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Der vergoldete Silberschrein des heiligen Liborius nimmt unter den Schatzstücken des Paderborner Domes einen bevorzugten Platz ein. Er hat die Form einer einschiffigen, von Säulen umstellten Kirche mit Satteldach. Die vordere Schmalseite zeigt in rundbogiger Nische die Darstellung der Kreuzigung: Kruzifix und Assistenzfiguren Maria (links) und Johannes (rechts) sind vollplastisch gebildet; dahinter im Relief der volkreiche Kalvarienberg mit den beiden Schächern vor der turmreichen Kulisse des Himmlischen Jerusalem. Im Giebelfeld darüber die thronende Muttergottes. An den Längsseiten stehen zwölf Apostel (Bronze, vergoldet) mit ihren übergroßen Attributen in den Händen auf kleinen Konsolen vor rundbogigen Muschelnischen zwischen korinthischen Säulen. Die Figur des Apostels Jakobus d. J. an der rechten Längsseite ist mit der des Matthäus auf der anderen Seite vertauscht. Auf der rückwärtigen Schmalseite findet sich im Nischenfeld die lateinische Stifterinschrift: D.O.M. / V.M. / SANCTI LIBORII / PATRONI PADERBORNENSIS MO- / NVMENTVM HOC NOVUM / PRI- / ORE A VESANO MILITE PER / CALAMITOSA TEMPORA INFELICI EXITV SVPRETO, EIVS / HONORI ET PATRIAE HACTE- / NVS DEPLORATAE INCOLVMI- / TATI RESTAV- / RANDIS. WILHELMVS WESTPHAL / ARCHISATRAPA, ET ELISABETH / A LOE, CONIVGES FIERI FECERVNT / ANNO C | C [seitenverkehrt] | C [seitenverkehrt] C XXVII. [zu lesen als MDCXXVII] („Gott dem Allgütigen und Allerhöchsten und der Jungfrau Maria [geweiht]! Dieses neue Denkmal des heiligen Liborius, des Paderborner Schutzpatrons, haben die Eheleute Wilhelm Westphal, Statthalter, und Elisabeth von Loe herstellen lassen, nachdem das alte von rasenden Soldaten in betrüblichen Zeiten mit unglücklichem Ausgang geraubt war, um seine [des heiligen Liborius], †1626) im Jahr 1622. Am 31. Januar traf Christian von Braunschweig in Paderborn ein. Am 1. Februar 1622 nahm er im Paderborner Jesuitenkolleg Quartier und ließ seine Soldaten nach Schätzen suchen. Dabei fiel ihm auch der mittelalterliche vergoldete Silberschrein mit den Reliquien des heiligen Liborius in die Hände. Im Jahre 836 war der Leib des heiligen Liborius von Le Mans, wo er als Bischof im 4. Jahrhundert wirkte und vor 397 gestorben ist, nach Paderborn überführt worden. Aus einer Schätzung goldener Gegenstände des Domes aus dem letzten Drittel des 11. Jahrhunderts, erhalten in einem Sammelband des 11./12. Jahrhunderts der Biblioteca Apostolica Vaticana, Vatikanstadt (Cod. Pal. lat. 482) wissen wir, dass es damals bereits einen goldenen Schrein − scrinium Sancti Liborii − für das kostbarste Heiltum des Domes gab. Da heißt es: „An dem goldenen Schrein des heiligen Liborius 24 Mark Gold“. Den mittelalterlichen Schrein, an dessen Längsseiten gleichfalls Apostelstatuetten standen, ließ Christian zusammen mit dem Sakralgerät, das er in Westfalen erbeutet hatte, in der Münze in Lippstadt einschmelzen und daraus die bekannten „Pfaffenfeindtaler“ prägen; zwei dieser Taler sind an der Stirnseite des Schreins zu sehen. Die Liborius- Reliquien nahm er mit sich, um sie wenig später dem Rheingrafen Philipp Otto von Salm zu übergeben. Dessen Gemahlin bewahrte sie auf Schloß Neuviller südlich von Nancy auf. Zum Zustand der Reliquien heißt es in einem Bericht der kurkölnischen Gesandten P. Friedrich Wachtendonk, S.J. und Landdrost Wilhelm von Westphalen, dem Stifter des neuen Schreins, vom 14. September 1622 an Kurfürst Ferdinand von Bayern, seit 1618 auch Bischof von Paderborn: Di reliquiae an sich selbsten sölten sönsten ubel gehalten worden sein, und weil an sie in dem kasten gefuret, darein das ordinari silbergeschirr gewesen, gantz zerschmettert und zerbrochen. Di Reingrefin soll sie wider durch etliche geistliche haben zusammen legen undt ehrlich verwaren laßen, auch große devotion undt andacht darzu dragen, soll ausgeben, es weren albereit darbey miracula geßchechen. (Schütte [Bearb.] 1998, S. 275f.) Nach fünfjähriger Odyssee kamen die heiligen Gebeine zurück: Sie trafen vom Schloss in Neuhaus kommend am 31. Oktober 1627 in Paderborn ein, wo sie feierlich vor den Toren der Stadt in Empfang genommen wurden. Zu diesem Anlass war der neue Schrein fertiggestellt. Er ist ein Werk des Dringenberger Goldschmieds Hans Krako (*1587, †1648), der ihn auf der hinteren Schmalseite mit seiner Ehre und die bis dahin für verloren gehaltene Unversehrtheit der Heimat wiederherzustellen. Anno 1627“). Darüber ist eine vollplastisch gearbeitete Marienkrönung zu sehen, im Giebelfeld dahinter in Treibarbeit das Familienwappen der Stifter mit Wappenlaub und Helmzier. Laut Inschrift entstand der neue Schrein als Stiftung des in Dringenberg residierenden Landdrosten Wilhelm von Westphalen (*1590, †1656) und seiner ersten Ehefrau Elisabeth von Loe. Ihre gravierten Ahnenwappen − insgesamt 32 an der Zahl − erscheinen auf Medaillons zu Seiten der Stifterinschrift und in der Sockelzone der Längsseiten. Auf den Dachschrägen zwischen Rundmedaillons mit den Reliefs der vier lateinischen Kirchenväter – Augustinus und Ambrosius auf der rechten, Gregor der Große und Hieronymus auf der linken Schräge – sind die beiden Dompatrone im vollen Bischofsornat liegend in der Art mittelalterlicher Grabbilder dargestellt: Liborius mit Stab, Buch und Steinen und Kilian mit Buch und Märtyrerpalme. Die Attribute der Figuren (Palme, Bischofsstab etc.) wurden bei einer früheren Restaurierung im 19. Jahrhundert erneuert. Die Flächen der Schrägen sind mit virtuos getriebenen Puttenköpfen und Schweifwerk dekoriert. Die Köpfe der Putten mit ihren übergroßenStirnpartien sind optisch proportioniert, was auf Untersicht und einen erhöhten Standort des Schreins schließen lässt. An den Ecken des Kranzgesimses sitzen die vier Evangelisten mit ihren Symbolen. Sie schreiben in große Evangelienbücher. First und Traufzone sind mit 19 weiteren kleinen vollplastischen Heiligenfiguren besetzt, dazwischen Zierblüten, an den Enden des Firstes Kreuze (erneuert).

Schrein des heiligen Liborius
  • Silber und Bronze, feuervergoldet, gegossen, getrieben, graviert und punziert; über Holzkern aus Eiche − Deckel original, Schreinkasten erneuert, im Innern mit rotem Samt ausgeschlagen
  • 2009 bis 2011 umfassende konservatorische und restauratorische Maßnahmen am Deckel, Demontage aller Teile, Reparaturen am Holzkern, Schließung von Löchern im Silberblech der getriebenen Liegefiguren, Ergänzung fehlender Teile, Fixierung loser Teile, abschließend feuervergoldet
  • H. 62 cm; B. 133 cm; T. 52 cm
  • Paderborn, Hoher Dom St. Marien, St. Kilian und St. Liborius
  • Inv. Nr. DS 1
Libori-Schrein
Libori-Schrein · Foto: Ansgar Hoffmann
Libori-Schrein, Detail Stirnseite
Libori-Schrein, Detail Deckel
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