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Eine Begegnung.

Es ist Gabriel, der unsere Blicke dirigiert. Die schlichte, schöne Holzfigur des Erzengels steht umgeben von bildgewordener Musik am Anfang der Ausstellung „SO GESEHEN – Barbara Klemm · Christoph Brech“. Dirigentenporträts, Wolkenbilder und filigrane Klangwolken umgeben die Skulptur. Über allem schwebt auf riesiger Leinwand visualisierte Musik im hohen, weißen Museumsraum – Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 5 cis-Moll. Ein grafisch anmutendes Video zeigt die in der Realität unsichtbaren Linien, die die Hände des Dirigenten beschreiben. Per Kopfhörer kann man hören was man sieht.

Wer das Paderborner Diözesanmuseum kennt, hier in den letzten Jahrzehnten die großen kunsthistorischen Ausstellungen besucht hat, wird das Haus völlig neu erleben. Die offene, schlichte und elegante Architektur mit ihren aufstrebenden Ebenen ist erstmals pur zu sehen. Ein luftiger Raum, ideal für die zeitgenössische Foto- und Videokunst von Barbara Klemm und Christoph Brech und für einen neuen Blick auf eine kleine Auswahl von Exponaten aus der Sammlung des Hauses.

Engel aus der Verkündigung an Maria. Franz Ignaz Günther (Werkstatt). 3. Drittel 18. Jh.; Barbara Klemm, György Ligeti, 1977
Barbara Klemm und Christoph Brech in der Ausstellung „SO GESEHEN"

Neue Sichtweisen

„Es ist eine Freude, dass wir die Chance bekommen haben, in diesem tollen Haus – das nicht leicht zu bespielen ist – etwas gemeinsam zu gestalten“, sagt Barbara Klemm. „Und da wir beide ein großes Konvolut von Bildern haben, war es nicht schwer, Arbeiten zu finden, die miteinander korrespondieren oder Ähnlichkeiten zeigen.“ Die Grande Dame der politischen und gesellschaftlichen Fotografie hat Jahrzehnte lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung das Weltgeschehen mit der Kamera beobachtet und Fotos geschaffen, die Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses geworden sind. Wer aber im Diözesanmseum ihre Bildikonen wie den legendären Bruderkuss von Breschnew und Honecker erwartet, sucht vergebens. In Paderborn zeigt sie eine andere Seite ihres Schaffens.

Auch Christoph Brech, dessen Arbeiten schon in mehreren Ausstellungen im Diözesanmuseum zu sehen waren, setzt neue Schwerpunkte.

Zu acht Themen – darunter Inspiration, Dialog, Menschen im Museum oder letzte Bilder – finden die analogen Schwarz-Weiß-Fotografien von Barbara Klemm und die zumeist farbigen, digitalen Fotos und Videos von Christoph Brech zusammen. Sie korrespondieren und interagieren auf besondere Weise miteinander. Da ist das Innere einer venezianischen Kirche neben einem Foto des ägyptischen Tempels von Abu Simbel zu sehen. Die geheimnisvolle, beinahe mystische Stimmung, das Licht, die Bildkompositionen schaffen eine Verbindung beider Werke.

Barbara Klemm, Abu Simbel, Ägypten, 2010
Christoph Brech, Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig, 2019

Korrespondenzen zwischen Malerei und Dunkelkammer

„Es ist, glaube ich, ein ganz spannender Dialog geworden“, sagt Christoph Brech, „auch wenn es nicht immer wie ein Dialog aussieht. Total interessant war es, Bilder, die wir beide im Abstand von einigen Jahren beispielsweise in Rom fotografiert haben, nebeneinander zu stellen.“ So ist der Fuß einer antiken Kolossalstatue, der im Hof der Kapitolonischen Museen aufbewahrt wird, jetzt zweifach zu sehen. Bei Christoph Brech wird er im farbigen Querformat seiner Größe beraubt und wirkt im Kontext einer Baustelle wie ein Objekt im Setzkasten. Bei Barbara Klemm erscheint er übermächtig im schwarz-weißen Hochformat. Schwarzweiß ist Farbe genug, hat sie einmal gesagt und erklärt uns, warum sie noch heute selbst in der Dunkelkammer steht: „Ich vergrößere meine Aufnahmen selber – das habe ich bei allen meinen Ausstellungen so gemacht und auch schon in meiner Zeit bei der FAZ, wenn sie zum Beispiel für die Tiefdruck-Beilage bestimmt waren. Ein Bild kann ja ganz langweilig aussehen, wenn die Tonwerte nicht richtig stimmen, sie sind das A und O und so ist auch jeder Abzug ein Original.” Mitunter wirken Barbara Klemms Fotografien wie Gemälde und auch bei Christoph Brech ist seine Nähe zur Malerei unverkennbar. „Ich habe von einem Tag auf den anderen aufgehört zu malen, als ich das Medium Film für mich entdeckt habe, insbesondere die dritte Spur, die Tonspur. Aber ich habe Malerei studiert und auch gelehrt. Mit 15, 16, 17 habe ich jeden Tag gemalt, das ist ein Teil von meinem Leben. Man bekommt ein Gespür für Farben und für die Aufteilung von Formaten. Heute interessieren mich bestimmte Farbsituationen, die ich entdecke – ohne Filter – und da kommt dann wieder etwas Malerische hinein.“

Barbara Klemm, Kapitolinisches Museum, Rom, 2016
Christoph Brech, Musei Capitolini, Rom, 2013

Allein das Zusammentreffen zweier technisch so unterschiedlich arbeitender Künstler:innen in einer Ausstellung ist nicht naheliegend. Doch es ist augenfällig, dass ihnen die Konzentration auf Weniges, auf Wesentliches, auch eine Art Minimalismus gemeinsam ist. „Ich habe mich noch nie so intensiv mit dem Werk eines anderen Künstlers auseinandergesetzt, wie jetzt mit den Arbeiten von Barbara Klemm“, sagt Christoph Brech. „Wenn ich zurückschaue auf die letzten Wochen, war das eine großartige Inspiration und eine Energiequelle.“

Engel-Begegnungen

Frage an die Kuratorin: Frau Ruhmann, wie ist diese Ausstellung entstanden? Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass sich hier Schnittmengen und auch Beziehungen zur Kunst Ihrer Museumssammlung ergeben könnten? „Bereits 2017, als Barbara Klemm eine Ausstellung von Christoph Brech in unserem Museum besuchte, fiel mir auf, wie gut die beiden korrelieren, wie neugierig und offen beide auf neue Situationen zugehen. Als es nun klappte, ergab sich alles auf fast organische Weise. Beide verfügen über ein immenses und vor allem breit gefasstes Oeuvre. Ich war vor allem gespannt auf die Wirkung der Werke in unserem Haus, das ja mit seinen sich nach oben windenden Galerien und den zahlreichen Durchblicken nicht einfach zu bespielen ist.“

„Als wir zum ersten Mal mit dem Bewusstsein durch das Haus gingen, dass wir hier zusammen ausstellen könnten“, ergänzt Barbara Klemm, „war es unglaublich spannend, wie schnell konkrete Ideen entstanden sind. Wie sollte der Aufbau aussehen? Was könnten wir zeigen? Christiane Ruhmann hatte da schon meine Rostocker Engel im Kopf und ich dachte zuerst, die passen überhaupt nicht hier hin, aber sie passen ganz wunderbar. Also das waren die Momente, wo ich dachte, das kann nicht schiefgehen, das muss eine schöne Ausstellung werden.“

Fotografie von Barbara Klemm, umgeben vom Libori-Festaltar (1736)
Barbara Klemm, Trapezkünstlerinnen. Rostock, 1974

Barbara Klemms „Rostocker Engel“ sind Trapezkünstlerinnen die vor einer zerstörten, tristen Häuserzeile, gehalten von dicken Seilen über der Stadt zu schweben scheinen. Eine Momentaufnahme, eine eingefrorene Bewegung, die eine ganze Geschichte erzählt. Es ist das einzige Werk in der Ausstellung bei dem Barbara Klemm das für sie typische Format von 30 x 40 Zentimetern verlassen hat. „Es musste einfach größer sein“, sagt sie. Das Foto wird hier zum Teil einer raumgreifenden Installation mit den glänzenden Engeln und den lebensgroßen Allegorien des barocken Libori-Festaltars. Ein Kontrast der den Blick weitet und irdische Beziehungen aufscheinen lässt.

Perspektivwechsel

„Man muss natürlich historische Exponate anders erklären als zeitgenössische Kunst, aber man kann die Erklärweisen zeitgenössischer Kunst auch auf solche Werke übertragen“, sagt Christiane Ruhmann. „Es ist eine Chance, ein anderes Verständnis für antike, mittelalterliche oder barocke Kunst zu vermitteln, indem man sie intuitiver kontextualisiert. Wir zeigen den Erzengel Gabriel in der Eingangssituation der Ausstellung ohne Maria — der er ja eigentlich die Botschaft der Menschwerdung Gottes überbringen soll — hier jedoch ist die Aussage gleichzeitig weiter gefasst und näher am heutigen Betrachter: Wie manifestiert sich Geist? Was ist Inspiration? Und das heißt: Diese Figur, die ich da sehe, also die Darstellung des Erzengels Gabriel, bekommt durch die Zusammenschau mit den Werken der beiden Künstler:innen quasi eine neue Bedeutungsdimension, die seinen überkommenen Kontext mit einbezieht, sich aber gleichzeitig für heutige Betrachter:innen öffnet.“

 

Es schwingt wie ein Stück Musik …

Alle ausgewählten Stücke der Sammlung stehen frei, bekommen viel Wirkungsraum und allein das verändert und verstärkt ihre Ausstrahlung. Da hängen Madonnen aus dem 16. Jahrhundert frei und ungestört im Raum, umgeben von minimalistischen, fotografischen Mondstudien und einem Video in Zeitlupe an den weit entfernten Wänden. Gemeinsam erzählen diese Werke eine Geschichte, die nachdenken lässt über Spiritualität, Zeitlosigkeit oder Unendlichkeit. Hier kann alles wirken, allein und gleichzeitig im Kontext. Es ist eine besondere Dramaturgie, meint auch Kuratorin Christiane Ruhmann: „Für mich ist die Ausstellung fast wie ein Musikstück, mal tritt die ‚Melodie‘ des einen hervor, mal die der anderen. Mal laufen die ‚Stimmen‘ im Gleichklang, mal entfernen sie sich voneinander – aber immer bilden sie in einem gemeinsamen Resonanzraum, der mehr ist als seine einzelnen Teile.”

 

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

Fotos: © Kalle Noltenhans

Blick in die Ausstellung, Themenbereich “Himmelwärts“
Mondsichelmadonna, um 1530 und Videoinstallation „Corona Mond“, 2020, von Christoph Brech
Imad-Madonna (zw. 1051 u. 1058) vor Videoinstallation „Abschied“, 2021, von Christoph Brech

Literaturverzeichnis / Links:

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