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Die Kuratorinnen Dr. Christiane Ruhmann (li.) und Dr. Karin Wermert bei der Skulptur „It is, it isn‘t“ von Tony Cragg. Foto: ©DiözesanmuseumPaderborn/Bezim Mazhiqi

Auf der obersten Ebene des Diözesanmuseum erwartet die Besucher*innen Überraschendes. Wie schon bei den großen Ausstellungen zu den „Wundern Roms“ oder der Caritas ist auch bei „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ wieder Zeitgenössisches zu sehen. Gemeinsam mit Museums-Direktor Christoph Stiegemann hat Christiane Ruhmann diese Ausstellungsabteilung kuratiert.

Klangvolle Namen – kraftvolle Werke

An der Stirnwand hängt ein großer Farbwirbel, er stammt von Gerhard Richter, dem wohl bekanntesten deutschen Künstler der Gegenwart. Den Raum davor dominiert eine imposante, dynamisch gedrehte Säule des international renommierten Bildhauers Tony Cragg. Mit der wandfüllenden Schwarz-Weiß-Arbeit „Komm, du süße Todesstunde“ greift die Grande Dame der Konzeptkunst Rune Mields das Thema der „ars moriendi“ – der „Kunst des Sterbens“ auf. Der belgische Multimedia-Künstler Hans Op de Beeck ist mit zwei poetischen Video-Arbeiten vertreten und – wie schon bei vergangenen Ausstellungen – sind wieder Werke des Münchner Foto- und Videokünstlers Christoph Brech zu sehen. Installationen des polnischen Künstlers Dominik Lejman, der britischen Regisseurin und Künstlerin Sam Tayler-Johnson und der deutschen Videokünstlerin Sonja Toepfer thematisieren das ewige Werden und Vergehen.

Selbst-Inszenierung

Warum zeigen Sie zeitgenössische Arbeiten in einer Barock-Ausstellung, Frau Ruhmann? „Unsere Ausstellungen präsentieren ihr jeweiliges Thema immer sehr dicht und mit einer Fülle von Exponaten, da haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, wenn die Besucher*innen am Ende eine Abteilung finden, mit der sie assoziativer, spielerischer umgehen können und die ihnen vielleicht das in ferner Vergangenheit liegende Thema ein wenig in ihre eigene Gegenwart spiegelt“, erklärt die Kuratorin. „Wir schauen also immer, ob es Bezugspunkte in der aktuellen Kunst gibt, ob und wo sich unser Thema in der heutigen Zeit wiederfindet. Natürlich ist unsere Auswahl sehr ausstellungs- und auch Kuratoren-bezogen, andere Kuratoren würden das vielleicht ganz anders machen. In der Ausstellungsvorbereitung haben wir erwartete, aber auch unerwartete Ähnlichkeiten zwischen dem Barock und unserer Zeit gefunden. Zum Beispiel ist dem Barock die ganze Welt ein Theater. Man war vom Schöpfer in der Welt platziert worden und hatte ein seinem Stand entsprechendes Leben zu führen. Das „Sich-selbst-inszenieren“ – nun in einer selbst gewählten Rolle ? – ist etwas, das heute für viele Menschen wieder stark im Vordergrund steht.“

Blick in die Ausstellung "Peter Paul Rubens und der Barock im Norden". Foto ©DiözesanmuseumPaderborn/Bezim Mazhiqi
Blick in die Ausstellung “Peter Paul Rubens und der Barock im Norden”. Foto ©DiözesanmuseumPaderborn/Bezim Mazhiqi

Das große Welttheater

Die Metapher des „Großen Welttheaters“ bildet in der Rubens-Ausstellung die Überleitung zur Abteilung „Aktualität des Barock“. Es ist eine Chiffre, die im Barock allgegenwärtig ist und von Wissenschaftlern ebenso in Anspruch genommen wird, wie von Künstlern und Politikern. Im gleichnamigen Theaterstück des spanischen Dichters und Dramatikers Pedro Calderón de la Barca wird die irdische Wirklichkeit als Inszenierung des göttlichen Regisseurs gezeigt. Was im Diesseits wichtig erscheint, wird hier als vergänglich, als Schein und Maskerade entlarvt. Ist da eine Verbindung zwischen dem Barock und unserer Zeit zu finden? Christiane Ruhmann deutet auf eine Vitrine: „Wir zeigen eine Handschrift von Calderón de la Barcas „Das große Welttheater“. Dort betreten die Menschen durch die Tür des Lebens die Bühne, agieren in ihrer Rolle und treten durch die Tür des Todes wieder ab. Der Schöpfer entscheidet, ob sie das gut gemacht haben und einen Platz an der Tafel des Herrn bekommen. Heute kreieren Menschen ihre Rollen, zum Beispiel die Influencer im Internet, um sich darzustellen, zu präsentieren, in Szene zu setzen. Da geht es wohl nicht mehr darum die ewige Seligkeit zu erlangen, sondern um möglichst viele Likes. Dieses Repräsentieren und das Einnehmen einer bestimmten Rolle, das ist aber schon sehr barock.“

Rune Mields „Komm, du süße Todesstunde"; Presse-Preview der Ausstellung"Peter Paul Rubens und der Barock im Norden". Foto ©DiözesanmuseumPaderborn/Bezim Mazhiqi
Rune Mields „Komm, du süße Todesstunde”; Presse-Preview der Ausstellung “Peter Paul Rubens und der Barock im Norden”. Foto ©DiözesanmuseumPaderborn/Bezim Mazhiqi

Die ewigen Fragen

Der Künstler Hans Op de Beeck setzt das in seinen Arbeiten poetisch-theatralisch in Szene. In seinem Video „Parade“ betreten Menschen in den unterschiedlichsten Ausstattungen eine Bühne, überqueren sie, um sie auf der anderen Seite gleich wieder zu verlassen. Unsichtbare Hände heben von oben die jeweils passende Kulisse ins Bild. Schaut man dem eine Weile zu, wird deutlich: Der Künstler vermag es bewunderungswürdig, beim Betrachter die Frage nach dem Sinn und auch nach sich selbst auszulösen: Warum bin ich in diese Welt gestellt? Was tue ich hier?

„Was mich auch fasziniert, ist die Behandlung des Todes im Barock“, sagt Christiane Ruhmann. „Da heißt es ‚pflücke den Tag‘, ‚das Leben ist kurz‘ oder ‚stirb auf die richtige Art und Weise‘. Die ‚Kunst des Sterbens‘ – das ist sehr barock. Heutzutage will das keiner mehr wissen, ich schließe mich da ein. Man möchte sich nicht damit auseinandersetzen, wie es am Ende aussieht.“ Mit diesen Themen setzt sich auch Rune Mields auseinander, wenn sie in ihrer Arbeit „Komm, du süße Todesstunde“ Johann Sebastian Bachs gleichnamige Kantate mit einer menschlichen Figur und einem Skelett in Beziehung setzt. Sie ruft die Gegensätze auf: Leben und Tod, Lust und Last, Rosen und Dornen und betont diesen Dualismus durch den Gegensatz von Schwarz und Weiß. Doch Mensch und Tod umarmen sich – der Tod wird so zum Teil des Lebens.

Die Kunst und die Kraft der Wirbel

Kuratorin Christiane Ruhmann hat sich, bei ihrer Suche nach zeitgenössischen Arbeiten, durch Aspekte des Theatralischen und die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit leiten lassen. Auch das Phänomen der Überwältigung des Betrachtenden – Peter Paul Rubens beherrschte das perfekt – wurde zum Anknüpfungspunkt. In einer für die meisten Menschen bilderlosen Zeit verstand er es, sie förmlich in seine Gemälde hineinzuziehen. Großartig zeigt sich das bei der „Beweinung Christi“. „Du wirst zum Teil dieses Gemäldes, du sollst im Geschehen sein und den toten Christus betrauern, auf die Knie sinken und das Leiden unmittelbar mitempfinden. Diese Auflösung des Raumes zwischen Betrachtendem und Bild, dieses Gefangensein im Bild, das ist etwas, was mich an der Barock-Zeit sehr fasziniert“, betont Christiane Ruhmann und beschreibt, wie Rubens schon in den kleinen Vorstudien diese Wirkung anlegt: „Wenn man seine Zeichnungen und seine Modelli betrachtet, dann sieht man den Schöpfungsprozess unmittelbar. Man nimmt plötzlich gar nicht mehr so sehr das Dargestellte wahr, sondern die Art, wie es gemacht ist.“ Am Beispiel der Ölskizze von Rubens für ein Deckenfresko in der Jesuitenkirche in Antwerpen wird das deutlich. Das Motiv ist das Martyrium der hl. Lucia: „Sie ist an einen Pfahl gefesselt, aber die Szene hat etwas sehr Abstraktes, Wirbelndes, das dreht sich, das fliegt irgendwie nach oben weg“, beschreibt Christiane Ruhmann. „Hier sieht man, wie Rubens das Werk konzipiert hat. Diese Konzeption hat für mich sehr viel Ähnlichkeit mit der abstrakten Arbeit von Gerhard Richter, die wir hier ausstellen.

Werke von Gerhard Richter, Tony Cragg, Christoph Brech und Sam Tayler-Johnson in der Paderborner Rubens-Ausstellung 2020. Foto: ©DiözesanmuseumPaderborn/Bezim Mazhiqi
Werke von Gerhard Richter, Tony Cragg, Christoph Brech und Sam Tayler-Johnson in der Paderborner Rubens-Ausstellung 2020. Foto: ©DiözesanmuseumPaderborn/Bezim Mazhiqi

Der Schöpfungsprozess wird sichtbar

Richter hat einen Quadratzentimeter seiner Palette fotografiert, das Bild an die Wand projiziert und es dann mit großer Geste nachempfunden, nachgeschaffen. Auch hier ist das Ergebnis ein wirbelndes, vielleicht auch transzendentes und es changiert zwischen Malerei und Fotografie. Ausgangspunkt des Schöpfungsprozesses ist – übrigens genauso, wie mitunter bei Hans Makart (1840 – 1884), nach dem Richter sein Werk benannt hat – die Palette des Künstlers. Sowohl Richter als auch Rubens setzen sich also für das Publikum nachvollziehbar mit Schöpfungsprozessen auseinander – eine spannende Übereinstimmung, verändert durch den Lauf der Zeit. Hier habe ich mich oft gefragt, was wohl Herr Rubens zu Herrn Richter gesagt hätte. Die Kunst der Überwältigung mit den Mitteln der Malerei beherrschen sie jedenfalls beide.“

Auch die Skulptur von Tony Cragg ist „überwältigend“ – ein Wirbel, ein hölzerner, mitreißender Wirbelsturm scheint zwischen den anderen Kunstwerken durch den Raum zu fegen. Sein Titel: „It is, it isn‘t“ – „Es ist, es ist nicht“ – oder „halb im Unentschlossenen schweben“, wie Calderón de la Barca es in seinem großen Welttheater“ formulierte.

Hans Op de Beeck, Celebration, 2008, Video 16:9; Foto: Studio Hans Op de Beeck
Hans Op de Beeck, Celebration, 2008, Video 16:9; Foto: Studio Hans Op de Beeck

Die Abteilung zur Aktualität des Barock und damit auch die Ausstellung enden opulent, aber auch ergebnisoffen mit Hans Op de Beecks zweiter Arbeit: „Celebration“. Zu sehen ist ein lebendiges Bild mit einer langen, festlich gedeckten Tafel inmitten einer Wüstenlandschaft. Service-Personal steht erwartungsvoll bereit. Die weiße Tischdecke bewegt sich leicht im Wind, manchmal sind Vögel zu hören. Einzig die Gäste fehlen. Ist man hier eingeladen teilzunehmen …?

 

 

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

Titelfoto: Die Abteilung “Aktualität des Barock” gespiegelt in der Arbeit “Punto di Vista” von Christoph Brech. Foto:  ©DiözesanmuseumPaderborn/Kalle Noltenhans

Erste Skulpturen für große Rubens-Ausstellung in Paderborn eingetroffen

In dieser Woche sind die ersten barocken Skulpturen für die große Rubens-Ausstellung  des Diözesanmuseums in Paderborn eingetroffen. Die insgesamt sechs Skulpturen stammen von renommierten Leihgebern aus den Niederlanden, darunter von den Königlichen Sammlungen (Koninklijke Verzamelingen) in Den Haag. Sie wurden von dort aus auf direktem Weg in die Restaurierungswerkstätten der Firma ars colendi gebracht, wo sie am Mittwoch vom Team des Diözesanmuseums Paderborn, darunter Direktor Prof. Dr. Christoph Stiegemann, und den Restauratoren in Empfang genommen wurden. Nach der Begutachtung werden die Skulpturen an einen klimatisierten Ort gebracht, wo sie notwendigen konservatorischen Maßnahmen unterzogen werden, damit sie pünktlich zur Eröffnung der großen Sonderausstellung „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ (ab 29.5.2020) in vollem Glanz erstrahlen können.

Barocke Skulpturen aus der kriegszerstörten Kirche St. Lambertus in Wouw (NL)Zeugnis vertrauensvoller Zusammenarbeit 75 Jahre nach Kriegsende
Peter Paul Rubens hat zwar selbst keine Skulpturen entworfen, doch beeinflusste der große Antwerpener Maler auch die barocke Formensprache der flämischen Bildhauer maßgeblich. Zu diesen zählte der Antwerpener Künstler Ludovicus Willemssens, der zusammen mit seinem Bruder Antonius im direkten Umkreis von Rubens gearbeitet hatte. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts gingen beide für sechs Jahre nach Paderborn, um den Dom nach aktuellem, vom flämischen Barock inspirierten Zeitgeschmack neu auszustatten. Von dem einstigen reichhaltigen Skulpturenschmuck des Paderborner Doms haben nur zwei Figuren die Kriegszerstörung überlebt, die auch in der Ausstellung zu sehen sein werden. Zurück in Antwerpen, führte Ludovicus zahlreiche Aufträge aus, darunter jene Figuren, die später das Chorgestühl von St. Lambertus im niederländischen Wouw schmückten. Bevor die Kirche 1944 in den Rückzugsgefechten der Scheldeschlacht völlig zerstört wurde, konnten die wertvollen Skulpturen im Boden vergraben werden. Nur aus diesem Grund blieben sie erhalten. In der Rubens-Ausstellung können nun 5 Figuren dieses barocken Ensembles gezeigt werden, darunter die Personifikationen des Glaubens und der göttlichen Liebe sowie weitere Heiligenfiguren. Sie belegen nicht nur die Bedeutung Willemssens‘ für die flämische Barockskulptur. Die Ausleihe der Figuren unterstreicht zugleich das besondere Vertrauensverhältnis zwischen dem niederländischen Leihgeber, der Pfarrei Unserer Lieben Frau in Wouw, und dem Diözesanmuseum. „75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dessen Zerstörungswerk Deutschland in Gang setzte, sind wir überglücklich und dankbar für diese bedeutenden Leihgaben und die freundschaftliche Zusammenarbeit“, sagt Museumsdirektor Stiegemann. Den Transport begleitet hat Wim Brooijmans, Mitglied des Kirchenvorstandes der Pfarrei von Unserer Lieben Frau.

Barocke Impulse aus Rom – Der Heilige Ignatius
Bei der rund zwei Meter großen und 800 kg schweren Marmorskulptur des Hl. Ignatius von Loyola aus den Königlichen Sammlungen in Den Haag, die ebenfalls gut verpackt bei ars colendi angeliefert wurde, handelt es sich um eine frühe, überaus kunstvoll gearbeitete Figur des Gründers des Jesuitenordens, des Hl. Ignatius von Loyola, durch einen Antwerpener Meister – vermutlich Andries de Nole (1570-1636). Sehr schön werden hier die europaweiten Verbindungen in der Zeit des Barock sichtbar: In Rom, in der Kirche Il Gesù, dem Gründungsbau der Jesuiten, ist erstmals jene Formsprache des Barock belegt, von der Rubens während seiner frühen Jahre beeinflusst wurde und die er mit nach Antwerpen brachte. Die überlebensgroße Figur wird zusammen mit weiteren bedeutenden Exponaten, darunter das große restaurierte Paderborner Dom-Altargemälde, im Eingangsbereich der Ausstellung zu sehen sein. Sie steht für den Einfluss der Jesuiten auf die barocke Erneuerung, die von Rom über Antwerpen bis nach Paderborn ausstrahlte. Auf seiner Reise von Den Haag nach Paderborn wurde der Hl. Ignatius begleitet durch Sander Wolterink, den zuständigen Sammlungsmitarbeiter der Koninklijke Verzamelingen.

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