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2017 nahmen wir an einem Projekt der Ostwestfalen-Lippe GmbH (Teutoburger Wald Tourismus) zum Thema Storytelling teil. Man sollte spannende Geschichten zu seinem jeweiligen Ort erzählen, die dann in einem gemeinsamen Format Besucher*innen der Region angeboten werden könnten. Interessant war die Ausgangsidee, wurden doch die teilnehmenden Kultureinrichtungen aufgefordert, sich für die Geschichten der Form der Heldenreise zu bedienen. Das Projekt war schnell abgeschlossen*, aber die Idee, sich „unseren“ Gottfried Böhm – also das Diözesanmuseum Paderborn – tatsächlich als einen Helden vorzustellen, blieb für uns sehr inspirierend, hat das relativ junge Gebäude doch eine wechselvolle, wahrhaft sturmumtoste Geschichte vorzuweisen. Bis heute wird es bewundert, geschmäht, ist von Abriss bedroht oder – vor allem außerhalb der Region – als Ort überregionaler Kulturvermittlung bekannt. Besser geht’s eigentlich nicht, und so wollen wir also – seinem Schöpfer zu Ehren (Gottfried Böhm verstarb am 9. Juni im Alter von 101 Jahren https://www.dw.com/de/architekt-gottfried-boehm-gestorben/a-57838135) – hingehen und die wundersame Mär unseres Helden zu BLOG bringen – eines Ritters in mittlerweile schon leicht angelaufener Bleirüstung, der im Jahr 1974 zum Schrecken der Paderborner ziemlich über Nacht vor dem altehrwürdigen Dom Stellung bezog und seither nicht mehr verschwinden wollte.

Was versteht man nun aber unter einer Heldenreise? Ihr Protagonist wird in die alltägliche Welt berufen – er (oder sie) trägt alles, was es für ein Heldenleben braucht, schon in sich. Eine Reihe unüberwindbarer Schwierigkeiten – auch eigene Befindlichkeiten – verhindern den Aufbruch ins Abenteuer, doch immerhin wird man von übersinnlichen Mächten unterstützt. Nach herben Rückschlägen und hohen Wogen findet der/die Held*in Freunde und Verbündete, besteht zahlreiche Prüfungen – oft steht es auf des Messers Schneide – und siegreich kehrt er (oder sie) heim, als Meister*in beider Welten – der alltäglichen und der des Abenteuers.

Soweit die Form im Allgemeinen. Unser spezieller Held erblickte 1974 das Licht der Paderborner Innenstadt. Seit die Bombardements des Zweiten Weltkriegs die Fachwerkbebauung auf der Südwestseite des Domes zerstört hatten (Abb. 1 und 2), herrschte hier ein freier Blick auf die beeindruckende, im Kern frühgotische Kathedrale. Die Verantwortlichen des Erzbistums nahmen im Jahr 1969 ebendiesen – seit der Zeit Bischof Meinwerks von Paderborn (amt. 1009–1036) eigentlich immer bebauten – Ort vor dem Dom für ihr neues Museum in den Blick.

Abb.1: Blick auf die Vorkriegs-Fachwerk-Bebauung am Übergang von Marktplatz und Dom-Vorplatz
Abb.2: Kriegszerstörungen im Bereich des Paderborner Doms

Mit der Entscheidung, es nach einem Entwurf von Gottfried Böhm (Abb. 3) zu errichten – der als Sieger aus einem groß angelegten Architektenwettbewerb hervorgegangen war – setzte man ein bewusstes Zeichen für moderne Architektur und neue, zukunftsweisende Bauformen. Dem Helden war also eine strahlende Zukunft in die Wiege gelegt. Gleich einer schimmernden Rüstung legten sich die gestuften Blei-Fassaden mit ihren zahlreichen Glasflächen um den in großer Geste aufsteigenden Innenraum – geradezu prädestiniert für epische Präsentationen. Vom Inneren des Museums aus konnte man den Dom erblicken – ein beziehungsreiches Gesamtgefüge, denn das Haus sollte u.a. den Domschatz bergen. Der Held aus Glas, Stahl und Blei war sich aber auch seiner Verwurzelung im Urgrund der jahrtausendealten Geschichte Paderborns bewusst – der Bau erhebt sich über den Resten des alten Palastes Bischof Meinwerks aus dem 11. Jahrhundert, dessen Gewölbe nun den Domschatz bergend überfangen sollten (Abb. 4).

Abb. 3: Entwurf Diözesanmuseum Paderborn von Gottfried Böhm
Abb. 4: Blick auf die obertägig sichtbaren Gewölbereste des Bischofspalastes Meinwerks während der Bauzeit des Diözesanmuseums, ca. 1974

Nicht nur als Bauwerk der Kirche war unserem Bleiritter überzeitliches Wohlwollen zumindest in Aussicht gestellt. Auch der Architekt sorgte mit seinem gesamten Wissen und seiner Kunst dafür, dass sich im Helden ein weiter philosophischer Horizont manifestieren sollte: Gottfried Böhm (*1920; † 2021), Sohn des Architekten Dominikus Böhm (1880–1955), der neben seiner Tätigkeit als Baumeister auch Bildhauer war und viele seiner Gebäude skulptural auffasste, war in den 1960er-Jahren gerade dabei, internationalen Ruhm zu erlangen. Charakterisiert durch einen ausgesprochen expressiven Formenreichtum, waren es vor allem Böhms frühe kristalline Beton-Bauten, die Aufsehen erregten. Als ein Höhepunkt dieser Zeit ist die Wallfahrtskirche in Neviges im Bergischen Land zu nennen, bis heute eines der bekanntesten Werke Böhms.

Der Entwurf des Diözesanmuseums zeigt eine bei Böhm allgemein in den 1970er-Jahren feststellbare Tendenz weg von den rein skulpturalen Bauwerken hin zu funktionaleren, „industrieller aufgefassten“ Formen, zu einem Gerüstbau, bei dem Stahl einen größeren Part als zuvor übernahm (Abb. 5 und 6) – wie die Paderborner noch leidvoll erfahren sollten.

Abb. 5 Der fertige „Böhm-Bau“ – Außenansicht von Osten mit Eingangsbereich
Abb. 6 Innenansicht von Osten, 1983

Dass das Paderborner Preisgericht mit seiner Entscheidung für den Böhm’schen Entwurf Weitblick und ein tiefes Verständnis für bedeutende architektonische Strömungen des 20. Jahrhunderts bewiesen hatte, zeigte sich (dies sei nur nebenbei bemerkt) auch daran, dass dem Architekten im Jahr 1986 der Pritzker-Preis – also der Oscar für Architekten – verliehen wurde. Damit befindet sich unser Heldenvater in einer Reihe mit Baumeister*innen wie Richard Meier, Frank Gehry, Renzo Piano, Norman Foster, Zaha Hadid oder Peter Zumthor.

Abb. 7: Protest an der Rüstung – bereits während der Bauzeit, ca. 1974

Soviel zu den Superkräften – nun beginnt die eigentliche Heldenreise, denn der Start in eine leuchtende Ausstellungswelt gelang nur zögernd. Bereits von Baubeginn an hatte es bei den Paderbornern Widerstände gegen das Gebäude gegeben: In Leserbriefen wurde etwa gefragt, ob man das Geld nicht besser in Krankenhäuser oder die Afrikahilfe investieren sollte. Damals wie heute wurde bzw. wird – gleich in mehrfacher Hinsicht erstaunlich – also angenommen, man könne mit jenen Geldmitteln, die in Kultur investiert werden, die sozialen Probleme der Gesellschaft lösen. Aber vor allem das krasse Stahlskelett des Ritters, welches in der Bauzeit in nur wenigen Tagen vor dem Dom emporwuchs, war es, welches das Fass zum Überlaufen brachte. Der Bau wurde als „Schandmal“ (Abb. 7), als „Mausoleum des gesunden Menschenverstandes“ oder als „der Stadt ewiger Klotz am Bein“ empfunden.

Abb. 8: Blick auf den Domturm durch die verglaste Nordwand des Diözesanmuseums. Im Innern der Verglasung hatte sich nach kurzer Zeit Material gelöst, was zu sichtbarer Schlieren- und Gitterbildung führte.

Dies alles hätte unseren Ritter nebst überzeitlichem Beiratspersonal natürlich nicht anfechten müssen – schließlich war man quasi Stararchitektur für kulturelle Zwecke, die wird oft erst mal falsch verstanden. Doch zu all dem kam eine ausgesprochen ernsthafte innere Seins-Krise hinzu, vermochte es doch der Held nicht, die ihm anvertrauten Exponate – das war ja seine eigentliche Aufgabe gewesen – gegen die Unbilden der Zeit und des Klimas zu schützen! Weder die Konstruktion des Baukörpers noch die eingebaute Lüftungstechnik waren geeignet, konstante Klimawerte für die wertvollen Kunstgegenstände sicherzustellen. Durch die großen Fensterflächen gelangte das Licht – und damit die den Exponaten arg zusetzende UV-Strahlung – ungehindert in den Innenraum (Abb. 8). Die Raumtemperatur heizte sich der dünnen Außenhaut wegen tagsüber schnell auf und kühlte nachts ebenso schnell wieder ab. Kunstwerke, die extra für die Präsentation im Neubau restauriert worden waren, zeigten nach einem Jahr so große Schäden, dass sie wiederum behandelt werden mussten – ein klarer Fall von Identitätsverlust – und das gleich auf mehreren Ebenen!

Abb. 9: Innen vor allem vertikal – Blick auf die Präsentation eines der Hauptwerke des Diözesanmuseums, die Imad-Madonna. Man erkennt, dass die kostbare Skulptur zum Schutz vor dem Sonneneinfall provisorisch von einer Art Gardine hinterfangen ist.

Mehr noch: Die gewaltige eigene Bildmacht unseres Helden auch im Inneren (Abb. 9) – Rezensenten sprachen von „Maschinenhallen“ oder „Laboratorien für Hochspannungstechnik“ – ließ die Exponate „wie erfroren, wie das Stroboskop-Bild eines personenreichen merkwürdigen Balletts“ wirken, schreibt etwa Ulrich von Altenstadt in einem – eigentlich als zustimmende Würdigung des gerade eröffneten Bauwerks gedachten – Aufsatz „Zwiesprache zwischen Alt und Neu. Das Diözesanmuseum Paderborn“ von 1979. Und weiter: „Nirgends auch nur ein Hauch ihres ehemaligen Milieus, […]. Hier sind sie endgültig abgedankt, konserviert im staubfreien Exil, aus ihrem einstigen Zusammenhang herausgelöst […].“

So verdunkelten sich die Zukunftsaussichten unseres Helden, wuchs der Unmut, mehrten sich die Stimmen in Paderborn, die nach der Spitzhacke riefen und für den Abriss sammelten. In der lokalen Presse lieferten sich Gegner und Befürworter hitzige Debatten. Die eine Seite wünschte sich Idylle; die Ausstellungstücke könne man doch auch gut auf die Paderborner Innenstadtkirchen verteilen. Die andere Seite setzte sich vehement für jenes zukunftsweisende und weit ausstrahlende Architekturprojekt ein, das in einem Atemzuge mit dem gleichzeitigen Centre Pompidou in Paris (Bauzeit 1971– 1977) genannt werde.

War es besser, einen Schnitt zu machen? Das vom hörbaren Teil des lokalen Publikums oft als Zumutung empfundene Gebäude, das zudem den Schutz der Exponate nicht leisten konnte, abreißen? Oder sollte man dem strahlenden Heldentraum einer großen Architektur, die gleichwohl auch für die Präsentation von Kulturgut bestens geeignet sei, jenem Traum, den die Initiatoren einst geräumt hatten, noch eine Chance geben?

In dieser bedrohlichen Situation nahte Rettung in Form zweier Verbündeter: Das Erzbistum beschloss, eine Sanierung zu versuchen – wie überall stand da auch gleich das Thema „Asbest“ mit auf der Sanierungsliste – und stellte unter der Führung des Leiters der Finanzabteilung eine Arbeitsgruppe zusammen, der unter anderem Mitarbeiter des Museums und des Bauamtes angehörten. Das Team kannte alle Schwächen, aber vor allem das Potenzial des Baues und stand zur Heldenrettung bereit. Außerdem wurde der britische Architekt Michael Brawne* (1925-2003) mit der Sanierung betraut. Brawne hatte sich bereits durch einige internationale Bibliotheks- und Museumsbauten einen Namen gemacht und war durch umfassende konzeptionelle Überlegungen zum Verhältnis von Architektur und Ausstellungsgut bekannt geworden. Er schlug vor, in das vorhandene Gebäude ein zweites, dank adäquater Technik als Museum funktionierendes Bauwerk einzubringen. Er zog unserem Helden also ein Untergewand an – denn er wollte seinen Charakter nicht grundsätzlich ändern –, das aus einer stabilen, mehrschichtigen und umfangreichen Wanddämmung bestand. Die Fenster wurden durch lichtundurchlässige Glaspaneele ersetzt, und dem Helden wurde zudem ein Rucksack verpasst, d.h., ein Anbau an der Nordseite zur Aufnahme einer Klimaanlage, die seitdem für ein konstantes Raumklima sorgt. Die Kühlung der Raumluft wird – in der Bauzeit wie auch heute noch innovativ – mit dem Wasser aus dem Quellkeller der Pfalzanlage Bischof Meinwerks nördlich des Doms vorgenommen; der Bleiritter ist also ‚grüner‘, als er aussieht. Der Eingang wurde von der Ostseite auf die Südseite des Gebäudes verlegt; dort bildet das Foyer nicht nur den Ort für einen adäquaten Besucher*innenempfang, sondern auch eine Klimaschleuse, die bewirkt, dass das Raumklima in den Schauräumen konstant bleibt.

Im Innenraum ist die Veränderung am deutlichsten wahrnehmbar (Abb. 10, 11 und 12), was bis zum heutigen Tag ein dankbarer Anknüpfungspunkt für zum Teil recht lautstarke und auch polemische Kritik ist. Doch die klaren weißen Flächen und auch die Brüstungen, die Kleinsträume schaffen, stehen unseren Exponaten ganz ausgezeichnet – der Bau ist nun tatsächlich als jenes Museum nutzbar, als das er einst bestellt worden war.

Abb. 10: Michael Brawne: Modell des Innenraums des Diözesanmuseums
Abb. 11: Entwurfsskizzen Christoph Stiegemanns (Direktor des Diözesanmuseums von 1991–2020) – der für den Umbau auch ein neues Präsentationskonzept erarbeitete – auf Grundlage des Architektenmodells
Abb. 12: Blick ins Diözesanmuseum nach dem Umbau 1993 (Foto 2009)

Aus all diesen Prüfungen ging der Bleiritter also gestärkt hervor. Die Ertüchtigung des „Böhm-Baues“ zu einem arbeitsfähigen Museum eröffnete in der Folgezeit noch ganz andere Perspektiven. Seit dem Ende der 1990er-Jahre gelang es, mittels großer kunst- und kulturhistorischer Sonderausstellungen (Abb. 13) mit einem hohen Anteil an atmosphärisch dichter Inszenierung und Erlebnisqualität, das Diözesanmuseum weit über die Region hinaus einem größeren Publikum bekannt zu machen. Viele der Sonderausstellungen hatten ein regionales Thema als Ausgangspunkt – etwa die Flucht Papst Leos III. im Jahr 799 zur Residenz Karls des Großen nach Paderborn (799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit),  oder die Entstehung zweier Hauptstücke der mittelalterlichen Sammlung des Diözesanmuseums – der Tragaltäre aus dem Umkreis der so genannten Werkstatt des Rogerus von Helmarshausen – im Zeitalter des Investiturstreits (CANOSSA – Erschütterung der Welt) und zuletzt die Barockisierung des Paderborner Doms durch zwei Antwerpener Künstler aus dem Umfeld von Peter Paul Rubens (PETER PAUL RUBENS und der Barock im Norden* [Abb. 14]).

Abb. 13: Eingangsebene des Diözesanmuseum anlässlich der Sonderausstellung „Credo – Christianisierung Europas im frühen Mittelalter“ 2013
Abb. 14: Besucher*innen der Ausstellung „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ 2020
Abb. 15: Comic-Zeichnen „Nachts im Museum“ im Diözesanmuseum 2019

Ausgehend vom jeweiligen regionalen Fokus wird der Blick dabei stets auf Europa geweitet, was dazu führt, dass zahlreiche europäische Museen, Sammlungen und Bibliotheken mittlerweile ganz genau wissen, wo Paderborn eigentlich liegt. À propos EUROPA! noch so eine Heldin, die es eigentlich verdient hätte, dass man ihre Bedeutung für uns alle in einem BLOG-Beitrag mal ordentlich hervorhebt.

Als Held kommt man nie zur Ruhe – Taten warten! Die nächste wird die bestmögliche Erschließung des aufsteigenden Innenraums für Menschen mit körperlichen Einschränkungen sein – im Gästebuch wurde er einmal recht knackig und passend als „zu treppich“ eingestuft. Auch unsere Museumspädagogik wächst und braucht mehr Raum (Abb. 15).

Wir arbeiten sehr gern in unserem besonderen „Böhm-Bau“, der – wie man sieht – eine bewegte Heldenreise hinter sich hat, und freuen uns auf zukünftige Herausforderungen. Das Visier bleibt dabei immer oben ☺

Autorin des Textes ist Christiane Ruhmann, seit dem Jahr 2000 Kuratorin für Sonderausstellungen am Diözesanmuseum.

Bildnachweis:

Abb. 1: Erzbistum Paderborn, Fachstelle Kunst, Fotografie vor 1945, Stempel: Landesdenkmalamt Westfalen-Lippe
Abb. 2: Hoher Dom zu Paderborn, Fachstelle Kunst, Fotograf unbekannt
Abb. 3: Karl Josef Schmitz: zur Neubauplanung des Erzbischöflichen Diözesanmuseums in Paderborn, in: Alte und neue Kunst 17/18 (1969/1970),  S. 31, S. 12
Abb. 4–11: Archiv des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn
Abb. 5, 6, 12, 13, 15: Diözesanmuseum Paderborn, Foto Kalle Noltenhans
Abb. 10, 14: Diözesanmuseum Paderborn, Foto Ansgar Hoffmann

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