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Aus:  TERTIO 7. November 2018, S. 13

Wir bedanken uns herzlich für Genehmigung zur Veröffentlichung!

 

Die Gotik zeigt den Menschen zwischen den Extremen von Freude und Schmerz

Es ist lange her, dass die Gotik im Rampenlicht stand. Und es ist keine leichte Aufgabe, eine erfolgreiche Ausstellung über die bahnbrechenden architektonischen Innovationen und die kulturellen Ideen des Spätmittelalters zu machen. Das bischöfliche Museum von Paderborn hat dies mit erstaunlicher Sachkenntnis vollbracht.

Von Sabine Alexander

Ausgehend von der romanischen Bauphase des Paderborner Doms entfaltet sich die Ausstellung in einer langsamen Spirale, die über die Entwicklungen der norddeutschen Gotik hinaus zu einem künstlerischen Highlight führt: dem sogenannten “Kopf mit der Binde”. Es ist eine außergewöhnlich gefühlvoll modellierte Skulptur, die aus diesem Grund auch auf dem Plakat zu sehen ist. Der Kopf wurde 1914 im Mainzer Domkloster entdeckt und muss zusammen mit dem später gefundenen Arm und dem Knie zu einer lebensgroßen Steinfigur gehört haben, die als „menschlicher Schlussstein“ mit gestreckten Armen und Beinen am Rippengewölbe der Eingangshalle des westlichen Querschiffs angebracht war. Ein Text von 1729 beschreibt, wie die Figur mit den Symbolen der Tugenden umgeben war und einen Drachen und einen Löwen unter den Füßen hatte.

Neues Menschenbild

Die Wissenschaftler stehen noch immer vor einem Rätsel, denn dieser anthropomorphe Schlussstein ist einzigartig und möglicherweise eine Erfindung des Meisters von Naumburg. Auch diese Zuschreibung bleibt unsicher, basiert sie doch auf Vergleichen mit anderen Arbeiten des Meisters. Wie dem auch sei, diese Figur, die auch sehr realistisch farbig gefasst war, muss bereits im 13. Jahrhundert viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben und wegen ihrer ungewöhnlichen Anbringung und ihres seelenvollen Gesichtsausdrucks vielfältige Emotionen ausgelöst haben.

Ihr Kopf ist bereits beispielhaft für das neue Menschenbild der Gotik, das in der Ausstellung mit zahlreichen anderen Skulpturen aus dem 13. Jahrhundert veranschaulicht wird. Die Imad Madonna von Paderborn (gestiftet zwischen 1051 und 1058 für den Dom) eröffnet die Ausstellung und zeigt, wie anders – geschlossen, frontal, würdevoll, symbolisch, stilisiert und unbeweglich – die Bildsprache der Skulptur in der Zeit vor der Gotik war. Die Madonna entstand in einer Zeit radikaler Kirchenreformen und ist eine der ältesten monumentalen Darstellungen der Sedes Sapientiae, der thronenden Madonna mit Kind, die symbolisch für die Kirche stand, in der abendländischen Kunst. Die Statue war ein Geschenk von Bischof Imad und nahm einen besonderen Platz ein in der Kathedrale, die nach dem verheerenden Stadtbrand

von 1058 sofort von demselben Bischof wieder aufgebaut wurde. Dass dieses solide Gebäude eineinhalb Jahrhunderte später abgerissen wurde, um es durch eine Kirche im zeitgenössischen Stil zu ersetzen, zeugte von großer Zuversicht und einem zukunftsorientierten Blick.

Die mächtige Familie der Herren zur Lippe

Der neue Dom wurde im spätromanischen Stil geplant. Der Bau wurde jedoch erst begonnen, als die Adelsfamilie der Herren zur Lippe nicht nur ihre weltliche Macht ausgeweitet hatte, sondern auch immer mehr Schlüsselpositionen in der Kirche besetzte. Nicht weniger als 8 der 12 Kinder von Bernhard II. zur Lippe (um 11401224), dem Begründer der Landesherrschaft Lippe gehörten dem Klerus an und ließen Kirchen errichten und renovieren. Daraus ergab sich ein Baustil mit verwandten architektonischen und dekorativen Merkmalen, der sich von Westeuropa über die Niederlande bis in die baltische Region erstreckte. In Paderborn wurde Bernhard IV. 1228 aus dem Hause Lippe Bischof, 1247 gefolgt von seinem Neffen Simon I. und dreißig Jahre später von einem anderen Familienmitglied, Otto von Rietberg, der bei der Fertigstellung des neuen Doms um 1280 Bischof war. Unter den Lippern entwickelte sich die Kathedrale zu einem Gebäude im gotischen Stil. 

Gotik-Transfer durch maßstäbliche Architekturzeichnungen

Der schnelle Aufstieg der Gotik in den deutschen Gebieten ist ohne direkten Einfluss aus Frankreich undenkbar. Über den Baumeister und die Maurer, die 1230 in Paderborn eintrafen und mit der Architektur der französischen Kathedrale, insbesondere der von Reims, bestens vertraut waren, ist nichts bekannt. Die wenigen Überreste von Architekturzeichnungen – wie das fast verwischte Palimpsest mit Fassadenzeichnungen und architektonischen Details der Kathedrale von Reims und der einzigartige Grundriss, der 1944 in der Kirche Unserer Lieben Frau in Trier gefunden wurde – lassen vermuten, dass die Maurer den gotischen Stil, der durch sein Höhenstreben und seine Maßwerkfenster ziemlich komplex war, dank dieser Art von Zeichnungen richtig umsetzen konnten. Die neuen Maßzeichnungen hatten zudem den Vorteil, dass bereits im Winter, wenn die Baustelle stilllag, Bauelemente für die kommende Saison vorgefertigt werden konnten.

Die Architektur wurde zum Bildträger, wobei die monumentalen Skulpturen durch ihren emotionalen Ausdruck mit dem Gläubigen in einen lebendigen Dialog traten, was eine Neuheit der Gotik war. Engel, deren Mundwinkel sich zu einem feinen Lächeln verzogen und thronende Madonnen, die sich liebevoll ihrem Kind zuwandten, zeigten die Befreiung vom Majestätischen zugunsten einer psychologischen Interaktion und Darstellung von Gefühlen. Gelächter, Trauer und Schmerz spielten in der Kunst der Gotik eine wesentliche Rolle. Der Mensch wurde nicht mehr als eine Distanz gebietende Figur dargestellt, sondern lebensecht als unruhiges, kompliziertes und verletzliches Wesen dargestellt, dessen Zeit auf Erden sich zwischen den Extremen von Freude und Schmerz bewegte. Der Stolz des Mittelalters auf alle technischen und stilistischen Realisierungen der Gotik zeigte sich nicht zuletzt im Reichtum und Vielfalt anspruchsvoller architektonischer Elemente zur Ausgestaltung der ganz auf Schaufrömmigkeit ausgelegten Liturgie und an den zahlreichen Reliquienschreinen.

Zeitgeist

Kuratoren richten ihren thematischen Schwerpunkt nach dem Zeitgeist aus. Das schien schon bei den Ausstellungen um Peter Paul Rubens, Adriaen Brouwer und Gustav Klimt durch, es wurde auch in Paderborn deutlich: Innovationen in Kunst oder Architektur haben sich schon immer wie ein Lauffeuer in Europa verbreitet. Keine Grenze, Religion oder Sprachbarriere konnten das verhindern. Und was noch wichtiger ist: Die ständige Verbreitung von Ideen und Techniken führte zu gegenseitigen Befruchtungen, die den Erfindergeist weiter anregten. Die Tatsache, dass Reisen und Migration ein wichtiger Motor für die Entwicklung sind, klingt wie ein Basso continuo durch unsere gesamte Geschichte und auch durch diese hervorragende Ausstellung zur Gotik.

Übersetzung aus dem Niederländischen: Claria Stiegemann

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