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Die Sandsteinfigur gehört zu den schönsten Bildwerken des Diözesanmuseums. Nur etwa einen Steinwurf vom Museum entfernt lag das ehemalige, 1229 gegründete Zisterzienserinnenkloster im Bezirk der Gaukirche. Die Zisterzienser pflegten seit jeher eine besonders ausgeprägte Marienverehrung, ihr Ordensgründer Bernhard von Clairvaux gab wichtige Anstöße zur Marienmystik. So verwundert es kaum, dass diese so außergewöhnliche Unterweisung Mariens aus diesem Paderborner Frauenkloster stammt. 1427 erhielt das ebenfalls als Pfarrkirche dienende Gotteshaus einen neuen Altar zu Ehren der heiligen Mutter Anna. Ob die Figur nun für diesen bestimmt war oder ob sie doch eher als Andachtsbild für die Schwestern im Kloster gedient hat, bleibt offen. Die Szene, in der Anna ihrer Tochter das Lesen lehrt, ist weder in der Annenlegende noch in Beschreibungen zur Kindheitsgeschichte Mariens zu finden. Vielmehr dürfte die Herausbildung dieses Bildthemas in dem theologischen Diskurs um die Unbefleckte Empfängnis Mariens (Immaculata Conceptio) begründet sein: Einerseits wurde die Reinheit Mariens ins Wunderbare überhöht, andererseits versuchte man, durch die Einführung seiner Vorfahren, die menschliche Natur Christi in den Vordergrund zu rücken. Die äußert fein in Sandstein gehauene Figurengruppe zeigt die Mutter Anna mit ihrer Tochter auf einem Rasenstück stehend, das zur rechten Seite hin leicht abschüssig ist. Mit festem Stand und in aufrechter Körperhaltung wendet sich Maria in tiefer Konzentration dem aufgeschlagenen Buch zu, das sie mit der Linken festhält, während sie mit einem Griffel in ihrer rechten Hand auf eine bestimmte Stelle weist. Dabei berührt sie fast den Zeigefinger ihrer Mutter. Anna scheint ebenfalls genau diese Textstelle im Blick zu haben. Ihre rechte Hand stützt in gleicher Manier, wie es bei Maria zu sehen ist, das Buch, dessen aufgeschlagene Seiten, sich leicht aufblähen. Die Mutter ist im Vergleich zu ihrer bereits zur Frau heranwachsenden Tochter größer dargestellt. Daher neigt sie ihren Körper in einer leichten Bewegung dem Buch entgegen, das das Zentrum der Figurenkomposition bildet und gleichsam Bindeglied zwischen Mutter und Tochter ist. Auf welche Textstelle in der Heiligen Schrift die beiden weisen, mag ein Blick auf die Tafel eines ostenglischen Marienaltares (heute im Musée Cluny, Paris, Abb. in Schiller 1980, S. 335) verraten, die dieses Bildmotiv bereits ein Jahrhundert zuvor zeigt: Dort ist aus dem Psalm 45,11–12 zu lesen: Audi, filia, vide et incline aurem tuam qiua concupiscent rex decorum tuam („Höre, Tochter, siehe und neige dein Ohr. Der König verlangt nach Deiner Schönheit.”)

Diese Zeilen wurden im Speculum Virginum (Jungfrauenspiegel), einem im 12. Jahrhundert verfassten und später viel gelesenen Werk zur geistlichen Unterweisung von Frauen, kombiniert mit der Aufforderung: „Höre, sage ich, indem du die göttlichen Gesetze beachtest, (…) und siehe was er verspricht, damit du dich so seiner Lehre hinwendest, um das zu erlangen, was versprochen wird.“ Die mittelalterliche Fassung der Figur, die möglicherweise auf der Nonnenempore des Zisterzienserinnenkonventes gestanden hat, ist leider nur in Resten erhalten. So können wir nicht wissen, auf welche Stelle im Psalmentext die beiden Frauen hier zeigen. In der genannten englischen Tafel aber ist es das Wort rex, was die Bildkomposition auf ihren eigentlichen Sinngehalt hinführt: Der König ist Christus, das fleischgewordene Wort (Joh 1,14). Diese Interpretation mag auch für die Bildidee der Paderborner Gruppe gelten: „Höre Tochter, siehe und neige Dein Ohr“. Es hat den Anschein als wolle die junge Maria diesem Aufruf folgen, sie neigt ihr gemessen an Auge und Mund größer dargestelltes Ohr, den Blick mit Anna zusammen fest auf das Wort Gottes gerichtet.

U.F.

  • Aus dem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Paderborn
  • Westfalen (?), Viertel 15. Jahrhundert
  • Baumberger Sandstein mit Fassungsresten – H. 62 cm; B. 38 cm; T. 19 cm
  • Inv.Nr. Sk 72
Unterweisung Mariens aus dem ehem. Zisterzienserkloster Paderborn Foto: Ansgar Hoffmann
Unterweisung Mariens, Detail
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