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Ein Beitrag von Museumdirektor Christoph Stiegemann

 

Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum Bild: Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen
Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum Bild: Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen

Liebe, Sinnenlust und pralles Leben! Solche Begriffe kommen einem in den Sinn, wenn man an Peter Peter Paul Rubens (1577-1640) und seine Kunst denkt. Die sinnlich-opulente „Rubens-Figur“ ist geradezu sprichwörtlich geworden. Rubens – der Superstar des flämischen Barock: großartig sein Auftritt als Malerfürst mit riesigem Atelier und europaweiter Ausstrahlung, seine Karriere als Hofmaler und Diplomat.

Nicht nur Sinnlichkeit und Glamour

Doch es gab nicht nur fortune and glory in Rubens’ Leben. Das ist nur die eine Seite der Medaille, die glanzvolle Fassade, die unseren Wunsch nach Glamour befriedigt, letztlich aber nur Klischees bedient. Die Lebenswirklichkeit jener Zeit sah anders aus. Antwerpen und die spanischen Niederlande unter der Furie des 80jährigen Spanisch-niederländischen Krieges litten unter extremer wirtschaftlicher Not und furchtbaren Seuchen. 1608 wurde endlich ein Waffenstillstand ausgehandelt; Rubens der in Italien weilte, kehrte nach Antwerpen zurück.

Die große Liebe und der schwarze Tod

Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube; Peter Paul Rubens, um 1609; Öl auf Leinwand 179 × 136,5 cm; Alte Pinakothek
Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube; Peter Paul Rubens, um 1609; Öl auf Leinwand 179 × 136,5 cm; Alte Pinakothek; Quelle: Pinakothek – Bayerische Staatsgemäldesammlungen  (CC BY-SA 4.0)

Er heiratete Isabella Brant am 3. Oktober 1609. Mit dem Verlobungsgemälde, dem berühmten Doppelbildnis in der Geißblattlaube, heute in der Alten Pinakothek in München,  hat er dem jungen Glück ein Denkmal gesetzt und sie dadurch unsterblich gemacht. Isabella  schenkte ihm drei Kinder. Ihr erstes Kind Clara Serena, 1611 geboren und von Rubens liebevoll porträtiert starb bereits im Kindesalter mit 12 Jahren im Jahr 1623. Der Tod des Mädchens hat den Familienmenschen Rubens schwer getroffen. Drei Jahre später 1626 starb dann auch noch seine Frau Isabella, vermutlich an der Pest. Sie war erst 34 Jahre alt. Durch ihren Tod wurde die harmonische Ehe abrupt beendet. Rubens war untröstlich. Er schrieb an einen Freund: „Ich hoffe, dass mir die Zeit gibt, was eigentlich der Verstand tun sollte, denn ich kann mir nicht vorstellen, jemals stoischen Gleichmut zu erlangen… ich habe eine hervorragende Lebensgefährtin verloren, die man wirklich aus tiefstem Herzen liebhaben konnte, ja musste…”.

Pest in Paderborn

Gedenkkreuz auf Pestfriedhof bei Leiberg
Gedenkkreuz auf Pestfriedhof bei Leiberg/Kreis Paderborn. Foto Kalle Noltenhans

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie horcht man auf: Isabella Brant verstarb an der Pest! Neben den Kriegsgräuel waren es auch in der frühen Neuzeit insbesondere die Seuchenzüge, allen voran die Pest, die während des Dreißigjährigen Krieges die ohnehin ausgebluteten Länder des Reiches heimsuchte und die Mortalität in die Höhe trieb. In Corona-Zeiten ist es gut, daran zu erinnern. 1635/36 grassierte die Pest auch im Hochstift. Allein in der Markkirchpfarrei St. Pankratius in Paderborn wurden in der Zeit vom 16. Mai bis zum 7. November 1636 insgesamt 431 Menschen von der Seuche hinweggerafft. Eine Pestordnung gab es nicht, das einzige Gegenmittel bestand darin, dass die Beerdigung der Pesttoten innerhalb der Stadt auf dem Domkirchhofe untersagt wurde. Noch heute gibt es Pestfriedhöfe bei Neuenbeken, Dörenhagen und Leiberg, wo ein eindrucksvolles Pestkreuz an das große Sterben des Jahres 1635 erinnert, als Leiberg  – der Überlieferung zufolge – 400 Menschen durch die Seuche verlor.

Sechs Jahre genügten, um die Kunst zu revolutionieren …

Umso erstaunlicher der Aufbruch nur sieben Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, als der durch den Großmeister Peter Paul Rubens geprägte flämische Barock seinen Einzug in Paderborn hielt, wo die beiden aus Antwerpen stammenden Künstler-Brüder, der Bildhauer Ludovicus Willemssens und der Maler Antonius Willemssens in den Jahren 1655-1661 die großartigen Barockaltäre für den Paderborner Dom schufen. Sechs Jahre genügten, um die Kunst zu revolutionieren. Von  hier aus verbreitete sich der flämisch geprägte Barock in ganz Nordwestdeutschland. Damals war Paderborn on top – seiner Zeit voraus, international vernetzt; was wieder einmal beweist, wie wichtig der Austausch über Grenzen hinweg ist, die Kontaktpflege zwischen Auftraggebern und Künstlern – damals wie heute Kunsttransfer im großen Stil im europäischen Kontext!

Bildfragmente im Kartoffelregal

Vorlage für Anzeige zur Ausstellung "Peter Paul Rubens und der Barock im Norden"
Vorlage für eine Anzeige zur Ausstellung “Peter Paul Rubens und der Barock im Norden”

Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ sollte die letzte große internationale Ausstellung werden, die wir mit dem hervorragenden Team des Museums in meiner Amtszeit als Museumsleiter im Diözesanmuseum realisieren. Das Thema hat mich bereits als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter fasziniert, als der damalige Dompropst Hans Leo Drewes 1984 die Fragmente der  kriegszerstörten Altärblätter in den Kartoffelregalen der Dompropstei wiederfand. Also dachte ich, ich höre auf wie ich angefangen habe, mit einer großen Ausstellung. Ursprünglich war die Eröffnung für den 29. Mai 2020 geplant; hochbedeutende Werke des großen Antwerpener Meisters sind zugesagt; insbesondere die Modelli für seine großen Altarwerke verraten seine überragende künstlerische Meisterschaft. Besonders gefreut haben wir uns über die Zusage des großen Engels von Peter Paul Rubens von 1610/11 aus der Walburga-Kirche in Antwerpen, der sich heute im Institut of  Arts in Flint, Michigan /USA befindet und der als ‚key visual‘ für die Ausstellung wirbt. Neben grandiosen Werken Rubens‘ und seiner Schüler sollte die Rekonstruktion des durch die Bomben vor 75 Jahren zerfetzten Hochaltargemäldes der „Anbetung der Hirten“ von Antonius Willemssens aus dem Dom den regionalen Bezugspunkt bilden.

 Rubens auf Reisen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Corona macht uns da einen Strich durch die Rechnung. Wir werden die Eröffnung in den Sommer verschieben, wenn Kunsttransporte und Kurier-Reisen aus den USA und in Europa aus Frankreich, England, Dänemark, den Niederlanden, Belgien  und Österreich wieder möglich sein werden und endlich der Corona-Albtraum weicht. Mit entsprechender Besucher-Kontingentierung, Maskenpflicht und Sicherheitsabstand wird der Besuch der Rubens-Ausstellung möglich sein. Also: aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Wir brauchen die Kunst und die Kunst braucht uns.

I have a dream: wo uns schon das weltliche Liborifest in diesem Jahr versagt bleibt – „ein Stich ins Herz des Paderborners“, wie Bürgermeister Michael Dreier es auf den Punkt brachte –  kann Peter Paul Rubens in Paderborn vielleicht ein Hoffnungsschimmer sein, der Mut macht auch heute wie damals in den schweren Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg das Schicksal zu wenden. Nichts ersehnen wir mehr, als dass die Zeit der virtuellen Surrogate endlich vorbei sei. Wir brauchen die Kunst und die Kunst braucht uns. Die Künste vermögen es, durch Wahrnehmung zu kommunizieren und komplexe Themen zu veranschaulichen. Fehlt die Kunst, dann fehlen neue Perspektiven und Utopien. Beides brauchen wir gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir Kontakte meiden sollen. Umso mehr brauchen wir die Künste. I have a dream: Peter Paul Rubens zu Libori in Paderborn!

Christoph Stiegemann, 2019, Foto: Noltenhans
Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Foto: Noltenhans

Prof. Dr. Christoph Stiegemann ist seit 1990 Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn. Er übernahm 1994 zusätzlich die Leitung der Fachstelle Kunst im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn sowie den Vorsitz der Kunstkommission. 1998 wurde er zum Kustos des Paderborner Domes ernannt. Im Sommer 2020 endet Christoph Stiegemanns langjährig Tätigkeit als Direktor des Diözesanmuseums.


Titelbild: Peter Paul Rubens: Das Martyrium der hl. Lucia, um 1610/1620, Quimper, Musée des Beaux-Arts de Quimper; Bildnachweis: bpk / RMN-Grand Palais / Mathieu Rabeau

Christophorus! An seinem Namenstag, dem 24. Juli erläuterte Christoph Stiegemann, Direktor des Diözesanmuseums, vor großem Publikum die riesenhafte Statue des Heiligen Christophorus im Dom. Anschließend sprach Prof. Dr. Norbert Reimann, bis 2008 Leiter des Westfälischen Archivamtes in Münster, im Diözesanmuseum noch über das Thema „Die Familie von und zu Brenken und das Paderborner Domkapitel“.

Übrigens: Der Heilige Christophorus ist auch als Schutzheiliger der Reisenden bekannt.

 

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