Überspringen zu Hauptinhalt
  • Gert van Lon, Geseke, um 1520/1530, Öl auf Holz
    Inv.-Nr. M 167

In der Malerei der Spätgotik tritt der Bildtypus des sogenannten Volkreichen Kalvarienbergs vermehrt auf: Dichtgedrängt Menschengruppen bevölkern die Kreuzigungsszene. Insbesondere in der westfälischen Malerei des Spätmittelaltersstellen die Maler das Passionsgeschehen auf einer Tafel vereint dar, indem sie die einzelnen Szenen simultan abbilden. Diese sind von links nach rechts in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Auch der 1465 in Geseke geborene Gert van Lon, der als „letzter Spätgotiker Westfalens“ bezeichnet wurde, folgt in seiner belebten Kreuzigungstafel diesem Schema.

So sind in der linken Bildseite Ereignisse abgebildet, die der Kreuzigung Christi vorausgehen: Aus den Stadttoren heraus bewegt sich der Zug auf den Golgatha-Hügel zu. Veronika hält das Schweißtuch, das sie Christus soeben gereicht hat; es folgt im vorderen Bildgrund die Kreuztragung Christi, mit Simon von Cyrene, der das Kreuz stützt. In der perspektivisch stark gestaffelten Figurengruppe nehmen wir direkt hinter Simon Johannes und neben ihm die Gottesmutter mit gefalteten Händen wahr. Marterwerkzeuge, etwa die Geißel, bereithaltend, umringen die Schergen Christus. Einer in Schrittstellung zerrt ihn an einem um den Leib geführten Strick vorwärts. Zur Bildmitte hin schließt sich die Darstellung der Ohnmacht Mariens an. Vom Schmerz ergriffen sackt Maria nieder, Johannes und Maria Magdalena geben ihr stützend Halt. Die senkrechte Mittelachse wird, älteren Bildtraditionen folgend, dominiert durch Christus am Kreuz. An die beiden leicht zur Bildmitte gedrehten Kreuze sind die Schächer mit Stricken festgebunden. Sie bluten aus Arm- und Beinwunden, da man ihnen die Glieder zerschlagen hat. Der gute Schächer links blickt auf Christus, der ans Kreuz genagelt wurde. Blut rinnt aus seinen Wunden und scheint auf die Volksmenge unter ihm zu tropfen. Darunter befindet sich der bekehrte Hauptmann, dessen Hand auf den Gekreuzigten weist. Seine Worte sind in dem Schriftband darüber festgehalten: Vere vere filius dei erat iste („Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“; nach Mt 27,54). Unterhalb des gekreuzigten bösen Schächers steht, die Lanze im Arm und gekleidet in ein prächtiges Goldbrokatgewand, Stephaton und lässt sich von einem Kriegsknecht Essig in ein Henkelgefäß gießen, um darin anschließend den Schwamm zu tränken. Zum rechten Bildrand hin folgen Szenen, die der Kreuzigung nachfolgende Geschehnisse der Heilsgeschichte zum Thema haben: Der auferstandene Christus steigt in die Vorhölle hinab und begegnet den ersten Menschen Adam und Eva; dem schließt sich die Noli me tangere-Szene an, also die Darstellung der Erscheinung des auferstandenen Christus vor Maria Magdalena (Joh 20,11–18).

Hinterfangen wird das Passionsgeschehen von einem Goldgrund, diese prächtige Folie kann als Symbol für die himmlische Sphäre gedeutet werden, davor tut sich eine Hügellandschaft mit einem Flusslauf auf, in die die mittelalterliche Stadtarchitektur integriert ist. In seiner „Kreuzigung im Gedräng“, wie der Volkreiche Kalvarienberg zuweilen auch genannt wurde, schafft van Lon Bezüge zu den Menschen seiner Zeit, indem er die Personen in zeittypischer, modischer Kleidung zeigt. In der Gesamtkomposition sowie in der Auswahl einzelner Bildformeln greift er hingegen auf Traditionelles zurück. Das 1974 aus dem Kunsthandel erworbene Tafelbild konnte 1994 – ermöglicht durch private Spenden – aufwendig restauriert werden. Von Gert van Lon befinden sich weitere Bildtafeln in der Sammlung des Diözesanmuseums (die Mitteltafel mit der Kreuzigung und die Gregorsmesse aus dem ehemaligen Hochaltar der Busdorfkirche, Inv.-Nrn. M 65/M 66); auch der Margarethenaltar im Westchor des Paderborner Domes stammt von van Lon.

Scätze der Sammlung
Volkreicher Kalvarienberg, 1520-30, Foto: Ansgar Hoffmann
Volkreicher Kalvarienberg, Detail · Foto: Ansgar Hoffmann
An den Anfang scrollen