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Das Thema der Kreuzabnahme war im späten Mittelalter unter den Andachtsbildern, die der Meditation und stillen Betrachtung dienten, besonders beliebt. Davon zeugt dieses Tafelbild, eine frühe mittelalterliche Kopie nach einem verlorenen Vorbild des Rogier van der Weyden, das in seiner engen Verbindung von realistischer Schilderung und feierlich-stiller überhöhung zum Vorbild von zahlreichen Wiederholungen und Varianten wurde.

Die Mitte der Komposition bildet der Leichnam Jesu, der als heiliges Kleinod dem frommen Betrachter vor Augen gestellt wird. Drei Figuren rahmen den toten Gottessohn. Die engste Beziehung besteht zwischen Mutter und Sohn. Sie umfängt den Leib des Gekreuzigten, verhaltener Schmerz und gedämpfte Trauer sprechen aus ihren Zügen. Der Lieblingsjünger steht hinter ihr und berührt sie sacht an der Schulter. Josef von Arimathia auf der rechten Seite hält den vom Kreuz herabgenommenen Leichnam Jesu unter den Achseln und weist ihn der Gottesmutter. Der Bildausschnitt ist eng gefasst, die angeschnittenen Figuren sind dem Betrachter nah gerückt. Die in präziser Zeichnung sowie in warmen und goldenen Farben gehaltene Malerei verleiht dem Thema eine mystische Atmosphäre. Charakteristisch für unsere Komposition ist, dass nicht der Vorgang der Abnahme zur Darstellung gelangt. Das Kreuz mit der angelehnten Leiter tritt eher attributiv in den Hintergrund. Es ist auch keine eindeutige Bewegungsrichtung auszumachen, die Gesetze der Schwerkraft sind außer Kraft gesetzt. Vor allem der ausschnitthafte Charakter der Szene befördert die Konzentration auf die Mitte und damit die zeitentrückte Versenkung in das menschliche Leiden des Erlösers. Die Kreuzabnahme Christi wird in den Evangelien nur knapp erwähnt. Die Bildende Kunst hat dieses Motiv jedoch immer wieder ausführlich dargestellt. Geschichte und Themen kennen wir: Häufig sind die Nägel aus dem Leichnam bereits entfernt. Christus sinkt vom Kreuz herab, in die Arme des ihn auffangenden Josef von Arimathia. Seit dem 11. Jahrhundert kommen Assistenzfiguren hinzu. Dazu gehörte zum einen Maria sowie der Apostel Johannes. Erste Darstellungen sind bereits in der karolingischen und ottonischen Buchmalerei zu finden. Als erste monumentale Darstellung im Außenraum gilt das Relief der Kreuzabnahme aus dem frühen 12. Jahrhundert an den Externsteinen.

Die Meditation der Heilstat des Erlösungsopfers und der eucharistischen Geheimnisse gewinnt besonders im Spätmittelalter mit der stark mystisch geprägten Devotio moderna des Geert Groote (*1340, †1384) und der aus seinem Kreis hervorgegangenen Schrift De imitatione Christi an Bedeutung. Von den Niederlanden aus verbreitete sie sich im ganzen nordwestdeutschen Raum. Sie beförderte nachdrücklich die individuelle, nach Vertiefung der Christusfrömmigkeit strebende compassio, welche uns hier in den Gestalten Mariens und des Lieblingsjüngers vorbildlich vor Augen geführt wird.

Die gut erhaltene Tafel befand sich lange Zeit in der Kölner Sammlung Wallraf. Der Sammler vermachte sie 1824 an die Stadt Köln. Sie gehörte zum Bestand des Wallraf-Richartz-Museums in Köln. 1924 wurde sie verkauft und gelangte über den Kunsthandel in die Sammlung von Prälat Franz Wüstefeld, der sie 2006 dem Diözesanmuseum vermachte.

Kreuzabnahme
  • nach Rogier van der Weyden, südliche Niederlande, frühes 16. Jahrhundert
  • Tempera auf Holz − Rahmen neuzeitlich; auf der Rückseite: W.R.M 419 (alte Inventarnummer des Wallraf-Richartz-Museums Köln)
  • H. 66 cm; B. 49 cm; mit Rahmen: H. 78,5 cm; B. 62,5 cm
  • Inv. Nr. M 785
Kreuzabnahme · Foto: Ansgar Hoffmann

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