungsprozesses des Bistums Paderborn, der bereits um 1600 einsetzt. Prozessionen dienten seit dieser Zeit nicht nur der religiösen Praxis, sondern auch der öffentlichen Sichtbarmachung und Festigung des katholischen Glaubens. Die Prozessionsfiguren machten religiöse Inhalte anschaulich und erfahrbar, indem sie (meist) Marienfiguren in den öffentlichen Raum trugen und so Anknüpfungspunkte für die Gläubigen schufen.
Charakteristisch für diese Figurengattung ist ihre funktionale Konstruktion. Der geschnitzte Oberkörper mit beweglichen Armen wurde auf ein Lattengestell ab der Hüfte aufgesetzt, das das Tragen der Figuren während der Prozessionen erleichterte. Diese technische Lösung blieb durch die vollständige Bekleidung der Figuren verborgen, wodurch Kleidung zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Erscheinungsbildes wurde. Wertvolle Stoffe wie Seide oder Brokat sowie Kronen, Zepter und Schmuck aus Edelmetallen verliehen den Figuren eine festliche, beinahe höfische Ausstrahlung und unterstrichen ihren sakralen Rang.
Zugleich spiegeln die Prozessionsfiguren soziale und gesellschaftliche Strukturen ihrer Entstehungszeit wider. In ihrer Ausstattung sind häufig die Stifter präsent, die durch materielle Zuwendungen nicht nur ihre Frömmigkeit, sondern auch ihren gesellschaftlichen Status sichtbar machten. Die Stiftung und Ausstattung der Figuren fungierten somit als öffentliches Bekenntnis zur katholischen Kirche. Ergänzt wurden sie durch Votivgaben, die als Dank für Gebetserhörungen an den Figuren angebracht wurden und individuelle Glaubenserfahrungen sichtbar machten.
Vereinzelt wurden die Prozessionsfiguren bis in die Gegenwart hinein bei religiösen Umzügen mitgetragen und blieben so Teil lebendiger Praxis. Im Museum erhalten sie jedoch eine neue Bedeutung: Als Ausstellungsobjekte sind sie heute Zeugen religiöser Praxis, kunsthandwerklicher Tradition und sozialer Geschichte. Ihre Bewahrung und Präsentation im Diözesanmuseum Paderborn sichert dieses kulturelle Erbe und macht es für heutige Betrachterinnen und Betrachter ebenso wie für kommende Generationen sichtbar und erfahrbar.
Ein Text von Maria Weiland
Literatur
- Brandt, Hans Jürgen und Karl Hengst: Geschichte des Erzbistums Paderborn. 2. Bd. Das Bistum Paderborn von der Reformation bis zur Säkularisation 1532-1802/03 (= Veröffentlichungen zur Geschichte der Mitteldeutschen Kirchenprovinzen, 13). Paderborn 2007.
- Diözesanmuseum Paderborn (Hg.): Von Angesicht zu Angesicht. Skulpturen im Diözesanmuseum. Fotografien von Annet van der Voort, Ursula Pütz und Ansgar Hoffmann (=Diözesanmuseum Paderborn. Schriften und Bilder, 3). Ohne Ort und Datum.
- Fücker, Beate: Der Heiligen schöner Schein. Bekleidete Sakralfiguren im deutschsprachigen Raum (1650-1850). Regensburg 2017.
- Rath, Markus: Die Gliederpuppe. Kult-Kunst-Konzept (= Berliner Schriften für Bildaktforschung und Verkörperungsphilosophie, 19). Berlin/Boston 2016.
- Trexler, Richard C.: Der Heiligen neue Kleider. Eine analytische Skizze zur Be- und Entkleidung von Statuen. In: Schreiner, Klaus und Norbert Schnitzler (Hgg.): Gepeinigt, begehrt, vergessen. Symbolik und Sozialbezug des Körpers im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. München 1992. S. 365-402.
- Von Angesicht zu Angesicht. Skulpturen im Diözesanmuseum Paderborn, Katalog des Diözesanmuseums Paderborn (Schriften und Bilder, Band 3), Paderborn 1996



