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Der „Mainzer Teufel”

Teuflisch gut, möchte man ausrufen, wenn man diesem Wesen der Unterwelt gegenübersteht. Unverkennbar – das sind Lachfalten dort in den Augenwinkeln. Der breit grinsende Mund entblößt kräftige Zähne zu einem diabolischen Lachen. Breite Nase, wallendes Haar an Kinn und Kopf – wirklich furchteinflössend sieht dieser Teufel nicht aus, eher hinterlistig und auch amüsiert. Siegessicher? Vielleicht. Lädt er nicht förmlich dazu ein, ganze Geschichten in seine Mimik hinein zu fantasieren? Bedrohlich wirkt die Unberechenbarkeit, die seine Gesichtszüge vermitteln. Was mag dem genialen Bildhauer durch den Kopf gegangen sein, als er vor bald 800 Jahren dieses großartige Wesen schuf, dessen Lebendigkeit fast vergessen lässt, dass es in Stein gemeißelt wurde?

Ein genialer Bildhauer

Teufelsfratze vom Westlettner des Mainzer Doms, Mainz, um 1239, Werkstatt des “Naumburger Meisters”, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Mainz, © Dom- und Diözesanmuseum Mainz, Foto: Marcel Schawe

Die „Teufelsfratze vom Westlettner des Mainzer Doms“, so die korrekte kunsthistorische Bezeichnung, stammt aus der Werkstatt des Naumburger Meister. Name und Herkunft des genialen Künstlers liegen im Dunklen. Doch seine Handschrift als Bildhauer ist so prägend, seine Figuren sind so voller Leben, dass selbst der Laie zu erkennen glaubt, das könnte ein Werk aus seiner Werkstatt sein. Der Naumburger Meister wirkte in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Er gilt als einer der wichtigsten Schöpfer gotischer Skulptur und ist berühmt für die ausdrucksvolle Mimik und die plastische Präsenz seiner Figuren. Sein Notnamen geht auf den Ort zurück, an dem noch heute seine bekanntesten Werke zu sehen sind, den Dom zu Naumburg.

Möglicherweise ist der Naumburger Meister in Nordfrankreich in die Lehre gegangen. Erste Zeichen seines Könnens finden sich in der Picardie und in Lothringen. Ob dort der Mainzer Erzbischof Siegfried III. von Eppstein auf ihn aufmerksam wurde? Jedenfalls holte er den herausragenden Bildhauer zur Vollendung seines Dombaus an den Rhein. Dort schuf der „Naumburger“ um 1240 den berühmten Westlettner der Mainzer Kathedrale.

Auch der Teufel hat Gefühle

Unser Teufel wurde 1914 in den Räumen des Mainzer Domkreuzgangs entdeckt. Aufgrund des Materials, der künstlerischen Qualität, der Art der Steinbearbeitung und des Aufbaus der Farbfassungen gehört er unzweifelhaft zu den Reliefs von der Fassade des Westlettners, und damit in den Kontext einer Darstellung des Jüngsten Gerichts. Wie seine französischen Vorbilder besaß dieser Teufel spitze Satyrohren, sowie Hörner von offenbar beachtlicher Größe, was sich aus den über der Stirn erhaltenen Ansätzen schließen lässt. Der Kopf entspricht also ganz dem gängigen Schema mittelalterlicher Teufelsdarstellungen, doch dieser hier scheint zu Emotionen fähig, wird so zum Individuum, changierend zwischen Mensch und Bestie. Erstaunlich, dass sich gerade ab Mitte des 13. Jahrhunderts eine solche Individualisierung in der Skulptur zeigt, galten doch Zorn und Lachen, Melancholie oder Stolz im Mittelalter noch als Todsünden. Doch die Gotik entdeckte den Menschen. Die ausgeprägte Darstellung von Gefühlen, von Leidenschaften kann in jener Epoche ihre Wurzeln in der Wiederentdeckung der Antike und der Werke von Aristoteles gehabt haben. Auf jeden Fall veränderte sich in der Zeit der Gotik das Lebensgefühl und auch davon erzählen uns Figuren wie jener Teufel aus Mainz, selbst wenn sie nur noch als Fragmente vorhanden sind.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

Titelbild: Blick in die Ausstellung; Kopf eines Jünglings oder Engels, Rheinisches Landesmuseum Trier + Teufelsfratze Mainzer Dom, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Mainz,  Foto: Noltenhans

 

 

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